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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 25.11.2008

Ein Polizist mit Abgründen

Liza Marklund: "Lebenslänglich", Kindler Verlag, 2008, 495 Seiten

Ein klassischer Marklund-Krimi. (Stock.XCHNG / Nate Nolting)
Ein klassischer Marklund-Krimi. (Stock.XCHNG / Nate Nolting)

Dies ist bereits der siebte Fall der von der schwedischen Krimi-Autorin Liza Marklund geschaffenen Figur Annika Bengtzon. In "Lebenslänglich" wird der Vorzeigepolizist David Lindholm ermordet aufgefunden. Hauptverdächtige ist seine psychisch verwirrte Frau. Doch Bengtzon recherchiert, dass sich hinter Lindholms glanzvoller Fassade Abgründe verbergen.

Annika Bengtzon ist auf dem Krimiterrain längst keine Unbekannte mehr. Seit "Olympisches Feuer" (2000) schätzen Leser die unerschrockene Journalistin des Stockholmer "Abendblatts", die sich abwechselnd mit bornierten Vorgesetzten, zwei recht lebhaften Kindern, einem zur Untreue neigenden Ehemann und dem Bösen in der (schwedischen) Welt herumzuschlagen hat. Die 1962 geborene Liza Marklund, selbst Journalistin von Haus aus, hat mit Annika Bengtzon eine der erfolgreichsten Krimiheldinnen des letzten Jahrzehnts geschaffen – nicht zuletzt, weil in dieser Figur viele aktuelle Strömungen des Genres zusammenlaufen.

Auch "Lebenslänglich", Annikas siebter Fall, setzt diese Qualitäten ein. Unmittelbar an den vorangegangenen Band "Nobels Testament" anschließend, hat sich Annika Bengtzon auf vielen Baustellen gleichzeitig zu beweisen. Zum einen wurde ihr Haus, als Antwort auf die erfolgreichen Recherchen im Fall der Nobelpreismorde, in Brand gesetzt, während sich ihr Mann, ein karriereerpichter, zur Larmoyanz neigender Staatsbeamter, in den Armen einer Frau vergnügt, die er für die Liebe seines Lebens hält.

Zum anderen bekommt sie es mit einem brutalen Mordfall zu tun, der nicht nur Stockholm in Atem hält: Der Vorzeigepolizist David Lindholm wird in seiner Wohnung ermordet aufgefunden. Hauptverdächtige ist seine Frau Julia, die in offenkundiger psychischer Verwirrung zwei Zimmer neben dem Toten derangiert auf dem Boden kauert. Der gemeinsame vierjährige Sohn Alexander ist unauffindbar, und auch jene rätselhafte Frau, die Julia in der Wohnung gesehen haben will, scheint nur ein Hirngespinst der Tatverdächtigen zu sein.

Während die Öffentlichkeit und David Lindholms Kollegen keine Sekunde daran zweifeln, wer für die bestialische Hinrichtung verantwortlich zu machen ist, lässt dieser Fall zwei Frauen keine Ruhe: der Polizistin Nina Hoffman, einer mit Julia eng befreundeten Polizistin, die zufällig als Erste am Tatort ermittelt, und Annika Bengtzon, die bei ihrer journalistischen Spurensuche nach und nach herausfindet, dass sich hinter David Lindholms glanzvoller Fassade Abgründe verbergen, die auf ganz andere Tatmotive schließen lassen.

"Lebenslänglich" ist ein klassischer Marklund-Krimi, der die zahlreichen privaten Malaisen seiner Heldin mit einer tempo- und spannungsreichen Handlung verknüpft und auf ein wirkungsvolles Finale zusteuert. Gelegentlich zu ausgedehnte Reflexionen der Figuren stören dabei nur wenig. Und nicht zuletzt steht Liza Marklund mit "Lebenslänglich" in guter skandinavischer Krimitradition, wenn sie ihren Roman zum Anlass nimmt, ein gesellschaftlich virulentes Thema – die Diskussion über "lebenslängliche" Haftstrafen – in den Plot zu integrieren, ohne diesem dadurch traktathafte Züge zu geben.

Rezensiert von Rainer Moritz

Liza Marklund: Lebenslänglich
Roman. Aus dem Schwedischen von Dagmar Lendt und Anne Bubenzer
Kindler Verlag, 2008
495 Seiten, 19,90 Euro

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