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Religionen / Archiv | Beitrag vom 16.11.2013

"Eine entsetzliche Karikatur einer Religion"

Der algerische Autor Boualem Sansal übt radikale Kritik am Islam

Moderation: Barbara Wahlster

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Der algerische Schriftsteller Boualem Sansal bei der Verleihung des Friedenspreises in der Frankfurter Paulskirche. (picture alliance / dpa / Arne Dedert)
Der algerische Schriftsteller Boualem Sansal bei der Verleihung des Friedenspreises in der Frankfurter Paulskirche. (picture alliance / dpa / Arne Dedert)

Durch den Einfluss der Islamisten sei die arabische Welt in einem "rasenden Rückschritt" begriffen und auch der europäsiche Islam entwickele sich zurück, sagt der algerische Schriftsteller Boualem Sansal. Er fordert: Auch Moslems sollten sich gegen den politischen Islam wehren.

Kirsten Dietrich: Der algerische Schriftsteller Boualem Sansal ist einer der wenigen, die nicht aus dem Land ins Exil geflohen sind. Die blutigen Jahre des gewaltsamen Bürgerkrieges hat der ehemalige Ökonom im Industrieministerium genutzt, um zu schreiben. Sansal ringt darum, sich und anderen die Gewalt in seiner Heimat und ihre Entstehung zu erklären. Außerdem hat er ein ganz besonderes, spöttisches, polemisches Talent entwickelt, weswegen viele seiner Texte in Algerien verboten und nicht zu kaufen sind. Absurd, angesichts der Möglichkeiten des Internets, findet der Autor. 2011 ist er Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels geworden und hat gemeinsam mit seinem israelischen Kollegen David Grossman den "Straßburger Appell" lanciert, eine Schriftstellerinitiative für den Frieden zwischen Palästinensern und Israelis.

Nun ist ein neuer Text erschienen, ein Essay, Betrachtungen eines Zeitzeugen mit dem Titel "Allahs Narren. Wie der Islamismus die Welt erobert". Boualem Sansal war auf Deutschlandreise, Barbara Wahlster hat ihn zum Gespräch getroffen. Und sie wollte von ihm wissen, wie man denn Empathie lernen könne angesichts der Feindseligkeit gegen Israel und des Antisemitismus und Antizionismus in der muslimischen Welt.

Boualem Sansal: Das ist ungemein schwierig, denn bei uns im Maghreb kennen 90 Prozent der jungen Menschen und noch mehr nichts anderes als ihre Heimat. Noch nie sind sie aus ihrem Land rausgekommen, während die Gleichaltrigen in Europa mehrmals um die Welt gereist sind und wissen, was ein Mexikaner ist, sie sind einem Israeli begegnet, einem Russen. Algerier bis zum Alter von 40 Jahren sind noch nie rausgekommen, waren immer in ein und demselben sehr engen ideologischen Umfeld. Das zerstört mit der Zeit das Hirn: Stadion, Moschee, Präsident – darum dreht sich das Leben – und um die kleinen Zwistigkeiten im Viertel. In einer Schachtel bekommt man nicht genug Luft in den Kopf. Man muss schon die Welt betrachten, damit der Geist weit wird.

Barbara Wahlster: Sie befassen sich in Ihrem neuen Buch mit dem politischen Islam, mit dem kriegerischen Missbrauch von Religion zu Zwecken des Machterwerbs. Welche Versprechen macht dieser politische Islam? Was hat er den jungen Menschen heute zu bieten? Sterben ist doch nicht verlockend, aber Religion und Dschihad, das ist, wie Sie das auch immer wieder betonen in diesem Buch, eins.

Sansal: Das gehört zur Magie. Diejenigen, die die Religion aus politischen Gründen missbrauchen, setzen auf mehrere Aspekte. Ein Argument heißt, dass der Westen den Islam zerstören, dessen Territorien requirieren will. Auch an ihrem Elend und ihren Leiden sei der Westen schuld, das internationale Geld, die Juden. Das wird scheinbar ganz rational vorgetragen – so wie daran ja durchaus auch Leute im Westen glauben. Man betritt aber irgendwann magisches Terrain, an der Religion hängen Träume: Gott, mythische Gestalten.

Das wird auf Dauer, wenn die Dosis zu stark ist, zur Droge. Kleiner und intelligenter dosiert, haben wir es eher mit einer Art Lebenskunst zu tun, mit einem lebensbejahenden Faktor. Während des Bürgerkrieges gab es tatsächlich Menschen, die glaubten, dass die Islamisten unsterblich seien, dass sie durch Gebete und Gesänge unerreichbar für Kugeln geworden seien. Das haben erschreckend viele Algerier geglaubt, Militärs eingeschlossen, die dann nicht mehr danebengetroffen haben, sondern einen Unsterblichen vor sich hatten.

Wahlster: Aber weil Sie jetzt von denjenigen im Land, in Algerien gesprochen haben, würde mich doch noch mal interessieren, welche Unterschiede im Hinblick auf das Verhältnis zu ihrem Glauben Sie sehen zwischen Emigranten in Europa und denjenigen, die in Algerien geblieben sind.

Sansal: Man muss schon sagen, dass der Islam bei uns lange Zeit in der Defensive war – wegen der Diktaturen, den fehlenden Intellektuellen, dem Mangel an Theologen, dem Fehlen einer Organisation, die religiöse Fragen im Hinblick auf die Notwendigkeiten des Lebens heute diskutiert hätte – und so weiter und so fort, also rückläufige Entwicklung. Ich gehörte damals zu denjenigen, die überzeugt davon waren, dass der europäische Islam unsere Chance sei. Weil er mit der Gegenwart und mit der Demokratie zurechtkommen muss und das könnte uns dann helfen, den heimischen Islam zu modernisieren.

Genau das Gegenteil ist passiert. Noch vor dreißig Jahren war der Islam in Europa intelligent, hatte eine Ahnung davon, dass man sich in einem fremden Land anpassen und das Religiöse als Privatangelegenheit betrachten muss. Aber jetzt herrscht da der rückläufige Islam unserer Länder vor. Er war ansteckend. Deutsche Vorstädte kenne ich nicht, aber wenn ich in Frankreich unterwegs bin oder in Spanien, habe ich den Eindruck, in Kabul zu sein oder in Algier zu schlimmsten Zeiten des Bürgerkrieges, als der Islam zu einer entsetzlichen Karikatur einer Religion geworden ist. Das treffen wir heute in Europa an.

Wahlster: Wie schätzen Sie denn in dem Zusammenhang Tarik Ramadan ein, den Enkel von Hassan al-Banna, dem Gründer der Muslimbrüder. Es gibt ja Menschen, die ihn für eine ganz umstrittene Figur halten in seiner Rolle, was den Islam in Europa angeht, und andere, die sagen, er versucht tatsächlich, einen europäischen Weg zu finden.

Sansal: Genau das ist es nicht, davon bin ich überzeugt. Er missioniert aus der Tradition und der Denkweise der Muslimbrüder, das heißt, aus einer Angriffshaltung heraus, darauf aus, seine Anhängerschaft zu vergrößern – und das alles auf intelligente Weise. Sie geht auf Überlegungen vom Ende des 19. und des frühen 20. Jahrhunderts zurück, als es um die Frage ging, wie man den Islam beleben könne. Einige setzten dabei auf Gewalt, andere auf sanftere Methoden: auf Soziales und Kulturelles. Das hat viel schneller Erfolg gebracht.

1928 haben sich die Muslimbrüder gegründet und nur zwei Jahre später ging ihre Anhängerschaft bereits in die Millionen. Sie bedienen alle nur denkbaren Bedürfnisse – Religion auf Sparflamme für Kinder und Bildungsferne, Sozialarbeit auf breiter Basis, aber auch Kultur und vor allem: Sie haben die Wissenschaften reklamiert, weil sie sahen, wie wichtig diese für die Zukunft waren. Tarik Ramadan stammt aus der Tradition, er ist extrem gebildet. Aber es geht um Anhängerzahlen und Eroberung – wie auch bei anderen radikalen Gruppen.

Wahlster: Wie muss man sich das eigentlich vorstellen, woher kommt dieses zweierlei Maß? Missionieren im Westen für Anhänger der Muslimbrüder und andere ist in Ordnung, ist das, was wir immer stärker sehen können. Die christlichen Organisationen denen wird sehr schnell, selbst in der Türkei, der Vorwurf der Missionierung gemacht. Und Missionierung ist ja im Prinzip, was wir bei zahlreichen Moschee- und Kulturvereinen sehen. Also: warum zweierlei Maß?

Sansal: Dass zweierlei Maß gelte, ist natürlich ein gewichtiges Argument; und zwar andersherum: die Regime in der muslimischen Welt und auch die Islamisten argumentieren damit. Nach dem Motto: "Sie" erlauben sich, was sie "uns" verbieten – etwa die sichtbaren Zeichen religiöser Zugehörigkeit, also den Schleier, während die Kippa und Kreuze erlaubt sind. Das ist im Übrigen ein starkes Argument der Mobilisierung, weil es eine existierende Ungerechtigkeit benennt. Und wenn man von Mission spricht, muss man auch deshalb sehr vorsichtig sein, weil damit sehr unterschiedliche Realitäten bezeichnet werden.

Argumentieren und Überzeugen wäre das eine, was als Unterweisung in manchen Moscheen in Europa unproblematisch und ohne jeden Zwang geschieht. Aber die Missionare spielen auf unterschiedlichen Klaviaturen. Sie üben Zwang aus auf Mädchen, den Schleier zu tragen, die Umgebung zu islamisieren. Der Begriff wurde sogar im sozialistischen Algerien gebraucht. Wenn die Umgebung nicht mehr vielfältig ist, wird man leichte Beute. Da stecken Tricks und Strategien dahinter – nicht anders als bei den amerikanischen Evangelikalen in Afrika auch. Das nimmt sich nichts. Sie kaufen sich die jungen Leute, die beten und den anderen vormachen, sie seien bereits viele.

Wahlster: Boualem Sansal, Schriftsteller aus Algerien, im Gespräch mit Deutschlandradio Kultur, ist der Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels aus dem Jahr 2011, und Sie haben gerade ein Buch geschrieben, "Allahs Narren. Wie der Islamismus die Welt erobert". Auch eine Einführung in die Strömungen, die Gegensätze von Glaubensrichtungen, Rechtsschulen und so weiter. Also, mit Differenzierungen, die wir zum Teil im Westen nicht kennen. Aber auf der anderen Seite hat man ja auch den Eindruck, dass die Kenntnisse von Geschichte und Glaubensdifferenzierungen bei uns überhaupt nicht bekannt sind, weder in der arabischen Welt noch bei den muslimischen Jugendlichen oder jungen Menschen, die wir hier beobachten.

Sansal: Religiöse Phänomene sind weder im Westen noch bei den Moslems bekannt. Nicht einmal die Moslems kennen die Geschichte des Islam, nicht einmal fromme Menschen. Das Buch habe ich auch aus dem Impuls geschrieben, dass die Unkenntnis früher normal war; jeder ging seinen Angelegenheiten nach. Heute werden wir vom Religiösen überschwemmt. Wenn man nicht konfessionell ist und das auch bleiben will, muss man den Angreifer kennen und wissen, wogegen man sich wehrt. Auch als Moslem, der sich gegen den politischen Islam verteidigen will, braucht man gewisse Kenntnisse. Das gilt auch für andere Religionen. Ich überlege mir ernsthaft, ein Buch über das Christentum zu schreiben – ein Gegenstück zu diesem Buch. Um den Muslimen zu zeigen, worum es überhaupt geht. Ich bin überzeugt davon, Frieden ist nur möglich in gegenseitiger Kenntnis, im gegenseitigen Wissen voneinander. Dagegen herrscht totale Unkenntnis.

Wahlster: Was eigentlich ist aus dem Volksislam geworden, aus diesen lokalen Festen und Riten, die ja zum Teil durchaus Parallelen auch in der christlichen Welt haben? Mir scheint, dass das Fernsehen, dass die Kraft der saudi-arabischen Medien da eine Gleichmacherei produziert hat, die ja auch wieder sich auswirkt, weltweit.

Sansal: Für mich eine katastrophale Entwicklung. Der Islam ist nicht einheitlich, er besteht aus unterschiedlichen Richtungen, die auf komplexe theologische Fragestellungen und Dispute zurückgehen. Und dann entstand in den muslimischen Ländern kurz vor der Unabhängigkeit ein sehr vielfältiger, synkretistischer und sympathischer Islam. Er hat sich in der Kolonialzeit herausgebildet, in der Nachbarschaft von Katholiken, Juden und Animisten. Das ist der Islam meiner Kindheit, der alles andere als problematisch war. Mit der Unabhängigkeit wurde er instrumentalisiert – als Mittel der sozialen Kontrolle und Unterdrückung. Die Regierungen haben die Freitagspredigten ausgenützt, um ihre Themen und ihre Sichtweisen zu verbreiten – zum israelisch-palästinensischen Konflikt beispielsweise.

Aus gemischten Milieus wurden also rein muslimische unter starkem propagandistischem Beschuss. Antisemitismus gehörte ebenso dazu wie die Rede gegen Reiche und Bourgeoise, gegen die Frauen, gegen die Moderne. Und auf diese Weise ist der Volksislam allmählich blöde, dumm und monströs geworden. Bevor ich nach Deutschland kam, stand in den algerischen Zeitungen, dass ein Vater seiner 16-jährigen Tochter vor den Augen der Mutter die Kehle durchgeschnitten hat, weil sie kein Kopftuch tragen wollte. So etwas hat es nie gegeben. Selbst sogenannte Ehrenmorde folgten einem Codex. Heute tötet man einfach so. So sieht der Volksislam heute aus.

Wahlster: Es gibt natürlich eine Entwicklung dahin, und Sie selbst sprechen in Ihrem Buch unter anderem von den starken und einfachen Begriffen, die das muslimische Weltbild strukturieren. Nun kann man sich natürlich sofort fragen, inwieweit starke und einfache Begriffe überhaupt angemessen sind, komplizierte, ambivalente oder sonst wie komplexe Weltverhältnisse zu erfassen und zu beschreiben.

Sansal: Die Prinzipien der Propaganda haben sich im Lauf der Zeit nicht verändert: grob und einfach muss es sein. Je komplizierter man die Dinge ausdrückt, desto weniger funktioniert es. Die Menschen brauchen nämlich einfache Definitionen, klare Verantwortliche, erkennbare Opfer. Kompliziertes klappt nicht, nicht einmal bei Gebildeten. Das wurde gut verstanden. Mein Leben lang habe ich von der Regierung oder von den Islamisten nur höchst Simples gehört. Als bräuchten die Menschen genau das.

Um auf Tarik Ramadan zurückzukommen: Darin ist er besonders gut. Im Westen hält er komplizierte Reden über die Demokratie, über säkulare Verhältnisse und so weiter, sehr gebildet, bezieht sich auf Rousseau und Voltaire. Aber wenn man sich seine Kassetten und CDs anhört, die in den Vorstädten zirkulieren, dann ist das ein betuliches Gerede wie auf dem Land. Da wird nicht argumentiert, da werden Regeln ausgegeben. Man kann es auch auf YouTube sehen: Ramadan versetzt die Leute mit solchen Sätzen in Trance.

Wahlster: Sie sagen einen Bruch zwischen Muslimen und den nationalen Mehrheitsgesellschaften hier in Europa voraus. Das ist ein sehr pessimistischer Blick. Was bringt Sie dazu?

Sansal: Begriffe wie optimistisch oder pessimistisch stören mich sehr. Als hätte man eine klare Absicht, mit der man bestimmte Dinge sagt. Kommen wir doch zurück zu den Tatsachen: Der Begriff Islamist war vor rund 30 Jahren unbekannt. In der Zwischenzeit ist die arabische Welt zerfallen, zerstört, im rasenden Rückschritt begriffen. In einem Land wie Tunesien, wo die Frauen weitreichende Rechte wie im Westen hatten und die Salafisten heute die Straße kontrollieren, dort schlagen die jungen Frauen mittlerweile von sich aus vor, sich an die Sitten zu halten, die Gesellschaft nicht zu überfordern und zurückzustecken. Und auch der europäische Islam entwickelt sich zurück. Selbst Menschen, die nicht aus Armuts- und Arbeitsgründen emigrieren mussten, Gebildete also, gehen diesen Weg. Das ist beunruhigende Realität. Dieses komplexe soziale, politische, philosophische Phänomen gilt es zu beschreiben, zu untersuchen – um Lösungen zu finden.

Kirsten Dietrich: Barbara Wahlster war das im Gespräch mit dem algerischen Schriftsteller Boualem Sansal. Sein Essay "Allahs Narren. Wie der Islamismus die Welt erobert" ist im Merlin Verlag erschienen, übersetzt von Regina Keil-Sagawe. Das Buch hat 164 Seiten und kostet 14,95 Euro.

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