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Lesart / Archiv | Beitrag vom 07.02.2010

Ein Roman voller Wirrungen

Knut Hamsun: "Mysterien", dtv

Rezensiert von Matthias Hanneman

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In Norwegen ist Hamsun ein umstrittener Literat. (Uli Burgwinkel)
In Norwegen ist Hamsun ein umstrittener Literat. (Uli Burgwinkel)

Mit Politik hat der Roman "Mysterien" des in den 50ern verstorbenen norwegischen Autor und Hitler-Verehrers Knut Hamsun wenig zu tun. Er ist vielmehr wie sein Autor: voller Winkelschläge, voller Widersprüche, voller Verwirrungen - wie das Leben.

Erinnern Sie sich an Nagel, diesen unglaublichen Johan Nilsen Nagel aus Hamsuns "Mysterien", der eines Tages am Kai stand, gelbe Sachen trug wie weiland Werther und eine Küstenstadt aufmischte? Irgendwie war der norwegische Schriftsteller Knut Hamsun ja schon dieser Johan Nilsen Nagel. Er führte Gift und Geigenkasten mit sich, er war voller Liebe, Ironie und Verzweiflung, er war ein Ärgernis und wollte ein Ärgernis sein, und am Ende sprang er ins Meer, mit Anlauf, bis bloß noch Blasen aufstiegen und sonst nichts.

Was haben wir diesen Mann nicht beneidet!

In der Kleinstadt am Meer wollten sie damals eine Verlobung und ein Begräbnis feiern, als Nagel eintraf - beides gewissermaßen in einem Abwasch. War das ungewöhnlich? War es ein Zufall, dass ein junger Mann starb, während eine junge Frau einen Ring überstreifte?

"'Ach ja', sagten sie am Meer, 'man weiß nicht recht, was man dazu sagen soll; aber es ist doch etwas verdächtig; denn wenn beide Pulsadern durchgeschnitten sind, dann kann es doch wohl schwerlich ein Unfall gewesen sein.'"

Hmmm. Auf einmal jedenfalls war dieser Nagel da. Und mit ihm die Unruhe, die er auslöste. Er hatte etwas von einem Ermittler. Von einem Künstler oder Verführer. Von einem Hochstapler. Oder einem Wahnsinnigen, der sich selbst sucht und vor sich selbst flieht. Niemand wusste, was diesen merkwürdigen Menschen in die Stadt getrieben hatte. Er warf mit Geld um sich. Er sprach alles und jeden an, schaute in alle Fenster, beleidigte, provozierte, und mit dem Krüppel, dem Kohleschleppenden, durchzechte er die Nächte.

Die Sache freilich ist die: Nagel wusste selbst nicht, was das alles sollte.

"'Warum bin ich überhaupt in die Stadt gekommen? [...] Apropos: Es war der 12. Juni, es war Fräulein Kjellands Verlobung, wofür man flaggte. Und zwei Tage später traf ich sie selbst. [...] Guten Abend, Fräulein! Ich bin ein Fremdling, vergeben Sie mir, ich gehe spazieren und weiß nicht, wo ich hingelangt bin. [...] Sie errötet sofort, und wenn sie antwortet, errötet sie noch tiefer.'"

"Ich bin ein Fremdling, vergeben Sie mir." Das war es. Das ist es, was Knut Hamsuns Roman "Mysterien", veröffentlicht 1892 und damit im Geburtsjahrzehnt der Psychoanalyse, noch heute zu einer atemverschlagenden Lektüre macht. Denn Nagel, der Protagonist, ist ja nicht bloß einer der vielen Fremden der Literaturgeschichte. Nagel will ein Fremder bleiben. Er will ein "Ausländer des Daseins" sein, ein Dissident, ein Terrorist gar der Kommunikation. Er ist angewidert von Konsens-Brei, mit der sich die bürgerliche Gesellschaft zufrieden gibt, abgestoßen von ihrer ach so aufgeklärten Selbstgerechtigkeit:

"'Ein Liberaler! [...] Er konnte nicht begreifen, welcher Gewinn es für den Menschen war, dass man das Leben aller Symbole, aller Poesie beraubte. [...]. Nein, dauernd bekam er Recht, überall nur Läuse, Stinkkäse und Luthers Katechismus. [...] Ja, her mit einer einzigen handfesten Ausnahme, lass sehen, ob sich das machen lässt! Her mit zum Beispiel einem ausgereiften Verbrechen, einer hervorragenden Sünde! Aber nicht diese lächerliche und bürgerliche Abc-Verirrung [...] Nein, das ganze war kleinlich. [...] Hehe, da saßen sie und blähten sich voreinander auf. [...] Zwei und zwei ist vier, die Wahrheit hat gesiegt, die Ehre gebührt Gott! [...] In mir ist eine Stimme, die verlangt: Erhebe dich, erhebe dich gegen dieses Wie-geschmiert-Recht!'"

Wohin das alles führt? Der Mann, der den "Humbug" der Gesellschaft ebenso durchschaut wie den eigenen, muss dem Spießertum von seinen Träumen berichten, bis die Stadt nicht mehr weiß, wo ihr der Kopf steht.

Ein rücksichtsloses, ein rauschhaftes, ein furchteinflößend unterhaltsames Loblied des Störfeuers. Das ist Hamsuns "Mysterien". Hamsun schrieb einst Trivialromane. Hamsun hielt polemische Reden über Literatur, um sich zu profilieren. Er war auf der Suche nach dem "unbewussten Seelenleben". Das Buch, in dem alle diese Fäden zusammenlaufen, ist "Mysterien". Der Vorläuferroman "Hunger" und sein Nachfolger "Pan" werden in ihrer subtilen Radikalität heute häufig unterschätzt. Die Radikalität von "Mysterien" ist weiter spürbar. Sie ist dem Geist von 1968 näher als dem Hitler-Nekrolog, der Hamsuns-Ruf ein halbes Jahrhundert später ruinierte. Mit Politik hat dieser Roman dabei wie alle Romane Hamsuns wenig zu tun. Er ist vielmehr wie sein Autor: voller Winkelschläge, voller Widersprüche, voller Verwirrungen – wie das Leben. Klar und nüchtern im einen, rasend und unkontrolliert im anderen Moment. Als seien wir einem Menschen in den Kopf geklettert.

Niemand hat behauptet, dieser Abstieg in den Kopf könne ohne Fragen, Zweifel und Schmerzen vonstatten gehen. Das "Hehe" und "Hoho", das Knut Hamsuns "Mysterien" durchzieht, sind wir jedenfalls nach dem wunderlichen Rauswurf nie mehr losgeworden.

Knut Hamsun: Mysterien
Deutscher Taschenbuch-Verlag

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