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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 13.04.2010

Ein Roman wie ein Schrei

Wassili Grossman: "Alles fließt ...", Ullstein Verlag, Berlin 2010, 250 Seiten

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Ein sowjetisches Gulag, mehr als 8000 Kilometer östlich von Moskau in Sibirien, 1954. (AP Archiv)
Ein sowjetisches Gulag, mehr als 8000 Kilometer östlich von Moskau in Sibirien, 1954. (AP Archiv)

In "Alles fließt ..." schildert Wassili Grossman auf expressionistische Weise die Schrecken des Gulags. Eine Generalabrechnung mit der stalinistischen Diktatur und eine Bestandsaufnahme der russischen Geschichte der letzten 1000 Jahre.

"Siehst du, unsere Nacht ist schon vorbei, es wird hell. Es ist Zeit für uns beide, uns für die Arbeit fertigzumachen."

Wassili Grossman, der kleine Mann mit der runden Brille und den immer erschreckt schauenden Augen, wurde 1905 in der Ukraine geboren. Nicht einmal 60 Jahre alt, starb er 1964 in Moskau. In der Sowjetunion als populärer Schriftsteller geduldet, wurden seine systemkritischen Bücher von der Zensur verstümmelt, sein Hauptwerk "Leben und Schicksal" von der Staatssicherheit vollständig konfisziert.

Die letzte, versteckte Kopie von Grossmans Jahrhundertroman "Leben und Schicksal", den Kritiker einhellig mit Tolstois Klassiker "Krieg und Frieden" gleichsetzen, konnte erst Ende der 70er-Jahre auf abenteuerlichen Wegen in die Schweiz geschmuggelt werden und erschien dann 2007 in Deutschland. Mit "Leben und Schicksal" entdeckte die breite Leserschaft in Deutschland einen der größten und wichtigsten russischen Schriftsteller aller Zeiten für sich zum ersten Mal. 2009 erschien Grossmans Erzählband "Tiergarten", nun ist sein Roman "Alles fließt ..." zum ersten Mal in der unzensierten Fassung erschienen.

Wie immer geht es Wassili Grossman um existenzialistische Grundfragen und Grundmetaphern des Lebens. In "Alles fließt ..." um das Phänomen Zeit: Zeit, die vergeht, unaufhaltsam, die fließt wie Wasser. Doch nicht für alle, nicht für die Hauptfigur des Romans; für die hat sie "die 4. Dimension verloren". Iwan "Wanja" Grigorjewitsch, der 29 Jahre in einem stalinistischen Straflager inhaftiert war und dann in den 60er-Jahren entlassen wird, muss feststellen, dass die Welt sich auch ohne ihn weitergedreht hat, als sei nichts geschehen, als sei das Vierteljahrhundert in einem stalinistischen Konzentrationslager nur ein "Märchen aus Tausendundeiner Polarnacht".

Die Rahmenhandlung von "Alles fließt ..." beginnt mit der Entlassung Grigorjewitschs aus dem Lager 1966 und dessen Besuch bei seinem Cousin in Moskau, der mittlerweile Karriere gemacht hat. Man hat sich wenig zu sagen, trennt sich; Grigorjewitsch, an Multipler Sklerose erkrankt, bekommt Arbeit als Hilfsarbeiter in einer Schlosserei und mietet sich ein bei einer Frau. Eine zarte Liebesbeziehung entwickelt sich.

Im Zentrum des Romans stehen zwei Rückblenden, einmal die Beschreibung der Verhaftung Grigorjewitschs und der 29 Jahre im Gulag, und zweitens die Beschreibung der durch Stalins Terror verursachten Hungerkatastrophe, der Anfang der 30er-Jahre Millionen zum Opfer fielen. Aus dem Roman wird phasenweise ein Essay, der politisch analysiert und sich zu einer Generalabrechnung mit der stalinistischen Diktatur und zu einer Bestandsaufnahme der russischen Geschichte der letzten 1000 Jahre schlechthin entwickelt: 1000 Jahre ohne Freiheit.

Grossman ist der politisch-kämpferische Tolstoi und der Chronist der Schrecken des 20. Jahrhunderts. Seine Meisterschaft, Figuren lebendig werden zu lassen, erinnert an Tschechow. Grossmans Stil ist modern, expressionistisch, existenzialistisch, ein zweiter Isaak Babel:

"Der Mond war ein Stein, groß wie der halbe Himmel, und die von Rädern zerfurchten Felder sahen schrecklich aus, wie hingerichtet."

Ein Roman wie ein Schrei: "Die Freiheit war unsterblich!"

Besprochen von Lutz Bunk

Wassili Grossman: Alles fließt ...
Aus dem Russischen übersetzt von Annelore Nitschke. Mit einem Nachwort von Franziska Thun-Hohenstein.
Ullstein Verlag, Berlin 2010
250 Seiten, 24,95 Euro

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