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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 10.11.2013

Ein metaphysischer Realist

Buch der Woche - Czeslaw Milosz: "Gedichte", Hanser Verlag, München 2013, 134 Seiten

Czeslaw Milosz, 1911 in Vilnius (Litauen) geboren, starb 2004 in Krakau. (AP)
Czeslaw Milosz, 1911 in Vilnius (Litauen) geboren, starb 2004 in Krakau. (AP)

Der 1911 geborene Czeslaw Milosz gilt als einer der wichtigsten Literaten in Polen. Er erhielt 1980 den Literaturnobelpreis. Jetzt gibt es einen neuen Band mit rund hundert Gedichten, die einen nachhaltigen Eindruck von Milosz' lyrischem Schaffen geben.

Über sieben Jahrzehnte des Beobachtens und Schreibens finden in Essays, Prosabänden, vor allem aber in den Gedichten des 1911 in Litauen geborenen Czeslaw Milosz ihren Niederschlag. "Gesättigt von Weisheit wie Wein" - so charakterisiert sie sein jüngerer Kollege Adam Zagajewski. Er hat den vorliegenden Band zusammengestellt und mit einem Nachwort versehen. Rund achtzig Gedichte geben einen nachhaltigen Eindruck von Milosz‘ lyrischem Schaffen.

1980 mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet, eingereiht ins Klassiker Pantheon, ist der Dichter ein wenig in Vergessenheit geraten. Dabei sind gerade heute die Erfahrungen eines bis ins hohe Alter leidenschaftlich Suchenden, eines metaphysischen Realisten, mit Gewinn zu lesen.

Sicherlich gibt es zeitgemäßere Ausdrucksweisen als diejenigen, derer sich Czeslaw Milosz bediente. Sicherlich auch oberflächlichere Betrachtungsweisen. Doch das hastige Formulieren und der schnelle Blick waren seine Sache nicht. Milosz wollte alles aufnehmen, alles verstehen, die Welt in ihrer Totalität erfassen.

Als politischer Mensch, war er Teil der gewaltigen Kämpfe des 20. Jahrhunderts. Als Dichter reflektierte er Begrenztheit und Möglichkeiten des Individuums in seiner Epoche. Er verstand sich selbst dabei als Instrument, als Medium, das widersprüchliche Stimmen sammelt und der Krise der modernen Zivilisation Ausdruck verleiht.

Eine eschatologische Weltsicht

Die Gedichte sind grob chronologisch geordnet. Die aus den frühen 1930er Jahren zeigen einen jungen Romantiker, naturverbunden, doch schon sprachskeptisch: "Keine Sprache genügt der Schönheit". Erkennbar wird bald eine eschatologische Weltsicht, die später Literaturkritiker veranlasste, Milosz als "Katastrophisten" zu etikettieren.

"Campo di fiori", eines der bekanntesten Milosz Gedichte, beschreibt Warschau während des Zweiten Weltkrieges:

"Im Frühling vor Karussellen / Bei Klängen lustiger Lieder."

Milosz unterstreicht so die Einsamkeit jener, die im Ghetto leiden:

"Und fremd ist uns ihre Sprache, / Als käm sie von andern Planeten."

Hier ist bereits 1943 vorweggenommen, was die Überlebenden des Holocaust später genauso formulieren werden.

Anspruch auf poetische Ehrlichkeit

Milosz‘ Gedichte sind Selbstgespräch und Dialog mit Menschen und Orten. Sie sind poetologische Auseinandersetzungen, Suche nach einer Form. Klassische wie modernistische Ausdrucksmittel gebraucht der Dichter souverän. Milosz, das macht diese kleine Auswahl seiner Gedichte deutlich, hat sich im Laufe von Jahrzehnten seinen Anspruch auf poetische Ehrlichkeit, "reine" Poesie, ebenso schwer erkämpft wie seine ideologiekritische Position. Und gleich ob begeistert oder im Zweifel - immer weiß er mit leichter Ironie Schweres erträglich zu machen.

"Ich kann nichts dafür, dass wir nun einmal so gebaut sind: / Zur einen Hälfte aus selbstloser Kontemplation, zur / anderen - aus Appetit."

Besprochen von Carsten Hueck

Czeslaw Milosz: Gedichte
Aus dem Polnischen von Doreen Daume, Karl Dedecius, Gerhard Gnauck und Christian Heinrich
Ausgewählt und mit einem Nachwort von Adam Zagajewski
Hanser Verlag, München 2013
134 Seiten, 17,90 Euro

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