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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 02.11.2010

Eine einzige Verteidigung des Glaubens

John Rawls: "Über Sünde, Glaube und Religion", Suhrkamp, Berlin 2010, 343 Seiten

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Jesus am Kreuz (Stock.XCHNG / Robert Aichinger)
Jesus am Kreuz (Stock.XCHNG / Robert Aichinger)

Herausgeber Thomas Nagel legt die Bachelor-Arbeit des Philosophen John Rawls vor, die dieser im Alter von 21 Jahren verfasst hat und die erst nach seinem Tod gefunden wurde. Rawls zeigt sich darin überzeugt, dass die Sünde ebenso wie das gute Werk immer in Gemeinschaft mit Gott vollzogen wird.

Auch Philosophen sind klatschsüchtig. Gerne hätte man Zeugnisse dafür, ob sich dieser oder jener atheistische Denker nicht auf dem Totenbett doch noch zu einer Religion bekannte, ob einer seine Philosophie widerrief. Jetzt, wo eilfertige Geister die Wiederkehr der Religion ausrufen, fragt man sich, woran die Denker des "Jahrhunderts der Extreme", das man zunächst doch als religionsfern begriff, im Grunde ihres Herzens glaubten.

Im Falle des einflussreichsten politischen Theoretikers des 20. Jahrhunderts, John Rawls, der 2002 starb, mag ein Hauch dieses indiskreten Bedürfnisses nach Widerruf und Glaubensbekenntnis mitgespielt haben, als der Philosoph Thomas Nagel sich an die Herausgabe eines späten, unveröffentlichten, auf der Festplatte des Philosophen gefundenen Kurztextes "Über meine Religion" machte. Im Nachlass fand man außerdem eine ca. 70-seitige Bachelor-Arbeit von 1942 "Eine kurze Untersuchung über die Bedeutung von Sünde und Glaube", die der Philosoph im zarten Alter von 21 Jahren verfasste und die mit nicht weniger als 98 von 100 Punkten bewertet wurde.

Der sorgfältig kommentierte und mit einem Essay von Jürgen Habermas ergänzte Band ist nun erschienen: eine kleine Sensation – nicht nur für Rawlsianer, die die Entwicklung des Rawls’schen Denkgebäudes verfolgen, sondern für all diejenigen, die sich für die Begründung einer weltlichen Gesellschaft interessieren, die das friedliche Zusammenleben von Menschen mit unterschiedlichen religiösen Überzeugungen ermöglicht.

Die Bachelor-Arbeit des 21-jährigen Philosophen ist eine einzige Verteidigung des Glaubens, mit Witz geschrieben, von großer Gelehrsamkeit, die selbstbewusst auch einmal in die Irre geht, etwa wenn es um das Körperbewusstsein der Griechen geht. Vor allem aber leistet sie einen ersten Versuch, eine Moral zu entwickeln, die mit und ohne Glauben funktioniert. Rawls ist überzeugt, dass die Sünde ebenso wie das gute Werk immer in "Gemeinschaft" – das ist das Zauberwort des Essays – mit Gott vollzogen wird. Dabei ist theoretisch irrelevant, ob Gott existiert oder nicht. Dennoch plädiert der junge Rawls mit einer gleichsam rotbackigen Verve für ein dogmatisch modifiziertes Christentum.

Der nachgelassene Text von 1997 ist das aufschlussreiche Gegenstück – fast so etwas wie eine Abschiedsrede: Rawls erzählt, wie er im Krieg seinen jugendlichen Glauben verlor. Aber der Grundzusammenhang, den er im Jugendwerk aufstellte, bleibt erhalten: Die Kontinuität unserer vernünftigen Urteile, ohne die unser Denken zusammenbricht, "lässt nichts anderes zu, wie fromm auch immer es scheinen mag, alles dem göttlichen Willen zuzuschreiben".

Aufschlussreich sind die gründlichen Kommentare im Buch zum theologischen Hintergrund der Zeit, luzide das Nachwort von Habermas, das an seine eigene intensive Beschäftigung mit der Frage des Religiösen aus den letzten Jahren anschließt. Zum Thema Religion und Politische Philosophie ist in diesen Tagen kaum ein erhellenderes Buch vorstellbar.

Besprochen von Marius Meller

John Rawls: Über Sünde, Glaube und Religion
Herausgegeben von Thomas Nagel, mit einem Nachwort von Jürgen Habermas
Aus dem Amerikanischen von Sebastian Schwark
Suhrkamp Verlag, Berlin 2010
343 Seiten, 26,80 Euro

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