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Lesart | Beitrag vom 07.10.2020

Ein Polizist wird Lyriker"Mit einer Kugel triffst du einen, das Wort trifft viele"

Von Cornelia Wegerhoff

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Porträt von Bernhard Büscher. (privat)
Bernhard Büscher ist als Polizist in Kamen bekannt und beliebt. Kaum einer erwartet, dass er Gedichte schreibt. (privat)

Als Polizist brachte Bernhard Büscher Schulkinder sicher über die Straße und Straftäter hinter Gitter. In seiner Heimat Kamen kennt man ihn darum auch im Ruhestand noch. Doch Büscher schreibt nun Gedichte. Überraschend gute, sagt das Kamener Publikum.

Seine Gedichte kennen bisher nur wenige. Aber Bernhard Büschers Bekanntheitsgrad lässt sich, da wo er herkommt, ohnehin kaum noch steigern: "Er ist einfach eine Größe hier in Kamen", sagt eine Frau und ein junger Mann: "Jedes Kind und jeder Erwachsene kennt eigentlich den Namen Bernhard Büscher, in Grün oder in Blau später."

Gemeint ist seine Uniform. Denn Bernhard Büscher war Bezirkspolizist. 15 Jahre lang ging er in der Innenstadt von Kamen auf Streife.

"Die wussten genau, Bernhard ist in der Fußgängerzone und da fuhr keiner mit dem Rad", meint ein Passant und ein anderer: "So stellt man sich noch einen Wachtmeister vor."

Bernhard Büscher mit anderen Polizeibeamten bei einem Fest in der Stadt. (Bernhard Büscher, privat)Als Polizist war er immer zugänglich und dicht bei den Bürgern. (Bernhard Büscher, privat)

Bernhard Büscher brachte Schulkinder sicher über die Straße und die, die per Haftbefehl gesucht wurden, hinter Gitter. Und der schreibt jetzt Gedichte? Diese ungläubige Frage steht so manchem ins Gesicht geschrieben, der zu Bernhard Büschers Lesungen kommt. Im Ruhrgebiet wird da auch nicht groß drumrum geredet:

"Für einen Polizisten ist das ungewöhnlich, find ich, dass einer so seine Gedanken aufschreibt."

"Muss ich gucken. Ist das erste Mal. Schau´n wir mal."

Und dann steigt er auf die Bühne: Bernhard Büscher, 72 Jahre alt, einst Ordnungshüter, jetzt Dichter:

"Die Zeit. Es war die Uhr. Sie tickte ganz leise. Und da war er. Er hatte Angst. Viele Menschen waren um ihn, er nahm sie nicht wahr. Er hörte nur das Ticken. Er wusste: Jetzt entscheidet sich sein Leben. Dann hörte er seinen Namen. Er wurde aufgerufen. Es war die Anhörung. Er durfte bleiben."

Polizeidienst statt Sozialarbeit

Es sind Geschichten aus dem Alltag, die Bernhard Büscher in knappe Worte fasst: nachdenklich, oft anrührend, immer authentisch. Er sei als Bezirkspolizist so vielen Menschen begegnet, erzählt er. Jetzt sind sie seine Protagonisten:

"Die Mutter, die bei Netto steht, und sagt zu ihrem Kind 'Tu den Joghurt weg, der ist zu teuer'. Dann ist da der Obdachlose, der draußen liegt, der entsorgt wird hinterher, wo man froh ist, dass er weg ist. Der Bezirksbeamte hat überwiegend mit Verlierern zu tun gehabt. Mit Menschen, die in der sozialen Schiene weiter nach unten gegangen sind oder Pech gehabt haben oder sonst irgendwas. Das waren die Verlierer und da konnte man gucken, was ist dahinter."

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Bernhard Büscher hätte gern Sozialarbeit studiert. Nach der Bundeswehr geht er aber in den Polizeidienst. Seine soziale Ader und ein gutes Wort haben ihm auch beim Umgang mit Gesetzesbrechern geholfen. Er selbst spricht von "Zusammenarbeit":

"Wenn die mir dann erzählt haben, was passiert ist, dann konnte ich manches verstehen. Ich treff heute noch viele, mit denen ich zusammengearbeitet habe, die auch unten waren, und die heute in der Mitte der Gesellschaft sind, sagen wir das mal so. Und das macht mich stolz auch."

Heimliche Leidenschaft

Gedichte hat Büscher schon früher geschrieben. Aber erzählt hat er das lieber keinem.

"Dann bei der Polizei, wenn ich da gesagt hätte: Ich schreib da ein Gedicht drüber. Ich hab´s im Kopf gehabt. Aber es hätte mir doch keiner zugehört und die hätten mich doch ausgelacht!"

Selbst seine Frau und die Kinder runzelten die Stirn, als er sich privat, nach der Pensionierung vor elf Jahren, als Dichter "outete". Und auch bei seinem Freund, dem Kamener Schriftsteller Heinrich Peuckmann, Generalsekretär des P.E.N.-Zentrums, rückte er erst vor zwei Jahren raus mit der Sprache:

"Und dann sag ich zu Heinrich so: Also; ich hab auch schon mal Gedichte geschrieben. Und da sagte der Heinrich: Dann schick´ sie mir doch mal. Und er hatte gemeint, das wären so Schrebergartengedichte. Die waren also alle eigentlich sehr sehr skeptisch. Und dann sagte er zu mir: Bernhard, die sind gut."

Bis zu sieben Gedichte pro Tag

Im Herbst 2018 werden Büschers Gedichte erstmals in einer Anthologie veröffentlicht.

"Der älteste Newcomer. Und dann sprudelte das. Dann kamen die Gedichte, die bei mir im Kopf waren, die kamen alle raus und ich schrieb manchmal am Tag sechs, sieben Gedichte." Das Publikum bei seiner Lesung ist begeistert: "Das hätt ich dem Bernhard nicht zugetraut, war richtig klasse!"

"Mauern im Kopf", lautet der Titel seines neuen Gedichtbandes. Da gebe es so einige einzureißen, meint Bernhard Büscher: "Sie standen auf, erhoben das Wort und ließen sich nicht beirren."

"Das Wort", lautet der Titel eines der Gedichte des ehemaligen Polizisten. "Die Mächtigen verfolgten sie, sperrten sie ein, wollten die Worte vernichten mit Waffen. Aber sie merkten: Mit einer Kugel triffst du nur einen. Das Wort trifft viele."

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