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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 12.09.2013

Ein Schöngeist auf dem Thron

Rolf Thomas Senn: "In Arkadien - Friedrich Wilhelm IV. von Preußen", Lukas-Verlag, Berlin 2013, 448 Seiten

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Schloss Sanssouci in Potsdam, Sinnbild für Preußens Glanz und Gloria (AP)
Schloss Sanssouci in Potsdam, Sinnbild für Preußens Glanz und Gloria (AP)

Rolf Thoma Senn betrachtet den Preußenkönig Friedrich Wilhelm IV. (1795-1861) ausschließlich als Förderer der Kunst, der das Stadtbild Potsdams und Berlins prägte. Die Politik des Monarchen spielt in dieser Biografie so gut wie keine Rolle. Die historische Figur bleibt dadurch eigentümlich blass.

Zweifellos war Friedrich Wilhelm, der mit 21 einen Roman schrieb, sich durch die Bestsellerlisten seiner Zeit las und wie ein Maniac zeichnete, ein Schöngeist. Andererseits ging er in die Geschichte als Versager ein, weil er 1848 vor den Revolutionären den Hut ziehen musste.

Als Monarch ist Friedrich Wilhelm umstritten. Aber Rolf Thomas Senn, der bereits eine Biografie über die erste Preußenkönigin Sophie Charlotte geschrieben hat, konzentriert sich auf die andere Seite seines Lebens: auf den Förderer von Kunst und Wissenschaft. Denn von des Königs architektonischem Geschmack sowie seinen kulturpolitischen Maßnahmen auf der Berliner Spreeinsel zehren wir bis heute, so der Autor in seiner Biografie, die er deshalb "Landvermessung" nennt.

Bereits während seiner Kronprinzenzeit war Friedrich Wilhelm der Gesprächspartner von Architekten, Bildhauern, von Malern und Komponisten. Die großen Baumeister Preußens, Karl Friedrich Schinkel, Ludwig Persius und August Stüler setzten seine Anregungen, seine Entwürfe in die Tat um, so dass das architektonische Bild von Berlin und Potsdam wesentlich durch ihn mitgeprägt worden ist. Von Charlottenhof und den Römischen Bädern aus – Inbegriff einer schwärmerischen Italiensehnsucht – wollte er die Havellandschaft um Potsdam in ein südländisches Arkadien verwandeln, wie überhaupt er in ganz Preußen systematisch "Landesverschönerung" betrieb. So auch in den 1815 neu gewonnenen Rheinlanden. In den Burgen des Rheintales lebte er seine Ritterträume aus; mit der durch ihn finanzierten Vollendung des Kölner Doms stiftete er einen Ort nationaler Identität.

Dichter und Intellektuelle waren von seiner Bildung angetan, denn Friedrich Wilhelm war kein typischer Machtmensch. Literarisch bewandert schätzte er vor allem die Romantiker, Wackenroder und Novalis zählten zu seinen Hausheiligen, Ludwig Tieck, schon der Lieblingsdichter des Kronprinzen, wurde 1840 zum Hofrat berufen.

Er holte die Brüder Grimm aus dem Kasseler Exil nach Berlin

Neben Tagebüchern und Briefen stützt sich der Autor auf den umfangreichen Nachlass des preußischen Königs, der 7000 Zeichnungen umfasst. Zeichnen war des Thronfolgers Leidenschaft. Auch als Regierender zeichnete er ständig. Im Theater, bei Banketten, Staatsratssitzungen, beim Vortrag der Minister.

Nach seinem Amtsantritt weckte der König liberale Hoffnungen. Er ließ Turnvater Jahn rehabilitieren, holte die Brüder Grimm aus dem Kasseler Exil nach Berlin und lockerte die Zensur. Unter dem Druck der Märzrevolution 1848 kündigte er eine Verfassung an und erwies dem Volk seine Reverenz, indem er mit einer Schärpe in den Farben der nationalen Einheit, in Schwarz-Rot-Gold durch Berlin ritt.

Diesen "Umritt" empfand er, wie Senn vermutet, als seine größte Schmach, mehr noch als den Akt, in dem er vor den Särgen der Märzgefallenen das Haupt hatte entblößen müssen. Die deutsche Kaiserkrone aus den Händen des Volkes entgegenzunehmen lehnte der Verfechter des Gottesgnadentums ab, was Senn letztlich als Absage an die kleindeutsche Lösung deutet.

Sonst blendet der Autor die politische Geschichte weitgehend aus, weshalb auch die Figur von Friedrich Wilhelm eigentümlich blass bleibt. Er sieht in ihm weniger den Dogmatiker, der an seiner Idee vom mittelalterlichen Ständestaat festhielt als vielmehr den Schöngeist, dem die Rolle des Künstlers besser gefiel als die des Politikers. Nur gestreift werden soziale Konflikte, der Weberaufstand in Schlesien, die Ernteausfälle wegen der "afrikanischen Hitze", die Hungersnöte in den 40er Jahren, auch die konservative Hofkamarilla und deren Einfluss auf die Regierungspolitik – das alles kommt nur am Rande vor. Selbst die Zeichen der Industriellen Revolution erscheinen nur als Wetterleuchten am Rande von Opernaufführungen und Atelierbesuchen.

Doch für diejenigen Leser, die sich vornehmlich für die schönen Dinge am preußischen Königshof interessieren, ist die detailreiche Darstellung von Rolf Thomas Senn bestimmt sehr informativ.

Besprochen von Edelgard Abenstein

Rolf Thomas Senn: In Arkadien. Friedrich Wilhelm IV. von Preußen. Eine biographische Landvermessung.
Lukas-Verlag, Berlin 2013
448 Seiten, 34,80 Euro

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