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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 09.12.2009

Eine irische Liebesgeschichte

William Trevor: "Liebe und Sommer", Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 2009. 223 Seiten

Der Ort der Liebesgeschichte liegt in Irland. (Stock.XCHNG Michelle Seixas)
Der Ort der Liebesgeschichte liegt in Irland. (Stock.XCHNG Michelle Seixas)

Der Roman "Liebe und Sommer" von William Trevor führt zurück in die irische Provinz der 1950er-Jahre. In Rathmoye spielt sich für ein paar Sommermonate eine Liebesgeschichte ab, die ihren Akteuren viel abverlangt.

Wer zwei oder drei Romane des irischern Altmeisters William Trevor gelesen hat, meint sie zu kennen, diese melancholischen, an sich und der Welt zweifelnden Gestalten, die er seit 50 Jahren in seiner Prosa entwirft. Und natürlich ahnt man schon nach wenigen Seiten, dass all die Träume vom Glück, die Trevors Figuren insgeheim hegen, wie Seifenblasen zerplatzen werden. Dennoch gelingt es Trevor immer wieder, Differenzierungen vorzunehmen, unterschiedlichste soziale Milieus zu schildern und seinen Protagonisten in all ihren emotionalen Verstrickungen neue Nuancen abzugewinnen.

So auch in Trevors neuem Roman "Liebe und Sommer", der weit zurückführt in die irische Provinz der 1950er-Jahre. Rathmoye heißt der Ort des Geschehens, wo sich für ein paar Sommermonate lang eine Liebesgeschichte abspielt, die ihren Akteuren viel abverlangt. Ellie, die junge Frau eines rechtschaffenen Farmers, lebt einen monotonen Alltag, der kein sonderliches Leid für sie bereithält und dennoch die latente Begierde nährt, das Leben möge eine abenteuerliche Wendung nehmen, möge ungeahnte Gefühle aufkommen lassen. Als ein Fremder, der junge Florian Kilderry, in die Stadt kommt, scheint dieses Wunder einzutreten: Ellie verliebt sich in ihn und malt sich ein Liebesleben an seiner Seite aus. Ihr Alltag gewinnt mit einem Mal strahlende Farben hinzu.

Alle Dinge, selbst eine simple Packung Stärkemehl oder ein Stück Butter, beginnen plötzlich zu leuchten, als sie dem jungen Mann auf Spaziergängen ihr Herz ausschüttet. Natürlich ist das eine trügerische Hoffnung, zumal Florian am Ende dieses kurzen Sommers nach Skandinavien auswandern will. Auf ihr "Ohne dich gibt es nichts" erwidert er hilflose Sätze, die "Kränkung auf Kränkung, Schmerz auf Schmerz" häufen.

William Trevor hat mit zunehmenden Alter seine Kunst, menschliche Katastrophen in Nebensätze zu packen oder nur zwischen den Zeilen aufblitzen zu lassen, perfektioniert. Bedächtig umkreist er in "Liebe und Sommer" das Aufflackern von Glück und das unaufhaltbare Ersticken dieser Flammen. Gleichzeitig gelingt es ihm, die Engstirnigkeit der Kleinstadt einzufangen und Nebenfiguren wie den "armen Teufel" Orpen Wren einzubauen, deren geistige Verwirrung einen Zustand wiedergibt, von dem die glücklos liebende Ellie und ihre Seelenverwandten nur einen Schritt entfernt sind.

Hans-Christian Oeser hat Trevors luzide Sprache vorzüglich ins Deutsche gebracht. Kurze Sätze, die ein Panorama der Gefühle entwerfen und gleichzeitig nur andeuten, was sich hinter den (klein)bürgerlichen Fassaden abspielt - das macht unter anderem die stilistische Brillanz Trevors aus. Trotz seiner vielen Auszeichnungen, die er in Irland und in England erhalten hat, gilt er hierzulande immer noch als Geheimtipp. Das sollte sich schleunigst ändern.

Besprochen von Rainer Moritz

William Trevor: Liebe und Sommer
Roman. Aus dem Englischen von Hans-Christian Oeser, Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 2009. 223 Seiten, 20 Euro

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