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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 14.05.2013

Eine gelungene Provokation

Robert M. Sonntag: "Die Scanner", Fischer, Frankfurt am Main 2013, 192 Seiten

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So sehen digitale Daten aus - in "Die Scanner" wird fast nur noch digital kommuniziert. (picture alliance / dpa / Maximilian Schönherr)
So sehen digitale Daten aus - in "Die Scanner" wird fast nur noch digital kommuniziert. (picture alliance / dpa / Maximilian Schönherr)

In diesem Roman gibt es keine Bücher und Zeitungen mehr. Das Buch spielt im Jahr 2035 und schildert die Welt aus der Sicht des Mittzwanzigers Rob und seinem Freund. Ein Zukunftsthriller über Freundschaft in digitalen Zeiten: mit Tempo und keinem Moment Langeweile.

Wir schreiben das Jahr 2035. Zu diesem Zeitpunkt wird fast nur noch digital kommuniziert. Bücher oder gedruckte Zeitungen sind weitgehend verschwunden. Die letzten Überreste analoger Zeiten werden nach und nach von sogenannten Buchagenten aufgespürt, eingescannt und anschließend vernichtet - im Auftrag der SCAN AG. Propagiert wird die Vernichtungsaktion mit dem Versprechen, man könne alles kostenlos im sogenannten Ultranetz nachlesen und Papier sei damit überflüssig geworden.

Auch der Mittzwanziger Rob und sein Freund Jojo machen im Dienste der SCAN AG ohne jegliche Bedenken Jagd auf die letzten verbliebenen Bücher. Sie kennen nichts anderes als die digitale Welt, und sie vertrauen ihr blind. Bis Rob in die Kreise der geheimen Büchergilde gerät, einer Ansammlung aus Ex-Verlagsmitarbeitern, pleitegegangenen Buchhändlern und arbeitslosen Schriftstellern. Sie wollen das gedruckte Wort vor dem Aussterben retten - und werden deshalb als Terroristen gesucht. Als das Ultranetz beschließt, seine Gegner von der Büchergilde endgültig aus dem Weg zu räumen, gerät Rob zwischen die Fronten und steht kurz davor, selbst als Terrorist für immer hinter Gittern zu verschwinden.

Die Dystopie, die Robert M. Sonntag in diesem für Jugendliche geschriebenen Thriller entwirft, ist nicht neu. Bereits vor 60 Jahren hat der Science Fiction-Autor Ray Bradbury in "Fahrenheit 451" eine ähnliche Geschichte erzählt - von einer Zukunft, in der es verboten ist, Bücher zu besitzen. Dennoch ist "Scanners" äußerst lesenswert: Der Roman hat Tempo und ist nicht einen Moment langweilig.

Internetphänomene weitergedacht

Dass die Sprache einfach ist - ein Zugeständnis an die jugendliche Zielgruppe - tut dem keinen Abbruch. Reizvoll ist, wie Robert M. Sonntag, der eigentlich Martin Schäuble heißt und bisher Sachbücher über den Nahostkonflikt geschrieben hat, aktuelle Internetphänomene in seiner Fiktion weiterdenkt und sich damit dann auch von Bradbury absetzt.

Die skrupellose SCAN AG etwa, der es in Wirklichkeit weniger um digitalisiertes Wissen, als um Macht und Kontrolle über die Menschen geht, steht für Google und sein Vorhaben, alles in Büchern gespeicherte Wissen online verfügbar machen. Das Ultranetz ist eine Weiterentwicklung unseres Internets - eine omnipräsente Manipulationsmaschine, in der statt digitalisierter Bücher vor allem Werbung und flache Unterhaltung geboten werden. Und auch die umstrittene Datenbrille Google Glass findet sich bei Sonntag wieder.

Hier heißt sie "Mobril" und zeichnet alles auf, was sein Träger tut, um es gleich online an alle Freunde zu verschicken und natürlich an das Ultranetz. Das "Leben in Scanners" ist total technisier.

Die klare Botschaft: Für Robert M. Sonntag ist das Ende des Buches gleichbedeutend mit dem Ende unserer (demokratischen) Kultur. Diese Sicht muss man nicht unbedingt teilen. Eine gelungene Provokation ist das Buch aber allemal.

Besprochen von Vera Linß

Robert M. Sonntag: Die Scanner
Fischer Frankfurt am Main 2013
192 Seiten, 12,99 Euro

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