Seit 13:05 Uhr Sein und Streit

Sonntag, 18.08.2019
 
Seit 13:05 Uhr Sein und Streit

Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 08.03.2012

Ein starker Thriller

Oliver Harris: "London killing", übersetzt von Wolfgang Müller, Blessing Verlag, München 2012, 480 Seiten

Podcast abonnieren
Die Londoner Innenstadt, im Hintergrund "Big Ben". (AP Archiv)
Die Londoner Innenstadt, im Hintergrund "Big Ben". (AP Archiv)

Von der ersten Minute an fesselt Oliver Harris die Leser mit seinem ambivalenten Helden: Ein Polizist, der die Identität eines reichen Selbstmörders annimmt, um seine Schulden zu begleichen. Gleichzeitig entsteht ein hässliches Bild des Finanzplatzes London mit seinen traurigen Randgestalten.

Hampstead, London: Detective Nick Belsey wacht mit schwerem Kater im Park auf, ohne einen Penny in der Tasche, in Sichtweite das Wrack des Polizeiwagens, mit dem er gestern gefahren war. Der smarte Kommissar weiß, dass es jetzt vorbei ist mit dem Dienst bei der Londoner Polizei. Ein letztes Mal geht er zur Polizeiwache und stößt dort auf den Bericht über einen Selbstmörder in seinem Bezirk. Das bringt ihn auf eine Idee: Vielleicht kann er die Identität des reichen Mannes annehmen, um auf diese Weise seine Schulden loszuwerden.

Das ist ein rasanter Anfang für einen starken Thriller. Oliver Harris fesselt seine Leserin von der ersten Minute an mit seinem coolen Helden. Jahrelang kam der mit Alkoholismus und Spielsucht durch, aber jetzt ist es zuviel, selbst seine Vorgesetzten wissen davon. Und Belsey setzt noch einen drauf: Er täuscht seine Kollegen, er verheimlicht ihnen, dass er bereits suspendiert ist, denn ohne Polizeiausweis ist sein Spiel nicht möglich. Er lügt, schlägt hart zu. Ein guter Polizist ist anders. Doch korrupt ist er nicht, er nimmt kein Geld aus Gier, er klaut aus Not. Was also soll man von Belsey halten?

Flucht scheint der einzige Ausweg angesichts seiner Ausfälle und seiner überwältigenden Schulden. Aber das ist nicht so einfach, wie er sich das erhofft hatte. Auch wenn der russische Oligarch, um den es sich bei dem Selbstmörder handelte, scheinbar allein in London lebte. Schnell stellt sich heraus, dass es Leute gibt, die hinter dem Mann her waren, so dass er ein doppeltes Spiel spielen muss: sein Verschwinden unter neuem Namen organisieren und zugleich herausfinden, was es mit den Geschäftsinteressen des russischen Magnaten in London auf sich hatte.

Mit Nick Belsey hat Oliver Harris einen ambivalenten Helden geschaffen. Schnörkellos erzählt er die Geschichte, ohne die Nase über die moralische Verkommenheit seines Helden zu rümpfen. Dabei entsteht eine glaubwürdige Figur: dreist, verzweifelt, sehnsüchtig, ein harter Hund. Harris verschwendet keine Zeile mit langatmigen Beschreibungen, der Schauplatz London wird umso plastischer lebendig, ständig treten neue Figuren auf, es entsteht ein hässliches Bild des gierigen Finanzplatzes mit seinen traurigen Randgestalten. Die Ereignisse entfalten ein rasendes Tempo, was einen Sog schafft, der keinen Raum für Empörung über das Verwerfliche von Belseys Tun lässt, wohl aber für Faszination. Man will mit ihm wissen, ob der russische Geschäftsmann vielleicht doch ermordet wurde, welche Geschäfte er mit der Londoner Society machte und wer noch mit drinsteckt. Und, ob Belsey es schafft, sich rechtzeitig abzusetzen.

"London Killing" ist das erste Buch von Oliver Harris. In England wurde es begeistert aufgenommen und ist inzwischen in etlichen anderen Ländern erschienen. Harris hat Literatur und Creative Writing studiert, hat Artikel veröffentlicht und gejobbt, gerade arbeitet er an seiner Doktorarbeit über Psychoanalyse und griechische Mythologie. Es ist erfreulich, dass er plant, mit Nick Belsey eine Serie zu erschaffen, das zweite Buch ist schon fertig, das dritte in Arbeit.

Besprochen von Andrea Fischer

Oliver Harris: London killing
Übersetzt von Wolfgang Müller
Blessing Verlag, München 2012
480 Seiten, 19,95 Euro

Buchkritik

weitere Beiträge

Literatur

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur