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Religionen / Archiv | Beitrag vom 04.06.2017

Eine buddhistische Bar in TokioAuf ein schnelles Bier zum Mönch

Von Michaela Vieser

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Der buddhistische Mönch Fujioka-san in seiner Bar, die er in Tokio betreibt (imago/Kyodo News)
In Fujioka-sans Bar in Tokio ist für geistiges Wohl in jeder Hinsicht gesorgt. (imago/Kyodo News)

In Japan ringt der Buddhismus um die Herzen der Menschen, für die Religion nichts selbstverständliches mehr ist. In Tokio geht ein Mönch dabei einen ungewöhnlichen Weg: Er hat eine Bar aufgemacht, mitten im hippsten Kneipenviertel. Unsere Reporterin hat ihn dort besucht.

Arakicho. Auf deutsch: der wilde Stadtteil. Er liegt im Herzen von Tokio, an einer großen Verkehrsader, genau in der Mitte zwischen Shinjuku mit seinen blinkenden Wolkenkratzern und dem Kaiserpalast, in dessen Flutgräben sich die Laternen widerspiegeln. Mit seinen 300 mal 400 Metern Grundfläche  gehört das Viertel zu den Kleinsten in der Metropole – dafür verbirgt sich in den verwinkelten Gassen, die zum Teil zu schmal für Autos sind, umso mehr.

Einst klapperten abends die Geishas in ihren Holzschuhen über die Pflaster von Arakicho. Geishas, die besten Gesprächspartner, die Japan zu bieten hat, leistet sich heute kaum mehr wer: zu teuer, zu aufwendig, zu antiquiert. Ihr Gewerbe, Gäste mit netter Konversation und Musik zu unterhalten, wurde in den Nachkriegsjahren abgelöst: Heute zieht es den Teehändler, den Versicherungsangestellten und die Sekretärin in kleine Bars, in denen sie bei einem Single Malt-Whiskey mit der Mama-san oder dem Papa-san, den Besitzern, Gespräche über die großen und kleinen Fragen des Lebens führen. Übrig geblieben von der alten Geisha-Tradition ist lediglich das System des Ichigen-san. Es bedeutete, dass man mit einer Bar vertraut sein muss, um dort als Gast erscheinen zu dürfen. Einfach so reinplatzen, das geht nicht. Von den schätzungsweise 10.000 Bars in Tokio verbergen sich 320 in den 2-stöckigen Häusern von Arakicho. Der wilde Stadtteil eben.

Der Mönch mit dem Ratschlag

Die Iris, das Picasso, das Feld der Pinien – oder eben die Bar mit dem deutschen Namen "Zur lieben Katze" - jede Bar bedient sich einer anderen Symbolik, mit jeder Bar betritt der Gast eine andere Welt. Die Vowz-Bar ist aber noch etwas anders. Hier allerdings gilt das Ichigen-san nicht: jeder, der hierher findet, ist willkommen. Auf dem Schild draußen auf der Straße steht eine Telefonnummer, darunter: "Wenn Sie Rat brauchen, fragen Sie den Mönch".

Die Bar besteht aus einem kleinen Raum. Hinter dem Tresen stehen ein buddhistischer Mönch und eine Nonne, beide mit rasiertem Haupt und in Kutten. Freundlich lächeln sie mich als Newcomer an und weisen mir einen Platz zu. Vieles sieht aus wie in jeder anderen Bar auch: über dem Tresen hängen Weingläser, aus den Lautsprechern tönt Jazzmusik. Die Bilder und Poster an den Wänden allerdings zeigen nicht die üblichen Palmen mit Sonnenuntergängen, sondern Mandalas und Buddha-Abbildungen – die dafür aber leicht verstaubt und vom Zigarettenqualm angegilbt sind. Die Speisekarte listet Cocktails mit Namen wie "Mugen Jigoku – endloses Leiden in der Hölle" oder "Gokuraku-Jodo – Nirwana im Reinen Land". Ich wähle ein einfaches Bier. Kaum steht es vor mir, als der Mönch eine Glocke läutet, Texte verteilt und alle in der Bar mit ihm in eine Sutra einstimmen.

Erst das Bier, dann die Predigt

Danach hält er eine Predigt, frei heraus, freundlich, einnehmend vorgetragen. Über tariki und jiriki, die Kraft von außen und die Kraft von innen, denen man sich anvertrauen soll. Er erzählt, wie er selbst einst Boxer war und nur auf seine eigene Kraft baute, bis ein Engpass in seinem Leben ihn lehrte, sich auch einer von außen kommenden Kraft zuzuwenden – der des Amida-Buddha. Die Barbesucher lauschen jedem seiner Worte und nicken bedächtig. Nachdem er seine Predigt beendet hat, widmen sie sich wieder ihren Gesprächen, nippen an ihren Getränken oder lauschen der Musik.

In der hintersten Ecke der Bar sitzt ein Pärchen, das sich, der Körpersprache nach zu urteilen, noch nicht lange kennt, sich aber bald gut kennen wird. An der Bar selbst sitzt eine junge Frau und unterhält sich mit dem Mönch. Sie wirkt glücklich, entspannt.

"Ich komme aus der Gegend von Osaka, und wollte mir diese Bar mal ansehen. Als wir gerade die Sutra gelesen haben, da hat sich mir mein Herz seit langen wieder gezeigt, das war schön."

Die Gäste genießen die entspannte Atmosphäre

Als ich sie frage, ob es für sie einfacher sei, hier mit dem Mönch zu sprechen, als mit den anderen Leuten, klinkt sich ein anderer Gast in das Gespräch ein. In perfektem Englisch erklärt dieser, warum eine Mönchsbar so eine große Anziehungskraft besitzt.

"Die Leute kommen hierher und reden mit dem Mönch. Hier sind sie entspannt. Man hat ja nicht immer solch aufgeschlossene Menschen um sich, auch wenn man denkt, man sei von netten Leuten umgeben, so sind viele davon doch sehr starr. Aber wenn man hierher kommt, kann man sich öffnen und einfach über alles reden. Das schätzen die Besucher sehr. Vor allem die Frauen!"

Der Wirt bringt den Tempel zu den Menschen

Als Fujioka-san, der Mönch, die Bar im Jahre 2000 eröffnete, hatte er genau das im Sinn. Da immer weniger Menschen einen Tempel aufsuchen, brachte er den Tempel zu den Menschen. Das Konzept des Mönchs hinter dem Tresen – Menschen lernen Menschen kennen – scheint gut zu funktionieren, wie er erklärt:

"Hier kann man gut von Mensch zu Mensch sprechen, so ein Ort ist diese buddhistische Bar. Und es gibt auch Leute, die sich hier kennenlernen und heiraten. Wenn sie geheiratet haben, kommen sie aber meist nicht mehr."

Der Mönch als Bartender. Was für ein Beruf ist das denn?

"Mönch ist kein Beruf, es ist ein Lebensweg."

Das Meer, in das alle Seelen fließen

In Japan ist dies auf eine ganz unaufgeregte Weise möglich. Tagsüber liest Fujioka-san buddhistische Texte und bildet sich weiter, abends kann er das Gelernte hinter dem Tresen gleich anwenden. Und weil auch das Paradies auf der Cocktailkarte steht, will ich dann doch noch von ihm wissen, was es damit auf sich hat:

"Für die Anhänger des Reinen-Land-Buddhismus gibt es das, wir nennen es ‚Gokurako Jodo‘, es ist ein Ort, an dem man Leute wieder trifft, die man verloren hat. Die wahre Heimat, die Heimat der Seele. Das Meer, in das alle Seelen fließen."

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