Seit 18:05 Uhr Wortwechsel

Freitag, 22.03.2019
 
Seit 18:05 Uhr Wortwechsel

Fazit / Archiv | Beitrag vom 11.04.2009

Ein unverbesserlicher Träumer

Der Schriftsteller Mircea Cartarescu und sein Prosaband "Nostalgia"

Von Tobias Wenzel

Podcast abonnieren
Jugendliche in Bukarest. (AP Archiv)
Jugendliche in Bukarest. (AP Archiv)

"Ein Dichterleben dauert sieben Jahre, vielleicht, mit Glück, zehn Jahre. Wer dann noch weiter dichtet, zitiert sich in der Regel nur noch selbst." Der Rumäne Mircea Cartarescu sich sein Versprechen gehalten und aufgehört, Gedichte zu veröffentlichen. Romane und Erzählungen schreibt er zum Glück aber weiterhin. Sein Prosaband "Nostalgia" mit fünf Erzählungen von 1989 ist nun auf Deutsch erschienen.

"Ich träume ungeheure Dinge in den edelsten Farben, und durchlebe im Traum Empfindungen, die ich aus der Wirklichkeit nicht kenne."

Mircea Cartarescu, ein 52-jähriger schlanker Mann mit schwarzen Haaren , dunkelbraunen Augen und markanten Wangenknochen, sitzt auf seinem Sofa und liest aus dem Prosaband "Nostalgia". Der ist nun auf deutsch erschienen. Unwirklich, wie aus einem Traum, wirken im Haus des rumänischen Schriftstellers nur die sandfarbenen Muscheln und der rote Seestern, die zur Zierde auf einem Silbertablett liegen. Wer zu Cartarescus Haus gelangen will, muss durch ein verwunschenes Waldstück fahren. Das alles einige Kilometer nördlich vom Zentrum der Stadt Bukarest.

"Ich befinde mich hier in Rumänien in einer Art innerer Emigration. Das ist einer der Gründe, warum ich in letzter Zeit die Isolation gewählt habe und an einem Ort im Grünen lebe, am Rande der Stadt. Viele Schriftsteller haben sich irgendwann zurückgezogen. Denken Sie an Péter Nádas und J.D. Salinger. Wenn Schriftsteller eine gewisse Bekanntheit erlangen, mag man sie nicht mehr im Kulturbetrieb. Der Schriftsteller fühlt sich dann wie ein Baum, der nicht mehr wächst. Anstatt anderen im Weg zu stehen, sollte er sich lieber an einen Ort zurückzuziehen, an dem er ungestört und ohne Unterbrechung schreiben kann."

Heute fühlt sich Mircea Cartarescu in Rumänien fremd. Ob es auch daran liegt, dass er in Berlin, Stuttgart und Wien gelebt hat? In den 90er-Jahren verwirrte das Ausland Mircea Cartarescu noch. Als er nach der Wende plötzlich in den Westen reisen durfte, stellte sich das erhoffte Gefühl der Freiheit nicht ein. Er war wie gelähmt. "Der Westen hat mir den Mund gestopft" heißt es in einem seiner Gedichte:

"Das Gedicht 'Der Westen' ist ein Krisengedicht. Als ich zum ersten Mal in den Westen kam, hatte ich das Gefühl, einen anderen Planeten zu betreten. Ich hatte das Glück oder Pech, das heruntergewirtschaftete Rumänien zu verlassen und in der Mitte New Yorks zu landen. Zuerst habe ich den Big Apple gesehen. Ich war schockiert. Das war weder meine rumänische Welt noch was ich unter Freiheit verstand. Mein Gedicht ist das traurige und tragische Ergebnis jener außergewöhnlichen Desorientierung und Frustration, die ich damals empfand. Gleichzeitig war ich wütend, weil ich das Gefühl hatte, dass man mir meine Kindheit und meine Jugend genommen hatte."

Andererseits schöpfte Mircea Cartarescu in seinen Gedichten, besonders aber in seiner Romantrilogie 'Orbitor' und auch in seinem Prosadebüt "Nostalgia" aus jener Kindheit, die er in einem Wohnblock in der längsten Straße Bukarests verbrachte, im Bulevardul Stefan-Cel-Mare, in der Straße "Stefan der Große":

"Dort habe ich von meinem fünften bis zu meinem 30. Lebensjahr gelebt. In dem Band 'Nostalgia' und später in dem Roman 'Orbitor' erscheint diese Wohnung als eine Art Zentrum meines Lebens. Dieser Häuserblock hatte eigentlich nichts Besonderes oder Fantastisches an sich, er war banal und grau. Und die Straße Stefan der Große hatte nichts Großartiges an sich. Aber die Umgebung des Blocks, die Dâmbovita-Mühle, ein Riesenbauwerk aus dem 19. Jahrhundert, die Brotfabrik Pionierul, der Staatszirkus, all das sind für mich fabelhafte Orte, weil ich dort meine Kindheit verbracht habe. Dort war alles auf eine natürliche Weise fabelhaft und fantastisch."

Diese fabelhafte Kulisse hat Mircea Cartarescu virtuos in dem Roman "Die Wissenden", dem ersten Band seiner 1500 Seiten dicken Trilogie, eingesetzt. Die Kritiker waren begeistert. Seit diesem Opus magnum, dessen zweiter und dritter Teil noch nicht auf Deutsch vorliegen, gilt Cartarescu als der wichtigste in Rumänien lebende Autor. Früh hatte er sich zwar einen Namen als Dichter gemacht. Aber selbst in Rumänien wurde er erst durch sein Prosadebüt "Nostalgia" bekannt.

"Die Zensur war damals sehr präsent und aktiv. Es gab ein 'Ministerium der Wahrheit', wie George Orwell es nannte. Der Titel des Bandes sollte 'Nostalgia' lauten. Damals hatte aber der russische Regisseur Andrei Tarkowski, der in Italien lebte, einen Film mit dem Namen 'Nostalghia' gedreht. Im ganzen Ostblock wurden Künstler, die in den Westen gegangen waren, totgeschwiegen. Obwohl mein Buch inhaltlich nichts mit Tarkowskis Film zu tun hatte, wurde der Titel 'Nostalgia' untersagt. So erschien es unter dem Titel 'Der Traum'. Ein anderes Beispiel: Die weibliche Hauptfigur in der letzten Erzählung heißt Elena. Elena hieß auch die Ehefrau des Diktators Ceausescu. Deshalb musste im Buch der Name 'Elena' zum unschuldigen Namen 'Maria' werden. Es waren oft dumme Eingriffe. Gerade so, als wollte sich die Zensur damit nur ihre Daseinsberechtigung erhalten."

Jetzt liegt "Nostalgia" endlich in unzensierter Form auf Deutsch vor. Fünf Geschichten, in denen der damals 33-Jährige schon seine heutige Meisterschaft andeutete. Faszinierend ungewöhnliche Erzählungen: das tragikomische Ende eines Roulettespielers; die erste Liebesnacht im Naturkundemuseum; ein besonderer Junge, der aus gleichaltrigen Rabauken zivilisierte Kinder macht, indem er ihnen skurrile Geschichten und Theorien erzählt, im Treppenaufgang zum Wohnblock der Stefan-Cel-Mare-Straße. "Mendebilus" heißt diese Erzählung. Und sie beginnt mit einem Traum.

"Für mich macht der realistische Roman keinen Sinn. Es erfüllt mich nicht besonders, plausible Szenen zu entwerfen und Personen glaubhaft zu beschreiben. Ich bin ein Dichter, kein Erzähler. Das gilt auch für meine Romane. Mich interessiert die Poesie der Dinge. Einige unserer Träume haben eine innere Magie, sie strahlen in einem besonderen Licht. André Breton definierte den Menschen in seinem Surrealistischen Manifest als unverbesserlichen Träumer. Ich habe mich immer als unverbesserlichen Träumer gesehen. Das bin ich in meinem ganzen Leben gewesen und auf allen Seiten, die ich geschrieben habe."

Info

Mircea Cartarescu liest aus seinem Buch "Nostalgia":

17.04.2009 19:00 Uhr
Kulturzentrum bei den Minoriten
Mariahilferplatz 3
8020 Graz, Österreich

23.05.2009 19:00 Uhr
Pfleghof
Pfleghofstr.
72070 Tübingen

Kulturpresseschau

weitere Beiträge

Der Theaterpodcast

Folge 12Von Wilmersdorfer Witwen und kämpferischer Kultur
Die legendären "Wilmersdorfer Witwen" im Musical "Linie 1" des Grips-Theaters. (David Baltzer / bildbuehne.de / Grips Theater)

Das Berliner Grips-Theater wird 50 Jahre alt. Ist sein Erfolgsmusical „Linie 1“ noch aktuell? Ein Selbstversuch mit drei Generationen. Außerdem: Lässt sich das Theater in einen von rechtsnationalen Kräften erklärten „Kulturkampf“ verwickeln?Mehr

Folge 11Von Vielfalt und Verstärkung
Ein Darsteller des Musicals "Miss Saigon" mit einem angeklebten kleinen Stirnmikrofon steht am 25.01.2019 in Köln bei einem Fototermin auf der Bühne. (imago / Horst Galuschka)

Wer spricht wie auf deutschen Bühnen? Es gibt zwar immer mehr Schauspieler*innen mit angeklebten Mikrofonen, aber noch zu wenige aus benachteiligten Gruppen. Um Diversity und Mikroports geht es in Folge #11 des Theaterpodcasts.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur