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Fazit / Archiv | Beitrag vom 29.06.2012

Eine Geschichte vom Flüchten

"Der falsche Inder" von Abbas Khider am Münchner Volkstheater

Von Michael Laages

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Der Schriftsteller Abbas Khider (picture alliance / dpa / Robert B. Fishman)
Der Schriftsteller Abbas Khider (picture alliance / dpa / Robert B. Fishman)

Die Regisseurin Nicole Oder ist mit Produktionen für den Berliner "Heimathafen Neukölln" mehrfach ausgezeichnet worden. In München siegte Oders Stück "Arab Queen" beim Festival "Radikal jung". Nun hat sie dort wieder inszeniert - und alle Erwartungen erfüllt.

Ein wenig in die Irre führen Autor und Titel ja schon – Abbas Khider, der Autor, der noch zur Saddam-Zeit aus dem Irak floh, könnte in der Tat und rein optisch für einen prächtigen Inder gehalten werden, wie er da in der ersten Reihe sitzt und schlussendlich mit auf die Bühne steigt, um den Jubel für eine starke Premiere entgegen zu nehmen mit dem Team vom Münchner Volkstheater.

Mit der Möglichkeit der Verwechslung spielen sowohl der Titel von Khiders 2008 erschienenem Roman "Der falsche Inder" als auch jetzt die Uraufführung der Theaterfassung - genauer: das Plakat dazu. Da steht nämlich - mit Sikh-Turban und in Uniform - ein, wie es scheint, Inder und tutet in die Tuba, wie auf dem Oktoberfest und/oder im Biergarten, wo die Musik spielt. Dass allerdings der Iraker für einen Inder gehalten wird, findet auf der Bühne nur zweimal und auch dann nur sehr am Rande Erwähnung.

Kurzum: Um den Inder geht’s hier am allerwenigsten.

Stattdessen um eine Geschichte vom Flüchten – die drei Ensemblemitglieder Sinan Al-Kuri, Pascal Riedel und Stefan Ruppe zeigen gleich zu Beginn in rasendem Rollenwechsel, dass das Schicksal, das jetzt hier gleich verhandelt werden wird in 90 Minuten, Dutzenden und Aberdutzenden Hilfe- und Heimatsuchenden aus verschiedensten Regionen der Welt passieren könnte hierzulande, am Fluchtweg nach Europa und am Endpunkt München.

Es ist dann aber die Geschichte von Rasul-al-Nuri darf dessen Rolle das ganze Stück hindurch behalten. Riedel und Ruppe dagegen markieren ungezählte Profile, die dem jungen Iraker am Lebens- und Fluchtweg begegnen. Zunächst die Eltern, in Lebenslügen verstrickt. Der Vater ist und bleibt Saddam-Fan, die Mutter leidet still an seiner Seite, aber ist letztlich verständnisvoll und hilfreich für den Sohn, als der die Enge nicht mehr aushält nach dem Krieg gegen Iran von 1980 bis 1988, offen opponiert, gefangen genommen und gefoltert wird und nach Jordanien flüchten will.

Dort arbeitet Flüchtling Rasul, mehr oder minder geduldet in einer Seifenfabrik. Mit hin- und her rollenden Autoreifen markiert die Bühne von Franziska Bornkamm diese Szenerie. Und prinzipiell braucht sie nur ein breites Nudelbrett als Bühne und die Wand dahinter. Ein paar geklebte und gebastelte Requisiten genügen für alles, was folgt.

Von Jordanien geht die Flucht weiter: Tunesien ist das Ziel, aber es bleibt bei Libyen. Von dort führt der Weg über die Türkei nach Griechenland. Dann wird Schweden angepeilt – doch bei der Ankunft in Deutschland (Verwechslung als "Inder" inklusive) wird klar, dass es weiter vorerst nicht geht. Das Leben beginnt – am armseligen Abgrund der reichen deutschen Gesellschaft, in einer käfigartigen Unterkunft für Asylbewerber.

Nicole Oder ist mit Produktionen für den Berliner "Heimathafen Neukölln" bekannt und mehrfach ausgezeichnet worden. Vor Jahresfrist siegte Oders Stück "Arab Queen" beim Festival "Radikal jung" am Münchner Volkstheater. Die Einladung jetzt folgte diesem Erfolge – und Oder erfüllt alle Erwartungen.

Sie bringt die Inszenierung nicht nur in Schwung, sondern sogar auf Hochtouren vor allem durch die Reduktion des Gesamt-Personals auf drei Spieler. Und speziell diese drei machen sich ein Fest aus der Verwandlung im Minutentakt. Das und die sparsame, aber signifikante Ausstattung markieren das große Plus des Abends. Fast vergessen ist angesichts dessen die etwas magere Struktur der Text-Vorlage und auch die skurrile Spekulation mit der denkbaren doppelten Fremdheit durch einen tatsächlich "falschen Inder", der die Tuba wie der Huber im Biergarten spielt.

Und auch wenn’s um ihn nicht geht – um eine Realität geht’s, die uns reichen Deutschen auf der Seele brennen müsste.


Mehr auf dradio.de:

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