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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 02.09.2009

Ein verlockendes Angebot

Thomas Glavinic: "Das Leben der Wünsche", Hanser Verlag 2009, 319 Seiten

Füllfederhalter auf Notizblock (Stock.XCHNG / Christy Thompson)
Füllfederhalter auf Notizblock (Stock.XCHNG / Christy Thompson)

Im Roman "Die Arbeit der Nacht" (2006) kam Jonas unversehens die komplette Menschheit abhanden. Auch in "Das Leben der Wünsche" hat der Autor Besonderes für seinen (wiederkehrenden) Helden parat.

Im Park trifft Jonas einen zwielichtigen Mann, der ihm ein märchenhaftes Angebot macht: Er gibt ihm drei Wünsche frei. Jonas, clever genug, wünscht sich nach anfänglicher Skepsis, dass sich alle seine Wünsche erfüllen. Außerdem wünscht er sich ein paar Grenzerfahrungen. Wie ist es, bei einer Katastrophe knapp davonzukommen? Auch über ein paar Aufschlüsse in Sachen Zufall, Fügung und Sinn des Lebens würde er sich freuen.

Dann verschwindet der metaphysische Makler bis auf Weiteres. Jonas' Alltag (lustlose Arbeit als Werbetexter, ermüdete Ehe und leidenschaftliche Dauer-Affäre mit Marie) scheint sich fortzusetzen wie gewohnt. Die Wünsche brauchen offenbar Zeit, um sich zu entfalten. Plötzlich aber steigen die Kurse von Jonas' Aktien unaufhaltsam – und sein kleinwüchsiger Sohn bekommt einen unverhofften Wachstumsschub. Dabei bleibt es jedoch nicht. Die Dinge geraten außer Kontrolle. Da wird ein Passant, der Jonas höhnisch angegrinst hat, prompt von einem Lastwagen überfahren. Da stürzt eine Seilbahn mit Dutzenden von Menschen ab, obwohl Jonas, der die Rettungsaktion im Fernsehen live verfolgt, soeben noch dringend gewünscht hat: "Hoffentlich werden nun alle gerettet ... "

Und dann liegt seine Frau tot in der Badewanne. Gewiss, sie stand dem vollen Glück mit Marie im Weg. Aber hat er sich deshalb etwa insgeheim und mörderisch gewünscht, sie solle aus dem Weg geräumt werden? Jonas' Trauer scheint dem zu widersprechen. Aber was ist mit dem Tankwart, dem bei einem Überfall vor Jonas Augen mitten ins Gesicht geschossen wird? Und was hat es mit dem Flugzeug auf sich, das Jonas dann doch nicht bestiegen hat und das dann quasi vor seinen Augen beim Abflug explodiert? Sofern hier tatsächlich infernalische Wünsche in Erfüllung gehen, entquellen sie offenbar den düstersten Dunkelzonen von Jonas' Unbewusstem.

Im Folgenden lernt er seine geheimsten Antriebe und Sehnsüchte kennen – und darüber wird ihm das eigene Leben immer fremder und umheimlicher. Eine Moral scheint sich abzuzeichnen: Wer seine wirklichen Wünsche kennt, wird sich deren Erfüllung nicht wünschen. Die zweite Hälfte des Romans entzieht sich jedoch dieser Logik. Die Wünsche entwickeln ein Eigenleben, und die Wirklichkeit verzerrt sich zunehmend ins Surreale, Albtraumhafte. Was hat es noch mit Jonas' zu tun, wenn eines Nachts – faszinierend beschrieben – die halbe Stadt unter Wasser steht? Am Ende bricht ein apokalyptischer Tsunami über die Welt herein. Wenn sich auch dies der stillen Weltuntergangssehnsucht eines Jonas verdanken sollte, wäre es ein sehr solipsistisches Universum.

Das Buch hat grandiose Szenen. Es steckt voller unerhörter, schauerlicher Begebenheiten. Trotzdem ist die Lektüre nicht besonders spannend, was auch an der Indolenz liegt, mit der Jonas seine außerordentlichen Erfahrungen absolviert. Eher stellt sich bei der Lektüre ein Gefühl produktiver Irritation ein: Was soll es bedeuten? Möglicherweise führen gerade die Verschiebungen und Unausgegorenheiten der Konzeption dazu, dass man beim Lesen stark ins Deuten und Rätseln gerät.

Der Stil ist zurückgenommen, unauffällig, manchmal von lakonischer Schönheit in den Beschreibungen einer fremd gewordenen Welt, manchmal auch von klischeehafter Dürftigkeit. Ein Adler zieht "majestätische Kreise". Und wenn Jonas mit Marie schläft (was ebenso wie das leidenschaftliche SMS-Geflirte vielleicht ein paar Mal zu oft beschrieben wird), heißt es: "Er tauchte in sie ein und verschwand irgendwo in sich."

Übrigens erinnert der Roman an ein vor knapp zwei Jahren erschienenes Buch: "Semmlers Deal" von Christian Mähr. In diesem lebensphilosophischen Thriller wurde dem Helden das gleiche märchenhafte Angebot der Wunscherfüllung unterbreitet. Auch hier war Semmlers Wünschen eine unheimliche Fatalität eingeschrieben. Und ihre Unkosten waren gewaltig. Aus jeder Erfüllung ergab sich wie von selbst ein weiteres Unglück. Mährs Buch ist ein logisch konstruiertes, lehrhaftes Gedankenspiel mit klarer Moral. Das kann man über den Roman von Thomas Glavinic gerade nicht sagen.

Besprochen von Wolfgang Schneider

Thomas Glavinic: Das Leben der Wünsche
Roman
Hanser Verlag, München 2009
319 Seiten, 21,50 Euro

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