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Profil / Archiv | Beitrag vom 13.04.2010

Ein Musik-Nomade sucht eine Heimat

Der schwedische Folk-Musiker Peter von Poehl

Von Cornelius Wüllenkemper

Peter von Poehl, Folk-Musiker aus Schweden. (Julien Bourgois)
Peter von Poehl, Folk-Musiker aus Schweden. (Julien Bourgois)

Seit er 16 Jahre alt ist, reist Peter von Poehl durch die Welt - allein aus Liebe zur Musik. Denn eigentlich sucht er nur eines: eine Heimat. Die hatte der Weltenbummler zwischenzeitlich in Berlin-Kreuzberg gefunden, wo er sein erstes Soloalbum aufgenommen hat.

"Ich hoffe, dass ich nicht mein Ding gefunden habe, das würde ich sehr schade finden. Deswegen macht man auch gerne Stücke. Ich würde gerne irgendwohin, weiter weg. Ich werde wahrscheinlich nächstes Jahr ein Projekt mit einer Big Band machen, wo ich mich sehr drauf freue und vielleicht ist das die Richtung."

"Meine Heimat ist dort, wo mein Herz ist", singt Peter von Poehl in diesem Song. Im schwedischen Malmö ist er vor 35 Jahren als Kind eines Deutschen und einer Schwedin auf die Welt gekommen. In Österreich ging er zur Schule, und seitdem lebt der umtriebige Musiker selten länger als zwei Jahre an einem Ort. Heimat, das ist das große Lebensthema des blonden, auffällig gut aussehenden und scheinbar immer gut gelaunten Schweden. Von Poehl schaut seinem Gesprächspartner stets in die Augen, ein Treffen mit ihm ist ein intensives Erlebnis.

"Die ganze Heimatgeschichte hat sich nicht ganz entwickelt. Irgendwann habe ich überlegt, dass die Musik meine Heimat sei. Natürlich Musik, glaube ich, aber vor allen Dingen die Leute, die wirklich wichtig sind. Mmmhh, das ist schon die Antwort."

Während seines Studiums der Musikgeschichte verbrachte von Poehl ein Jahr als Straßenmusiker in Spanien. Später ging es mit einem Stipendium in der Tasche nach Venezuela an die Universität von Caracas, zum Uni-Abschluss kehrte er nach Schweden zurück. Aber dort fühlte er sich im doppelten Sinne "unheimlich". Also ging es wieder in die Welt hinaus, dieses Mal nach Frankreich. In Paris nahm er Kontakt zu Bertrand Burgalat auf, der mit seinem Label Tricatel als eine der wichtigsten Kreativitätsquellen der französischen Independent-Musik gilt. Unverhofft fand von Poehl hier seinen Einstieg als Studiomusiker:

"Als ich angekommen bin, ist Bertrand fast blind geworden - er hat Diabetes - und ich bin also direkt ins Studio gekommen und hab alles schnell verstehen müssen, wie es läuft. Wir waren sehr wenige Leute, die alles machen mussten. Für mich war das wie eine Lehrzeit. Mein eigenes Projekt war immer ein Geheimnis, ich hab das immer in meiner Ecke gemacht und nie jemandem gezeigt."

Bald lernte man von Poehls Talente als Multiinstrumentalist zu schätzen, sein musikalisches Gespür als Produzent und Arrangeur. Die Gitarre ist ihm ebenso geläufig wie Bass, Schlagzeug und die Familie der Blechblasinstrumente. Er ließ sich für ein musikalisch-poetisches Experiment mit Michel Houellebecq engagieren, mit dem er die nächsten Jahre durch die Lande tourte und zwei Platten aufnahm. In Berlin wartete dann der nächste Auftrag, wo von Poehl ein Album eines alten Freundes aus Schulzeiten, dem österreichischen Musiker Florian Horvath produzierte. Am Spreekanal in Kreuzberg fand er dann schließlich die Ruhe, die er für sein erstes eigenes Album stets gesucht hatte.

"In Schweden sind’s halt pro Quadratkilometer zehn Schweden, und ich mag gern, wenn die Musik so klingt. Auch in Berlin und gerade in Kreuzberg hat’s für mich gestimmt. Ich habe ja nicht viele Leute gekannt und war auch dann … zwischen meinen 'Jogging Rounds' am Kanal und meiner Wohnung, das war eigentlich mein Umfeld, und das war eine 'peacevolle' Umgebung, die wichtig war, um überhaupt irgendwann anfangen zu können mit der Platte."

Die Covergestaltung der ersten Platte, "Going to where the tea trees are", übernahm von Poehls Schwester: Ein Meer von Pfeilen, die in alle Himmelsrichtungen zeigen. Am Spreekanal beschritt von Poehl vor drei Jahren nicht nur seinen musikalischen Weg zum ersten Soloalbum. Hier lernte er auch seine heutige Frau, Marie Modiano, die Tochter des berühmten französischen Schriftstellers kennen. Sogar ein Stück Heimat hat der Schwede in Berlin aufgespürt:

"Die Platte war sicher auch ein bisschen die Suche nach einer Heimat. Ich habe eine komische Beziehung zu Schweden. Offiziell wohne ich dort und zahle meine Steuern, bin aber sehr selten dort. Jedes Mal wenn ich dort bin, ist es so ein komisches Gefühl damit, es ist unheimlich. Diese Stimmung habe ich gesucht."

Peter von Poehl wäre wohl nicht der Musiker, der er ist, wenn er persönlich, musikalisch und geografisch nicht stets auf Reisen wäre. Seine Suche nach einer Heimat übersetzt sich in seinen Songs nämlich in eine erstaunliche Stilvielfalt und emotionale Intensität. Für sein neues Album "Mayday", das bald auch in die deutschen Plattenläden kommt, ist von Poehl übrigens wieder in sein Geburtsland zurückgekehrt.

"Ich bin wieder mehr in Schweden. Das freut mich auch. Die Beziehung ist ein bisschen erleichtert. Ich bin zwischen den Tourneen aufs Land gefahren, und eigentlich würde man ja sagen, dass ich Lust gehabt hätte auf die Ruhe. Aber es war genau das Gegenteil. Ich war viel allein auf Tour und als ich dann ins Studio ging, hatte ich nur Lust, so viele Leute wie möglich einzuladen, so viele Sounds wie möglich."

Service:

Am 4. November 2009 spielt Peter von Poehl im Vorprogramm zu "Das Pop" im Muffat-Café in München. Sein neues Album "Mayday" erscheint im Februar in Deutschland.

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