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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 19.09.2006

Eine ganz normale virtuelle Beziehung

"Gut gegen Nordwind" ist ein schöner E-Mail-Wechsel

Rezensiert von Roland Krüger

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You got mail. Sehnsüchte via Internet. (Stock.XCHNG / Artur Bednarski)
You got mail. Sehnsüchte via Internet. (Stock.XCHNG / Artur Bednarski)

Wer wünscht sich nicht so eine Beziehung - voller Verständnis, Humor, gut gemeinter Kritik und einem immer offenen Ohr ohne, dass einem der Andere zu nahe treten könnte. Gibt es nicht? Schon mal mit was Virtuellem versucht? Daniel Glattauer hat ein Buch über die Vorteile einer E-Mail-Beziehung geschrieben.

Emmi Rothner versucht, per E-Mail ein Zeitschriften-Abonnement zu kündigen. Da ihr beim Eingeben der Adresse ein Fehler unterläuft, landet die Mail im Postfach von Leo Leike. Dieser antwortet darauf - zunächst nur, um den Irrtum aufzuklären. Das ist der Anfang eines ergreifenden E-Mail-Wechsels zwischen den beiden Hauptfiguren. Schon bald fühlen sich die beiden Schreiber überaus voneinander angezogen. Aber sie sind hin- und her gerissen zwischen der Sehnsucht, die Person an der Tastatur kennenzulernen und der Angst vor der Enttäuschung, dass der beziehungsweise die andere nicht dem immer schärfer konturierten Bild der eigenen Vorstellung entspricht.

Leo hat gerade eine zerbrochene Beziehung hinter sich, Emmi beschreibt sich als glücklich verheiratet. So scheuen beide immer wieder vor einem Treffen zurück. Das Warten auf eine Mail des Anderen wird jedoch allmählich zur Besessenheit - weder Leo noch Emmi können ohne elektronische Post ihrer virtuellen Bekanntschaft leben. Beide vertrauen einander ihre intimsten Sehnsüchte an, kennen aber immer noch nicht den genauen Aufenthaltsort des Anderen. Heftige Gefühle werden ausgetauscht, und es mangelt weder an Eifersucht, Humor, Enttäuschung, Leidenschaft und erst recht nicht an Liebeserklärungen.

Es scheint nur noch eine Frage der Zeit zu sein, wann das Treffen zwischen Emmi und Leo stattfinden wird. Als nach Hunderten von E-Mails endlich der Tag des geplanten Treffens da ist, wissen beide immer noch nicht, ob das konkrete Kennenlernen zweier virtueller Personen gut gehen kann.

"Gut gegen Nordwind" ist sehr viel mehr als ein elektronischer Briefwechsel. Zwei Personen vertrauen einander ihre Sehnsüchte an, gerade weil sie sich nicht wirklich kennen. Sie beklagen häufig diesen merkwürdigen Zustand, über die Gefühle des Anderen so genau Bescheid zu wissen, ohne ihn beziehungsweise sie jemals gesehen zu haben. Der Roman schwebt äußerst geschickt zwischen der in den E-Mails beschriebenen Idealvorstellung des perfekten Partners und dem Zögern, welches entsteht, da die beiden Hauptfiguren selbst nicht wissen, ob sie diesem Idealtypus je entsprechen können. Genau dieses Spannungsgefüge trägt das gesamte Buch.

Die Einzigartigkeit von "Gut gegen Nordwind" liegt in der strengen Form des Romans, die vom Leser geradezu verlangt, seine Vorstellungskraft nach Kräften zu gebrauchen. Vordergründig formal ist der Roman tatsächlich nichts weiter als ein elektronischer Briefwechsel. Mit allen Vor- und Nachteilen, die E-Mails haben. E-Mails können schnell sein, wenn die Schreiber es wünschen. So reicht die Mail-Frequenz vom schnellen Dialog bis hin zum tagelangen Abwarten, wenn einer der beiden nicht antworten möchte. Emmi und Leo freuen sich nicht nur aneinander, sondern sie ärgern sich auch über den Anderen. Sie tauschen keineswegs nur Höflichkeiten aus. Erstaunlicherweise siezen sie sich sehr lange.

So, wie man diesen Roman liest, hat man noch keinen anderen gelesen. Als Leser ist man gierig danach, die beiden Schreiber kennenzulernen. Andererseits sieht man auch die Vorteile einer elektronischen Beziehung: Jeder lässt den Anderen ausreden beziehungsweise ausschreiben, und jeder muss nur das von sich preisgeben, was er möchte. Ab und zu beschleicht einen auch der Gedanke, dass sich zumindest einer der beiden einen Spaß aus dem E-Mail-Wechsel machen könnte und möglicherweise jemand ganz anderes ist als er oder sie vorgibt. Man muss sich immer wieder vor Augen führen: Nichts ist real, alles ist virtuell. Und: Man wünscht sich bald irgendwie selbst eine so verständnisvolle, humorvolle und auch kritische Person, die einem nicht zu nahe treten kann.

"Gut gegen Nordwind" ist so packend, weil man sich immer wieder dabei erwischt, die Wertigkeit der realen Welt zu hinterfragen. Sind nicht Gedanken auch virtuell? Was ist mit Liebe, mit Gefühlen wie Hoffnung, Frust, Spaß und Trauer?

Die beiden E-Mail-Verfasser tragen den ganzen Roman. So federleicht, dass der E-Mail-Wechsel doppelt so umfangreich sein könnte, ohne langweilig zu werden. Daniel Glattauer hat es verstanden, die beiden Hauptpersonen aus der Beliebigkeit von Millionen E-Mail-Schreibern herauszuholen. Es gelingt ihm, Situationen zu konstruieren, die die virtuellen Helden greifbar machen. Es gibt eine dritte Romanfigur: Mia. Mia ist die Freundin von Emmi, die sie zunächst gerne mit Leo verkuppeln möchte. Als dies scheinbar gelungen ist, wächst bei Emmi die Eifersucht. Spätestens hier merkt der Leser, dass die virtuelle Welt der Vorstellung realer werden kann als die konkret-reale Welt.

Daniel Glattauer wurde am 19. Mai 1960 in Wien geboren. Er studierte Pädagogik und Kunstgeschichte und schrieb drei Jahre lang für "Die Presse". Seit 1989 schreibt er unter dem Kürzel "dag" in der Tageszeitung "Der Standard" Kolumnen, Gerichtsreportagen und Feuilletons. "Gut gegen Nordwind" ist seine achte Buchveröffentlichung.

Daniel Glattauer: Gut gegen Nordwind
Deuticke im Paul Zsolnay Verlag, Wien, August 2006
222 Seiten, 17.90 Euro

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