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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 15.12.2011

Ein Paradigma für den manipulierbaren jungen Araber

Sherko Fatah: "Ein weißes Land", Roman, Luchterhand Literaturverlag, München 2011, 480 Seiten

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Die Geschichte des Irak seit den 30er-Jahren erzählt der Roman "Ein weißes Land". Hier eine Straßenszene im heutigen Bagdad (AP)
Die Geschichte des Irak seit den 30er-Jahren erzählt der Roman "Ein weißes Land". Hier eine Straßenszene im heutigen Bagdad (AP)

Anwar, ein ungebildeter Junge aus dem Bagdad der 30er-Jahre, wird Mitglied in einem muslimischen Verband der Waffen-SS. Sherko Fatah zeichnet seinen Helden als leeren Menschen, der unbedarft auch für Gräueltaten zur Verfügung steht.

Sherko Fatah wurde 1964 als Sohn eines irakisch-kurdischen Vaters und einer deutschen Mutter in Ost-Berlin geboren und pendelte in seiner Kindheit und Jugend mehrfach zwischen dem Irak und Deutschland. Grenzerfahrungen gehören zu seiner Biografie; von Grenzerfahrungen, topografisch wie mental, und vom Grenzgängertum handeln auch seine bisher fünf Romane - am bekanntesten der Roman "Das dunkle Schiff" (2008), der auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis stand.

Fatahs Themen sind die Auswirkungen von Diktatur, Kriegen und brutal ausgetragenen Konflikten vor allem im Kurdengebiet, dem Dreiländer-Dreieck Irak, Iran, Türkei, einer abgeschirmten, verminten und von Freischärlern und Grenzsoldaten militärisch bewachten Region.

In Fatahs Romanen geht es um ethnische und religiös geprägte Konflikte, um Linientreue und Seitenwechsel, um Radikalisierung, Entwurzelung und Exil, um uneindeutige, schwankende Loyalitäten, um die Melancholie des Migrantentums. Der Verräter ist eine häufig auftauchende Problemfigur.

Auch in Fatahs jüngstem Roman "Ein weißes Land" ist der Protagonist ein Verräter. Anwar, ein ungebildeter Araberjunge im Bagdad der 1930er-Jahre, stolpert durch alle Umbrüche im Irak, verstrickt sich in die politischen Großereignisse seiner Zeit, ohne sie zu durchschauen, und wird als Mitmacher und Mitläufer schließlich zum Kriegsverbrecher, ohne es recht zu merken. Das titelgebende weiße Land ist der ölreiche Irak, der wegen seiner geostrategischen Lage an den Schnittrouten zwischen Europa, Arabien und Zentralasien für die Engländer genauso interessant ist wie für die Nationalsozialisten. SS und Gestapo stehen 1941 hinter einem Judenpogrom in Bagdad, Nazis infiltrieren das irakische Militär, geflüchtete SS-Verbrecher finden nach dem Krieg Unterschlupf im Irak.

Diese historischen Ereignisse bilden den Hintergrund zu Anwars Lebensgeschichte, die sich im Pendeln zwischen dem Irak und Nazi-Deutschland entfaltet. Anwars Grundbedürfnis ist es, Teil einer Gruppe zu sein. Er wird in einem fast märchenhaft abenteuerlichen Vorkriegs-Bagdad Mitglied einer Räuberbande, bekommt dann Zugang zur jüdischen Jeunesse dorée von Bagdad, gerät unter den Einfluss der faschistischen Jugendorganisation Iraks, folgt als Leibwächter dem antisemitischen Großmufti von Jerusalem, einem Bundesgenossen der Nazis, nach Berlin, lässt sich für einen muslimischen Verband der Waffen-SS rekrutieren, beteiligt sich an Massakern an russischen Partisanen und Zivilisten und hilft mit bei der grausamen Niederschlagung des Warschauer Aufstandes.

Sherko Fatah zeichnet Anwar als leeren Menschen, der unbedarft und ohne Selbstreflexion auch für Gräueltaten zur Verfügung steht. In gewisser Weise ist diese problematische Figur ein Paradigma für den manipulierbaren und für alles einsetzbaren und rekrutierbaren jungen Araber. Nebenbei erzählt der Roman spannend und anschaulich die Entstehungsgeschichte des heutigen Irak vom Ersten Weltkrieg bis zur Machtübernahme Saddam Husseins.

Besprochen von Sigrid Löffler

Sherko Fatah: Ein weißes Land. Roman
Luchterhand Literaturverlag
München 2011
480 Seiten, 21,99 Euro

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