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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 12.03.2008

Ein teuflischer Plan

Claudia Pineiro: "Ganz die Deine", Unionsverlag 2008, 190 S.

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Ein tragischer Unfall - und Inés avanciert zur Komplizin ihres Mannes.  (AP)
Ein tragischer Unfall - und Inés avanciert zur Komplizin ihres Mannes. (AP)

Es geht um Affären, Lügen, Eifersucht und Rache - kurz: das solide Grundrezept für einen guten Kriminalroman. Dabei folgt das Erstlingswerk "Ganz die Deine" von Claudia Pineiro, die als neuer Star der argentinischen Literatur gilt, jedoch keineswegs ausgetretenen Pfaden.

Jede Frau wird unweigerlich irgendwann von ihrem Ehemann betrogen. Davon ist Inés, eine perfekte Hausfrau und Mutter fest überzeugt. Und doch - als die Wahrheit sie einholt in der schnöden Form einer Serviette, auf der mit Lippenstift "Ganz die Deine" geschrieben steht, trifft es sie tief.

Doch Inés steht mit beiden Beinen im Leben und hat außerdem in 20 Ehejahren gelernt, für den Gatten mitzudenken. Also behält sie ruhig Blut und sondiert die Lage. Sie durchsucht ab sofort alle Taschen und persönlichen Sachen ihres Mannes und hört seine Telefongespräche mit. Bei einer nächtlichen Verfolgung wird Inés Zeuge einer Auseinandersetzung zwischen ihrem Ehemann Ernesto und seiner Sekretärin im Park.

Es kommt zu einem tragischen Unfall. Die Sekretärin stirbt, und Inés avanciert zur Komplizin ihres Mannes. Bei ihren gut durchdachten Versuchen, den Ehemann vor der Enthüllung des Skandals zu schützen, muss Inés schließlich die Erfahrung machen, dass "die Deine" doch nicht die Sekretärin war. Während sich Ernesto weiter in sein Lügengespinst und seine Affäre verrennt, schmiedet Inés einen teuflischen Plan.

Doch damit lässt es die Autorin nicht gut sein. Parallel entwickelt sich die Geschichte der siebzehnjährigen Tochter Lali, in eingeschobenen, kurzen Kapiteln in Form von Telefongesprächen. Durch diese verknappte Form der Sprache entsteht ein beklemmend dichtes Bild des Teenagers.

Lali ist längst nicht so klein und naiv, wie ihr überaus besorgter Vater denkt. Schnell durchschaut sie die Machenschaften ihrer Eltern, lässt sich auch von ihrer Mutter nicht hinters Licht führen und fühlt sich damit immer weiter allein gelassen mit ihrem Problem - sie ist schwanger. Somit zerfällt die anfangs aufgebaute Idylle der gut situierten argentinischen Kleinfamilie in lauter Splitter, die nicht mehr zusammenpassen.

Es ist der einerseits distanzierten und leicht ironischen, andererseits aber auch sehr liebevollen Betrachtungsweise der Autorin Claudia Pineiro zu verdanken, dass diese skurrile Geschichte nie in den Kitsch abgleitet. Im Mittelpunkt steht die herrlich naive, aber tatkräftige Inés, die stets das Gute will, aber mit ihren Plänen von einer Katastrophe in die nächste schlittert. Dabei geht sie ihre detektivischen Nachforschungen mit dem gleichen Ernst an, wie das Menü mit Pfeffersteak und Rahmsoße.

Es ist diese vollkommene Ernsthaftigkeit und der unabdingbare Wunsch, es immer richtig zu machen, der dazu führt, dass der Leser Inés einfach in sein Herz schließen muss. Und wenn dann etwas schief geht, bezieht Inés die Betten neu. Dass uns Leserinnen diese penible Hausfrau weder antiquiert erscheint noch als "desperate Housewife" auf die Nerven geht, ist das Verdienst von Claudio Pineiro.

Sie lässt die Heldin erzählen, wie ihr der Schnabel gewachsen ist. In einem fort teilt sie uns ihre Gedanken mit, scheut sich auch nicht davor, sich selbst lächerlich zu machen und hat für alles und besonders für ihren Ehemann immer gleich die richtige Erklärung bereit. Damit diese Monologe nicht langweilig werden, gibt es die Unterbrechungen durch Lalis Telefonate und kleine kriminalistische Aufsätze, die den Weg weisen zum unaufhaltsamen großen Knall am Ende - wie es sich für einen guten Krimi gehört.

Wie ein Film läuft dieser erste Roman der Argentinierin Claudia Pineiro ab. Ihre Erfahrungen als Autorin von Theaterstücken und als Regisseurin beim Fernsehen sind deutlich zu spüren. Es gelingt ihr, den Spannungsbogen bis zum Schluss zu halten.

In einem Interview sagte die Autorin, es gäbe das unantastbare Recht des Lesers, ein Buch nicht zu Ende lesen zu müssen. Dieses würde sie für sich auch häufig in Anspruch nehmen, nur um danach das nächste Buch zu ergreifen, in der Hoffnung, dieses bis zum Ende lesen zu wollen. Für den Leser erfüllt sich bei Pineiros Debüt diese Hoffnung: "Ganz die Deine" liest sich nicht nur spielend in einem Zug, sondern ist auch beim zweiten Lesen noch überaus vergnüglich.

Rezensiert von Birgit Koß

Claudia Pineiro. Ganz die Deine
Roman. Aus dem Spanischen von Peter Kultzen
Unionsverlag, 2008. 190 Seiten. 14,90 Euro

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