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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 03.01.2012

Ein Ringen um Liebe im Alter

Louis Begley: "Schmidts Einsicht", Suhrkamp Verlag, Berlin 2011

Der amerikanische Schriftsteller Louis Begley hat jahrzehntelang als Anwalt gearbeitet. (Deutschlandradio - Bettina Straub)
Der amerikanische Schriftsteller Louis Begley hat jahrzehntelang als Anwalt gearbeitet. (Deutschlandradio - Bettina Straub)

In "Schmidts Einsicht" erzählt Louis Begley vom Älterwerden, bindet dazu gekonnt weltpolitische Geschehnisse ein. Sein Protagonist Albert Schmidt - 78 Jahre, Anwalt, Schürzenjäger - muss seine Angebetete von der Ehe überzeugen und den Respekt seiner Tochter gewinnen.

Im undurchsichtigen, sich vor Neuerscheinungen überschlagenden Buchmarkt ist es gut, ein paar alte Bekannte haben. Vertraute Gestalten, deren Lebensdramen wir mit durchleiden und deren Einsichten irgendwann die unseren werden. Albert Schmidt ist so eine Figur. Leser amerikanischer Prosa kennen ihn seit 1996: steinreicher Anwalt, notorischer Schürzenjäger, Witwer, Vater einer Tochter, die einen korrupten Yuppie heiratet, Liebhaber einer dreißig Jahre jüngeren Latina, die ihm den Laufpass gibt, Verehrer der schönen Alice, der Ehefrau eines früheren Sozius und, wie sich zeigen wird, das letzte Objekt der Begierde eines der letzten großen Gentlemen der Weltliteratur.

"Schmidts Einsicht" ist der dritte Teil dessen, was wir von nun an die Schmidt-Trilogie nennen dürfen, die fiktive Vita eines Besitzbürgers mit einem Anwesen in den Hamptons und - in seiner Eigenschaft als Direktor einer Stiftung -, mit Apartments zu seiner freien Verfügung unter anderem in Paris, mit Dinners in edlen Herrenclubs und Reisen in Privatjets. Der Erfinder dieses luxuriösen Zeitgenossen ist selbst ein Mitglied jener Kaste, die er mit viel Scharfsinn, aber auch mit Empathie beschreibt: Louis Begley war jahrzehntelang Anwalt einer renommierten Kanzlei in New York.

Die "Schmidt"-Romane sind deshalb aber kein literarisches Ausmalen einer tatsächlichen Biographie. Begley, der auf der Flucht vor den Nazis mit seiner Familie 1947 nach Amerika kam, hat seinem Helden sehr viel mehr libidinösen und man darf mutmaßen auch finanziellen Spielraum gegeben, als er sich selbst gestatten würde. Und auch was die Frequenz der Schicksalsschläge angeht, dürfte das Leben des Autors geruhsamer sein als das zwischen den Buchdeckeln geschilderte.

In "Schmidts Einsicht" muss der Anwalt, mittlerweile 78 Jahre alt, noch einmal kämpfen: um die Liebe seiner Angebeteten, jener kultivierten Endfünfzigerin, die er bereits am Ende des zweiten Romans umwarb und die nun endlich ihr Ja-Wort geben soll, und um den Respekt seiner Tochter, die an Depression erkrankt ist und von ihren Schwiegereltern manipuliert wird. Und es geht in diesem Milieu viel um Geld, um sein konkretes und sein symbolisches Potenzial.

Ringen muss dieser Grandseigneur des New Yorker Bürgertums, der die Wall Street noch als ehrenwerten Arbeitsplatz erlebte und für den Kapitalismus kein irrer Spekulantenzirkus, sondern eine solide Geschäftsgrundlage war, ringen muss so einer auch mit den Zeitläuften. Die sind hinter die Erzählhandlung des Romans gespannt wie eine vibrierende Folie: 9/11, Guantanamo, später Dotcom-Pleite und Irak-Krieg, die katastrophalen Jahre der Bushregierung und schließlich Obama als politischer Erlöser - Schmidt ist ein außergewöhnlicher Zeitzeuge, und seine aufgeklärte Haltung zu all diesen Fragen der politischen und wirtschaftlichen Weltdramatik macht das Buch spannend und aufschlussreich.

Viel mehr noch aber lernen wir, die Leser, von der Darstellung des Älterwerdens und seinen Fährnissen, den psychologischen, sozialen, erotischen. Unser Schmidt altert seiner Jugend entgegen, verstanden als Elan, das Mutige zu tun: zu lieben mit ganzem Risiko.

Besprochen von Daniel Haas

Louis Begley: "Schmidts Einsicht"
Suhrkamp Verlag, Berlin 2011
415 Seiten, 22,90 Euro

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