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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 31.05.2011

Einblicke in den Kosmos eines Künstlers

Anselm Kiefer: "Notizbücher, Band 1, 1998-1999", Suhrkamp Verlag, Berlin 2011, 452 Seiten

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Der Maler Anselm Kiefer (AP Archiv)
Der Maler Anselm Kiefer (AP Archiv)

In seiner Dankesrede zur Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandel im Jahr 2008 erwähnte Anselm Kiefer, dass er in Bildern denke, wobei ihm dabei Gedichte helfen würden: "Sie sind wie Bojen im Meer. Ich schwimme zu ihnen, von einer zur anderen; dazwischen, ohne sie, bin ich verloren".

Einblick in das Denken und Empfinden, vor allem aber in die Arbeits- und Lebensweise des Künstlers wird nun erstmals anhand seiner Notizbücher möglich. Der erste Band enthält Notizen, die zwischen dem 8.3.1998 und 28.12.1999 fast täglich festgehalten wurden.

In diesen Zeitraum fallen Kiefers New Yorker Ausstellungen "Dein und Mein Alter und das Alter der Welt" und "Works on paper" und "Stelle cadenti" sowie die Arbeit am Projekt "Die Frauen der Antike" für Paris und Mailand. Das Schriftbild des Notizbuches signalisiert, dass es sich um zwei Sorten von Notizen handelt.

Sämtliche in Kleinbuchstaben gedruckte Passagen sind auf dem Computer; die anderen Teile hat Kiefer handschriftlich verfasst, sie stammen aus Reisenotizbüchern. Und so ist der mal mehr, mal weniger gut funktionierende Laptop ein wichtiger Akteur in diesem Notizbuch-Szenarium. Der in allen Materialwelten bewanderte und beheimatete Künstler scheint in den Jahren 1998/99 das nützliche Ding als Werkzeug für sich entdeckt zu haben.

Angenehm leicht taucht man bei der Lektüre in den unglaublichen Kosmos des Künstlers. Überhaupt sollte man die Buchseiten erst einmal – wie bei einem Daumenkino – durch die Finger gleiten lassen: Während die Hände das Papier streifen, registriert das Auge die unruhige Topographie des Textes. Haptisches und Visuelles wahrzunehmen, erweist sich aber nicht nur beim Lesen der Notizen als produktive Rezeptionsweise. Für Kiefer bildet das Hantieren mit Erde, Wasser, Sand, Blei, Schilf, Gips oder Gewebefasern verschiedener Art sowie das neugierige Beobachten ihrer Veränderungen im künstlerischen Prozess ein wesentliches Moment seiner Ästhetik: "ohne schauen kein machen", "es ist eine sensation, mit den fingern über die seiten der gipsbücher zu fahren".

Kiefer führt den Leser in seine Ateliers, zu den Kunstwerken hin, die oft unter freiem Himmel entstehen. "drei wagen mit aufgeschlagenen büchern werden jeden morgen hinausgefahren in die sonne ... noch sehen, wie die schicht trocknet, welche rinnsale sich bilden." Die Ausstellungsprojekte "Frauen der Revolution" und "Frauen der Antike" scheinen direkt vor unseren Augen zu entstehen.

Ob in Indien, Japan, Italien oder den USA, auf seinen Reisen – das belegen diese Notizen – wird der Künstler stets fündig und erhält Impulse für die Arbeit. Anselm Kiefer ist ein Sammler und Analytiker, dem die "Entgeheimnissung" des Verdeckten und Verhüllten zur Passion geworden ist.

Besprochen von Carola Wiemers

Anselm Kiefer: Notizbücher, Band 1, 1998-1999
Suhrkamp Verlag, Berlin 2011
452 Seiten, 26,90 Euro

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