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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 09.04.2018

Ein syrischer Barista in ErfurtMo macht den besten Espresso

Von Henry Bernhard

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Mohanad im Café Hilgenfeld in Erfurt (Henry Bernhard)
Angekommen: Mohanad macht der Job im Hilgenfeld sichtlich Spaß. (Henry Bernhard)

In den Krieg ziehen oder fliehen? Vor dieser Wahl stand Mohanad in Syrien. Er entschied sich für die Flucht und landete in Erfurt. Hier arbeitet der Syrer mittlerweile im Café Hilgenfeld am Domplatz und kümmert sich um den perfekten Espresso.

Es ist das Stammkundenprivileg: Wenn ich in 'mein' Café komme, das Hilgenfeld am Domplatz in Erfurt, dann bereiten mir inzwischen die meisten Baristas extra meinen Lieblingsespresso Francesca. Der ist kräftiger als die Standardvariante. Mit viel gelb-brauner Crema.

Mo mahlt ihn ganz frisch, füllt das Pulver in den Siebträger, wenige Sekunden später quillt die gelbbraune Flüssigkeit in die vorgewärmte Tasse. "Mo" , wie ihn alle hier nennen, steht für Mohanad. Mo weiß, dass ich den Espresso "kurz" mag, also mit wenig Wasser. Während der Kaffee in die Tasse rinnt, soll er mir erklären, wie man den perfekten Espresso macht.

"Sehr gerne!"

Nebenbei gießt er für einen anderen Kunden sorgsam die Bestandteile eines Cortados in ein kleines Glas.

"Wie kann man das erklären? Einfach – er muss gut gemahlt, diese Bohnen. Das bedeutet, wir brauchen Mühlmaschine – oder wie heißt diese Maschine?"
"Mühle!"
"Mühle! Ja, und das merkst du, wie es läuft. Wenn es läuft fein und ein bisschen dick, cremig, dann ist es gute Café, guter Espresso. Wenn nicht, dann nicht!"

Die Tasse auf einen kleinen Teller, fertig. Dieser Espresso ist kein Getränk, eher eine bittere Leckerei. Ich nehme ihn im Stehen, dafür fast jeden Tag. Seit anderthalb Jahren steht Mo regelmäßig hinter der silberglänzenden Maschine. Er ist immer freundlich und lächelt. Wenn man sich den deutlich jüngeren Bruder von George Clooney vorstellt – dunkler Teint, kräftiges schwarzes Haar, schwarzer, gepflegter Vollbart, beides leicht grau meliert –, noch ein wenig Charme drauf gibt, dann sieht man Mo vor sich. Er passt gut in das Café: Studenten, Freigeister, Junge, Alte kommen her. Die meisten sind Stammgäste. Wie lange er gebraucht hat, um Espresso, Café Latte, Cappuccino, Cortado usw. perfekt zubereiten zu können, will ich wissen.

"Wie lange habe ich gebraucht zu lernen, meinst du!?"
"Ja, ja."
"Gute Frage! Ich habe schon in Syrien gelernt. Aber nicht so wie hier. Weil, hier ist es bisschen – Spezialität: Kaffee! Deutschland."

Zehn Tage für die Ausbildung

Zwischendurch klopft er immer mal wieder das Aufschäumkännchen auf die Tischplatte. So wird der Schaum schön cremig, sagt er.

"Das braucht nur zehn Tage. Und dann habe ich es so richtig gelernt. Dann muss man auch ein bisschen schneller hier, weil es viele Gäste auf einmal sind; und alle möchten Kaffee trinken. Aber es ist cool zu arbeiten."

Zehn Tage. So lange hat er von Griechenland bis nach Deutschland gebraucht vor zweieinhalb Jahren. Von Syrien bis in die Türkei ging es schneller, aber umso gefährlicher war es auf dem wackligen Boot, erzählt er später bei sich zu Hause, in der Sonne auf dem Balkon.

Mo ist 35 Jahre alt, hat mal eine Ausbildung zum Bankkaufmann gemacht, ein paar Semester Wirtschaft studiert, zwei Geschäfte mit Schreibwarenbedarf geführt, ein Café an der Uni in Damaskus, ein Frisörladen in Dubai. Aber mit dem Krieg wurde alles immer schwieriger. Und irgendwann hätte ihn die Armee geholt, wenn er nicht gegangen wäre.

"So, die Hälfte der Freunde von mir gehen nach Deutschland, nach Europa, und die anderen gehen zur Armee. Und ich will beides nicht am Anfang, ich will dort bleiben. Aber man muss irgendwie diese Entscheidung: Armee oder Deutschland? Und ich habe mich entschieden für Deutschland, weil: Das habe ich gelernt vom Krieg, man muss schnell entscheiden. Weil: Krieg ist schneller als wir, wie wir denken!"

Vom Besucher zum Mitarbeiter

Als er in Erfurt angekommen war, ist er mit seiner Betreuerin in deren Stammcafé, ins Hilgenfeld, gegangen. Die Chefin dort ist Romy Krampitz.

"Ihm hat es sehr, sehr gut gefallen. Und er hat über sie, nachdem er drei oder vier Mal hier war, gefragt, ob er ein Sprachpraktikum machen darf, damit er mal mit normalem Deutsch in Berührung kommt, nicht nur das, was sie in der Schule lernen sozusagen. Und dieses Sprachpraktikum hat sich aber als so positiv herausgestellt, dass wir ihn direkt danach eingestellt haben."

"Und das freut mich!"

Anfangs, vor anderthalb Jahren, sprach Mo kaum ein Wort Deutsch. Er war schüchtern. Aber er hat immer so sanft und offen gelächelt. Man musste ihn mögen.

"Ja klar, ich kann ein bisschen, ein paar Worte und so. Aber hier braucht man nicht so viel Sprache, braucht man nicht so gutes Deutsch, einfach ein bisschen 'Hallo!', 'Kaffee?' usw. 'Was kriegst du?‘"

"Zwei Latte und einen lactosefreien Cappuccino, einen kleinen. Und einen Kinderkakao."
"Zwei Latte und großer Cappuccino …"

Und schon wirbelt er wieder los. Mahlt Kaffee, schäumt Milch auf, gießt Wein ein.

"Romy, ist das ein Halbstarker?"
"Der ist für Arif, ja."

Die Besitzerin hilft bei den Anträgen

Durch Mo hat sich auch das Café verändert.

"Seine Cousins sind ja mit hierhergekommen. Die haben wir natürlich auch gleich als Gäste eingesackt und schön Gastro-Deutsch Gespräche geübt. Die haben sich auch sehr schnell hier wohlgefühlt, weil sie eben gemerkt haben, dass es ein Ort ist, wo sie nicht dumm angeguckt werden oder wo es keine Vorurteile in dem Maße gibt, sondern wo man sofort anfängt, Spaß mit ihnen zu machen. Es gab schon Tage bei uns im Café, wo komplett syrisches Publikum nur war. Also, es gibt syrische Jungs, die schwieriger waren, aber dann ist es ein großer Vorteil auch, Mohanad im Team zu haben, der dann wirklich ganz schnell Dinge klärt. Also, es gibt Sachen, die typisch Deutsch sind, wie dass man nicht unablässig Leitungswasser in einer Gastronomie bekommt. Das sind so Lernprozesse gewesen, die halt auch schwierig waren. Aber gleichzeitig haben wir auch bei ganz vielen Sachen geholfen, wie Arbeitsamtanträge … Wo die Jungs einfach gefragt haben: Kannst du mir helfen? Also, man fragt halt Freunde nach Hilfe."

"Aber frisch gemahlen auch?"
"Ja klar! Frisch gemahlen schmeckt besser. Paula, trinkst du auch Kaffee, oder?"

Noch mal bei Mo zu Hause. Auch Paula ist da, seine Freundin. Auch sie bedient neben dem Studium im Hilgenfeld. Auch dank ihr würde er manchmal eine ganze Woche kein Arabisch sprechen, meint er.

"Die Sonne ist geil, oder? Genießt du?"

Die Schriftsprache, die Grammatik lernt er im Sprachkurs B2; Umgangssprache im Café. Bei Paula kann er immer nachfragen.

"Oder wann benutzt man Konjunktiv II zum Beispiel? Das ist auch nicht einfach zu antworten! Aber wann benutzt man das?"

Paula und ich zeigen uns spontan überfragt. Mo ist wohl angekommen.

"Ja, kann sein in Erfurt. Ich weiß nicht. Aber in Erfurt ist es nicht einfach, Leute kennenzulernen. Die Stadt ist klein und du siehst die gleichen Menschen zwei Mal am Tag. Aber ich weiß nicht: Ich bin integriert oder nicht? Ich lauf normal – wie ich bin!"

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