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Fazit / Archiv | Beitrag vom 01.04.2011

Ein Steinbruch

Tschechows "Platonow" am Zürcher Schauspielhaus

Von Roger Cahn

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Eigentlich sollte das Stück "Sofia" heißen. (Stock.XCHNG / Jendo Neversil)
Eigentlich sollte das Stück "Sofia" heißen. (Stock.XCHNG / Jendo Neversil)

Nach ihren Erfolgen mit "Onkel Wanja" in München und "Der Kirschgarten" in Berlin wagt sich Regisseurin Barbara Frey am Zürcher Schauspielhaus an "Platonow". Sie führt uns eine Gesellschaft von heute vor, die sich amüsieren will - mit tragischem Ausgang. Das Resultat: kein gutes Stück - aber trotzdem ein spannender Theaterabend.

Das Jugendstück – Tschechow begann es im Alter von 17 Jahren – ist ein Riesensteinbruch, aus dessen Material der Dramatiker später die Figuren seiner großen Stücke entwickelt hat. Ein Text, der ohne massive dramaturgische Eingriffe nicht auf die Bühne gebracht werden kann. Barbara Frey und ihr Dramaturg Thomas Jonigk – man muss die beiden im gleichen Atemzug nennen – haben ganze Arbeit geleistet. Sie haben "Platonow" von viel unnötigem Ballast befreit: vom russischen Kolorit der Zarenzeit und von langatmigen Dialogen. Trotzdem: Auch so ist "Platonow" noch ein Steinbruch geblieben. Das Resultat: kein gutes Stück – aber trotzdem ein spannender Theaterabend.

Eine stringente Regie führt eine Gesellschaft von heute vor, die sich amüsieren will, von Small Talk und Langeweile lebt und aus diesem Tramp eigentlich gar keinen Ausweg finden will. Ein Reigen von kurzen Begegnungen zwischen Frau und Mann, die alles erleben, aber nur ja keine tiefen Beziehungen miteinander eingehen wollen. Der unbeholfene Lehrer Platonow als unmotiviertes Objekt der weiblichen Begierde auf der einen, die um ihre Frauen kämpfenden Männer auf der anderen Seite. Alles Betrogene.

Eigentlich sollte das Stück "Sofia" heißen, denn sie ist die Leidtragende, die eigentliche Heldin. Mit ihrem Mord an Platonow schafft sie für alle den möglichen Ausweg aus ihrem jämmerlichen Leben. Barbara Frey zeigt auch hier deutlich die Sinnlosigkeit des Unterfangens: Wie in Gogols "Revisor" – Anton Tschechow hat diese Komödie in seiner Jugend selbst gespielt – zeugt eine stumme Szene nach dem Mord von der Ohnmacht dieser oberflächlichen Gesellschaft.

Genauso schwierig, wie einen Zugang zum Stück zu finden, ist die Suche nach einem Schauspieler für die Titelrolle: Michael Maertens ist für diese Inszenierung eine ideale Besetzung. Er spielt die Doppelbödigkeit der Figur hervorragend – der ständige Balanceakt zwischen Opfer und Täter gelingt. Da haben es die Schauspielerinnen der Frauenrollen genauso schwer wie ihre Figuren, die sie im Stück darstellen. Sie können ihm nicht immer das Wasser reichen.

Fazit: Wer gerne mal "Platanow" sehen möchte, dem kann man die Aufführung in Zürich sehr empfehlen.


Schauspielhaus Zürich "Platonow"

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