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Fazit / Archiv | Beitrag vom 26.09.2012

"Ein wenig wie zu Sowjetzeiten"

Künstler in Moskau diskutieren die Lage nach dem Pussy-Riot-Urteil

Von Thomas Franke

Die Mitglieder der Skandalgruppe Pussy Riot wurden wegen "Rowdytums aus religiösem Hass" im August zu je zwei Jahren Lager verurteilt. (picture alliance / dpa / Valery Sharifulin)
Die Mitglieder der Skandalgruppe Pussy Riot wurden wegen "Rowdytums aus religiösem Hass" im August zu je zwei Jahren Lager verurteilt. (picture alliance / dpa / Valery Sharifulin)

Der Prozess gegen die Punkband Pussy Riot hat die Debatte über Kunst, Moral und Sittlichkeit in Russland neu angeheizt. Im Staatlichen Zentrum für zeitgenössische Kunst wurde nun über Positionen zwischen Zensur und Selbstzensur gestritten.

Als Leonid Bazhanov, der Leiter des Staatlichen Zentrums für Zeitgenössische Kunst in Moskau, die Zusammenarbeit mit dem Goetheinstitut lobt und vorschlägt, weitere gemeinsame Projekte zu planen, wird er jäh unterbrochen.

"Nur, wenn das keine Spione sind."

Ein Scherz. Aber der Autor Lew Rubinstejn trifft damit den Punkt. Wer Russland kritisiert, wird von den eigenen Landsleuten verdächtigt vom Ausland gesteuert zu sein, gemeint sind damit meist die USA. Und um das zu verstärken, wurde jüngst ein Gesetz verabschiedet, das Menschen, die mit ausländischen Organisationen arbeiten, unter Spionageverdacht stellt.
In Moskau nehmen Repressionen zu. Die Intention der Behörden ist klar. Die Künstler sollen ihre Grenzen kennen und sie einhalten. Zensur findet offiziell nicht statt. Rubinstejn:

"Ich denke darüber nicht nach, ich schreibe, worüber ich will. Das war immer so. Und zwar in den Medien. In der Literatur, bei Büchern und in den Verlagen gibt es bisher keine Zensur. In den Medien ist das anders. Derzeit werden Gesetze vorbereitet, um die Medien einzuschränken. Das wirkt natürlich auch auf Schriftsteller und veranlasst sie zur Selbstzensur. Das ist bisher nur unterbewusst. Aber wir wissen ja, so eine Entwicklung kann man nicht mehr aufhalten."

Rubinstejn ist 65 Jahre alt und erfahren. Gemeinsam mit seinen Kollegen Boris Akunin und Ludmilla Ulitzkaja kündigte er im Mai an, an einem Sonntag in der Moskauer Innenstadt spazieren zugehen. Zu einer Zeit, als die Polizei fast jede kleinere Ansammlung von Menschen auseinandertrieb und Menschen verhaftet wurden, nur weil sie ein weißes T-Shirt trugen; weiß ist die Farbe der Oppositionsbewegung. Mehrere Tausend begleiteten die Schriftsteller. Die Polizei griff nicht ein.
Auf dem Podium saß heute Abend auch der Aktionskünstler Artjom Loskutow aus Novosibirsk. Seine Teilnahme war ein wenig unsicher, denn gestern wurde er von der Polizei vorgeladen. Loskutow hat T-Shirts entworfen, auf denen Ikonen mit bunten Strumpfmasken zu sehen sind, das Markenzeichen von Pussy Riot, der Aktionsgruppe mit dem Punkgebet. Er vertreibt diese T-Shirts via Internet zu Gunsten der inhaftierten Musikerinnen.

"Mich riefen zwei Leute an. Die sagten, sie wollten für Pussy Riot spenden und T-Shirts haben. Wir haben uns getroffen, ich gab ihnen die T-Shirts, sie gaben mir das Geld. Dann haben sie sich als Ermittler im Kampf gegen Korruption ausgewiesen. Später im Polizeirevier haben sie zwei Vergehen festgehalten. Einmal illegale Geschäftstätigkeit – ich hätte keine Quittung ausgestellt. Zweitens, Handel an einem nicht dafür vorgesehenen Ort, so als hätte ich irgendwo einen Stand aufgebaut. Das ist alles lächerlich. Die wollen mir was unterschieben. Ausserdem machen patriotische Organisationen derzeit gegen mich mobil. Vor einigen Tagen haben sie bei einer Kundgebung dazu aufgerufen, Strafanzeige gegen mich zu stellen, weil ich beleidigende T-Shirts verteile."

Der Aktionskünstler ist in Novosibirsk weitgehend allein. Und er ist Ärger gewohnt. Berühmt wurde Artjom Loskutov in Kunstkreisen mit seinen Monstrationen. Jedes Jahr am 1. Mai findet eine Kundgebung mit besonders sinnentleerten Losung statt, wie "Is was?" Einmal hat er dem großen Leninmonument in Novosibirsk ein Plakat ans Bein gebunden. Darauf die Leninsche Losung: Lernen, lernen und nochmals lernen. Damals war er 17 und wurde das erste mal verhaftet, heute ist er 25.

"Ich merke nicht, dass ich Angst habe oder mir irgendwelche Verbote auferlege. Ich unterscheide zwar auch in gut und böse. Aber nicht immer sind böse und illegal das Gleiche. Einige Gesetze gefallen mir nicht, und ich verstoße im Stillen dagegen, hänge das aber nicht an die große Glocke. Meine Grenze ist das Strafgesetzbuch. Wenn du dagegen verstößt, musst du mit einer Strafe rechnen."

Es ist nicht so, dass es in der Kunst in Russland eine Zeit vor und nach dem Urteil gegen Pussy Riot gäbe, erläutert Wolf Iro, Programmleiter des Goethe Instituts in Moskau und Organisator des Deutsch-Russischen Jahres. Immer wieder spricht er mit Künstlern über Selbstzensur. Selbstzensur entsteht durch Angst. Iro kennt den Mechanismus. Eine Projektpartnerin ist von ihrer Direktorin vor der Zusammenarbeit mit ausländischen Organisationen gewarnt worden. Es könnten ja Spione sein.

"Das ist eben auch die Chance der kulturellen Arbeit, dass hier Dinge erhandelt werden können, die gleichermaßen gesellschaftliche Relevanz besitzen, aber auch reine Kulturwertigkeit erzeugen."

Larissa Maljukova ist Kritikerin bei der unabhängigen Zeitung Novaja Gazeta. Sie spricht von Zensur im Negligé und erläutert den Mechanismus.

"Was bei uns derzeit geschieht, erinnert ein wenig an das sowjetische System; andererseits kommt es grotesk daher. Fast wie eine Farce. Zum Beispiel wenn gegen Zeichentrickfiguren gekämpft wird. Wie gegen einen Wolf, nur, weil er raucht – obwohl er sogar eine negative Figur ist. Bei uns folgen die Gesetze immer solchen Aktionen. Oft sagen wir: Hoffentlich wird aus diesem Schwachsinn jetzt nicht noch ein Gesetz. Aber leider läuft es darauf hinaus."

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