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Profil / Archiv | Beitrag vom 06.07.2006

Ein Schwabe in Argentinien

Timo Berger organisiert ein Poesie-Festival in Buenos Aires

Von Monika Müller

Skyline von Buenos Aires in Argentinien (AP Archiv)
Skyline von Buenos Aires in Argentinien (AP Archiv)

Denkt man dieser Tage an Argentinien, dann kommen die Bilder der enttäuschten argentinischen Fußball-Elf zurück. Wenn Timo Berger an Argentinien denkt, dann hat das eher mit Poesie zu tun. Der Schwabe betreibt einen regen Literaturaustausch mit dem lateinamerikanischen Land. Er selbst ist Autor, Übersetzer und organisiert das Poesie-Festival "Salida al Mar" in Buenos Aires.

Timo: "Ich komme aus einer Schlafstadt vor Stuttgart. Ich bin in Stuttgart geboren, aber meine Eltern sind dort relativ schnell weggezogen und zwar nach Leonberg. Das ist so hinterm Hügel."

Timo Berger ist mittelgroß, hat dickes dunkelblondes Haar, trägt eine Brille und wirkt angenehm relaxed.

Timo: "Von meinen wirklichen Freunden sind alle weggezogen. Das ist vielleicht auch so ein Phänomen, dieser schwäbische Exodus. Es verschlägt die Leute in alle Welt und ich hab’s bis nach Argentinien geschafft."

Auch wegen seiner Mutter, die ihren Sohn schon in jungen Jahren mit lateinamerikanischer Literatur versorgte.

Timo: "Es stand schon ziemlich viel in der elterlichen Bibliothek, was ich dann eben auch verschlungen hab’ als Teenager. Garcia Marquez, Carlos Fuentes, einfach die - Vargas LIosa, die bekannteren Autoren."

Kein Zufall, dass Timo Berger Literaturwissenschaften und Spanisch studiert. Zuerst in Tübingen und dann in Berlin. Sein Spanisch ist noch ziemlich schlecht als er Ende der Neunziger für ein Jahr nach Buenos Aires zieht. Aber er hat Glück und trifft auf Gleichgesinnte: Literaturbegeisterte Argentinier, die den Deutschen zum Gedichte schreiben, animieren.

Timo: "Die haben sich immer getroffen. Samstagnachmittags auf einem Platz und haben eine Schnur gespannt und daran Gedichte aufgehängt, Gedichte zu verschenken. Und so kam man mit den Leuten ins Gespräch und es sind Leute aus der Nachbarschaft gekommen, um zu sehen was passiert auf dem Platz und die haben mich eingeladen zu schreiben. Ich hab’ natürlich zugesagt, nächstes Wochenende bring’ ich auch was und dann musste ich in dieser Woche Gedichte schreiben."

"Collagenartige Texte aus "geklauten Wörtern", meint Timo Berger. Und Slogans , die ihm in den Straßen von Buenos Aires auffielen. Eines seiner ersten Gedichte auf spanisch: No Soy Gay, Soy Bi. Ich bin nicht gay, ich bin bi!

Timo: "98 wurde das Verbot aufgehoben, dass sich gleichgeschlechtliche Paare in der Öffentlichkeit küssen. Vorher konnten sie dafür noch ins Gefängnis kommen. Das wurde aufgehoben und dann war plötzlich jeder irgendwie, natürlich nicht schwul, aber bi-sexuell. Und ich hatte das in einem Gedicht, diesen Slogan, den mir ein Freund gesagt hatte. Wo ich gefragt hatte: Du bist doch homosexuell und er sagte: Was denkst du, ich bin doch nicht schwul, ich bin bi."

Spanisch ist mittlerweile kein Problem mehr für den Schwaben. Jede Woche übersetzt er spanische Gedichte für eine Literatur-Internetseite. Timo Berger schreibt für deutsche und spanische Zeitschriften, ist regelmäßig mit der Berliner Lesebühne Visch&Ferse in Deutschland unterwegs. Und seit 2004 organisiert er ein Poesie-Festival in Buenos Aires, eine Plattform für lateinamerikanische Dichter.

Timo: "Es war halt früher eine Szene, die sich sehr stark selbst angeschaut hat. Vielleicht auch wie in Berlin bevor es das Literaturfestival gab. Und dann war die Idee, was passiert eigentlich in den Nachbarländern. Wie schreiben die Leute in Chile, oder in Brasilien, oder in Mexiko. Das erste Festival war auch völlig "non profit", ohne Budget. Das einzige Budget, was wir hatten, waren 100 Dollar um noch Wein zu kaufen."

Sein letzter Argentinien-Ausflug war im Mai. Dieses Mal konnten sich die jungen Dichter auch Hotelzimmer leisten. Das Poesie-Festival wird inzwischen vom spanischen Kulturinstitut und vom Goethe-Institut unterstützt.

Timo: "Das Festival hat auch einen Namen der ein bisschen zweideutig ist: Salida al Mar. Was einerseits ganz unproblematisch Ausflug ans Meer heißt. Man lässt sich berieseln. Aber auf der anderen Seite heißt es auch Zugang zum Meer. Und das ist in Lateinamerika ein hoch politisches Thema, weil es gibt ein Land was keinen Zugang zum Meer hat und diesen Zugang verloren hat und das ist Bolivien. Weil unsere Idee von Poesie ist, dass sie nicht nur ein Ausflug ans Meer ist, sondern das es auch ein bisschen sticht."

Timo Bergers aktuelles deutsch-argentinisches Projekt "Devolver el Fuego" - Zurückfeuern. Vor einer Woche in Deutschland erschienen. Ein kleines Büchlein mit Gedichten von fünf deutschen Lyrikern, die ins Spanische übersetzt wurden. Nikola Richter ist eine davon.

Timo: "Natürlich war ich mir auch bewusst, dass es ein sehr gefährliches Unternehmen ist, auch so junge Leute, die du heute ja auch gehört hast, im Ausland zu veröffentlichen. Natürlich ist Argentinien nicht London, oder Paris, aber es bedeutet ja schon irgendwas. Wo man auch nicht genau weiß, wohin sie kommen werden, oder wie weit sie kommen werden. Aber ich fand’ es spannend, so ne Art Polaroid von dem was hier gerade passiert."

Zum Ausscheiden des argentinischen Fußballteams gibt’s noch kein Gedicht. Aber die Reaktionen aus Buenos Aires erreichten Timo Berger gleich nach der Niederlage gegen Deutschland.

Timo: "Ich hab' Gott sei dank dort Freunde, die nicht ganz so fußballbegeistert sind, aber die waren schon sehr enttäuscht. Trotz allem, die haben natürlich gleich dann bei mir angerufen, nachts noch und haben gesagt: Che, was ist passiert, was habt ihr mit uns gemacht."

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