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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 08.12.2011

Ein Mönch im spätantiken Ägypten

Youssef Ziedan: "Azazel", Luchterhand Verlag, München 2011, 447 Seiten

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Ein koptischer Priester während einer Zeremonie in einer Kirche in Alexandria. (AP)
Ein koptischer Priester während einer Zeremonie in einer Kirche in Alexandria. (AP)

Ein muslimischer Autor aus Ägypten schreibt einen Roman über Glaubenskonflikte im frühen Christentum. "Azazel" wurde gleich bei seinem Erscheinen ein Beststeller und erhielt 2009 den arabischen Booker-Preis. Jetzt liegt die deutsche Übersetzung vor.

Wenn ein muslimischer Autor in Ägypten einen Roman über den Fanatismus der Christen vor der islamischen Eroberung in Alexandria schreibt, gilt dies in der aufgeheizten Stimmung in Ägypten fast schon als Sakrileg. Es wundert daher nicht, dass vor Youssef Ziedan, im Hauptberuf Leiter der Handschriftenabteilung in der Bibliothek von Alexandria, noch niemand auf die Idee gekommen ist. Und es wundert doch, denn die Beschreibung der heute kaum mehr nachvollziehbaren Glaubensstreitigkeiten der frühen Christen eignet sich wunderbar, um dem heutigen Islam den Spiegel vorzuhalten. "Azazel", wie dieser Roman heißt, wurde gleich bei seinem Erscheinen in Ägypten 2008 viel diskutiert, wurde ein Beststeller und erhielt 2009 den arabischen Booker-Preis.

Ziedan greift die für das frühe Christentum entscheidende Epoche zwischen der Ermordung der heidnischen Philosophin Hypatia in Alexandria 415 und dem Konzil von Ephesos 431 heraus und lässt seinen Helden und Erzähler, den Mönch Hypa, zum Zeugen von Ereignissen werden, in die er zwar nur am Rand involviert ist, die jedoch seine Glaubenszweifel befeuern und ihn zum Verfassen eben jener Aufzeichnungen veranlassen, die wir lesen.

Die theologischen Positionen werden im Buch zwar knapp, aber historisch sehr akkurat diskutiert, ohne den Leser mit überflüssigen Details zu ermüden. In Gestalt von Einflüsterungen Azazels, einer der Manifestation des Satans in der vorderorientalischen Tradition, wird der Zweifel für Hypa manifest: "Alles an mir ist zweifelhaft ... meine Taufe, mein Mönchstum, mein Glaube, meine Gefühle, meine Heilkünste, meine Liebe zu Marta ... Ich bin ein Zweifel im Zweifel."

All das liest sich gut und ist interessant. Umso bedauerlicher scheint jedoch, dass die Erzählung in einem entscheidenden Punkt, der Hauptfigur, eigentümlich blass bleibt. So sehr der Teufel in Gestalt Azazels diesem Mönch Tiefe zu geben versucht: Hypa ist ein vollkommen ironiefreier Gutmensch, dem alle Abgründe fremd sind, ein Simplizissimus ohne dasjenige, was solche Charaktere üblicherweise auszeichnet: Verschlagenheit, Schelmenhaftigkeit, Witz.

Alles Pikareske ist dem Buch fremd, besonders dort, wo Hypa gern über seinen edelmütigen Schatten spränge, nämlich wenn er Frauen trifft und es vor hehren Gefühlen und schwülstiger Lüsternheit nur so trieft: "Auch sie schaute mich an, ein geheimnisvolles Lächeln auf den Lippen, welches ihrem Antlitz noch größeren Zauber verlieh ... Ihre Schönheit, dachte ich mir, knechtete jeden, der ihrer ansichtig wurde, denn sie war unerträglich verführerisch und unerreichbar weit fort."

Der Autor nimmt seinen Helden und dieser Held sich selbst so grausam ernst, dass sie einem am Ende beide ein wenig leid tun. Dieses Buch, das intellektuell und sprachlich alle Ingredienzien dazu gehabt hätte, ein arabisches "Der Name der Rose" zu werden, hält dem Vergleich mit diesem großen Vorbild aller modernen Mönchromane allenfalls passagenweise stand.

Besprochen von Stefan Weidner

Youssef Ziedan: Azazel
Roman
Aus dem Arabischen von Larissa Bender
Luchterhand Verlag, München 2011
447 Seiten, 22,99 Euro

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