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Fazit / Archiv | Beitrag vom 07.09.2013

Eine Höhle der Angst

Lars-Ole Walburg inszeniert in Hannover das "Wirtshaus im Spessart"

Von Alexander Kohlmann

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Intendant Lars-Ole Walburg steht  vor dem Schauspielhaus in Hannover. (picture alliance / dpa / Jochen Lübke)
Intendant Lars-Ole Walburg steht vor dem Schauspielhaus in Hannover. (picture alliance / dpa / Jochen Lübke)

Zur Spielzeiteröffnung gibt der Intendant des Schauspiels Hannover einen Einblick in die deutsche Seele: Lars-Ole Walburg hat selbst inszeniert und sich von Wilhelm Hauff - "Das Wirtshaus im Spessart" ausgesucht. Bei Walburg wird das Stück zu einer "Angstexpertise".

Nur ein riesiger Mond erhält die leere Hannoveraner Bühne, die in der Imagination des Publikums zum finsteren Spessart wird. Zwei Wanderer (Daniel Nerlich und Sandro Tajouri) arbeiten sich bibbernd und schlotternd über die nächtlichen Wege. Eine diabolischer Musiker (Alain Croubalian) umkreist sie mit unheimlichen Geräuschen und Klängen - und singt sehr passend "it´s a dark night".

In der Eröffnungsinszenierung der neuen Saison setzt Intendant Lars-Ole Walburg ganz auf Atmosphäre. Das Wirtshaus, ein Fachwerk-Skelett in Echtgröße, wird zu einem Ort der Angst, die sich nur zu Beginn auf die Räuber von außen richtet. Denn um die Zeit rum zu bringen und nicht ein zu schlafen, erzählen sich die Reisenden, die hier in einer Schicksalsgemeinschaft zusammengekommen sind, ausgerechnet gruselige Märchen und Fabeln.

Das Wirtshaus als finstere Höhle

Ausschließlich um Habgier und die Sünde, nicht zufrieden zu sein mit dem, was man ist, geht es in diesen Geschichten, die zunehmend mehr Besitz von den Schutzsuchenden ergreifen. Walburg lässt seine Schauspieler nicht nur erzählen, sondern das Wirtshaus immer wieder in finstere Höhlen, stürmische Küsten und einsame Kneipen verwandeln. Je länger die abendliche Gäste die Fabelwesen spielen, desto weniger gelingt es Ihnen wieder in die Realität zurückzufinden.

Als schließlich das Wirtshaus zurückfährt und im Nebel verschwindet, sind die Ängste übermächtig geworden. Kein Weg führt mehr aus dem Wald, unabhängig von etwaigen Räubern, die übrigens kein einziges Mal in Erscheinung treten.

Eine Angstexpertise und einen Blick in die deutsche Seele haben Walburg und sein Team versprochen und diese selbstgesetze Vorgabe nur teilweise eingelöst. Dass Angst gefährlicher sein kann als Ihr Objekt wird auf unheimliche Art und Weise erkennbar, was genau das speziell Deutsche an dieser Angst ist leider nur in Ansätzen. So bleiben noch Fragen offen, als sich der Mond im Morgengrauen über den Spessart senkt.

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