"Ein Mensch in der Krise des europäischen Bewusstseins"

21.09.2007
Ein "Grundlagenwerk" nennt der Verlag diese Biografie über Giacomo Puccini, und er hat Recht. Dieter Schickling hat mit seinem Werk die Puccini-Forschung mustergültig zusammengefasst. Das Buch lässt dem italienischen Komponisten in jeder Beziehung Gerechtigkeit widerfahren.
Das Urteil der jüngeren Komponistenkollegen war hart: Luciano Berio meinte, Puccini gehe ihn nichts an, Benjamin Britten hörte nur "Billigkeit und Leere" und nicht einmal ein so traditionsbewusster Komponist wie Richard Strauss hielt von der Musik Giacomo Puccinis sonderlich viel.

Die akademische Musikwelt schloss sich dieser Kollegenschelte zu großen Teilen an und strafte Puccini mit Nichtbeachtung. Ganz im Gegensatz zum Publikum, bei dem Puccini bis zum heutigen Tag ausgesprochen populär ist. "Tosca" oder "La Bohème" stehen denn auch auf dem Spielplan eines jeden Opernhauses.

Zum 150. Geburtstag des Komponisten im Dezember erscheint nun eine umfassende Biografie. Geschrieben hat sie Dieter Schickling, Mitglied im Puccini-Forschungsinstitut in Lucca und Mitherausgeber der geplanten Gesamtausgabe. Es ist die überarbeitete und erweiterte Neuausgabe einer Biografie, die schon 1989 einmal erschien. Damals stand die Puccini-Forschung noch ziemlich am Anfang. Mittlerweile wurden weitere 2000 Briefe aufgefunden, so dass die Neufassung von einem veränderten Kenntnisstand ausgeht.

Ein "Grundlagenwerk" nennt der Verlag die Biografie - und er hat recht. Schickling hat mit diesem Buch die Puccini-Forschung mustergültig zusammengefasst und ein Standardwerk zu Puccini geschrieben, das dem Komponisten in jeder Beziehung Gerechtigkeit widerfahren lässt.

Schicklings Biografie ist ein unglaublich materialreiches und ausgreifendes Buch. Der Autor fächert die politischen Verhältnisse auf, die gerade in Italien von Umbrüchen und Verunsicherung geprägt waren. Er schildert mit umfassender Detailtreue die verschlungenen und intrigenreichen Verlagsgeschäfte, er begleitet Puccini auf seinen Reisen (im Anhang sind sämtliche Reisen und Theaterbesuche en détail aufgeführt).

Er nähert sich dem Komponisten aus immer wieder anderer Richtung. Er setzt ihn in Beziehung zur Geschichte seiner Heimatstadt Lucca und zur Geschichte seiner Familie. Er nähert sich Puccini über dessen Vorlieben und Eigenarten, die Liebe zu Autos, die zahllosen Liebschaften, das egozentrische und egoistische Wesen.

Dass man sich von all diesen Informationen als Leser nicht erdrückt, sondern ganz im Gegenteil bereichert fühlt, liegt nicht zuletzt am stilistischen Niveau dieser Biografie. Schickling schreibt verständlich, klar und schnörkellos, er verliert sich auch bei der Analyse der Opern nicht in einem musikwissenschaftlichen Jargon.

Die Biografie zeichnet das Bild eines in nahezu jeder Hinsicht widersprüchlichen Menschen. Er blieb als Komponist in der Tradition des 19. Jahrhunderts - und interessierte sich doch für die avantgardistischen Zeitgenossen Strawinsky und Schönberg. Er wollte weg - und blieb doch stets heimatverbunden.

Natürlich hat diese Biografie einen apologetischen Grundzug, natürlich will sie nichts weniger als die alle Einwände widerlegende Ehrenrettung Puccinis. Und doch ist es alles andere als eine Heiligenlegende, die Schickling erzählt. Wie sein Gegenstand, so ist auch der Biograf bemerkenswert zerrissen.

Auf beinahe jeder Seite finden sich Einwände und Zweifel an Puccini. "Man muss sich dringend fragen, was der italienische Komponist die ganze Zeit getan hat", heißt es da angesichts des vergleichsweise überschaubaren Gesamtwerks, oder, noch gnadenloser: "Wie als Mensch war er auch als Musiker mutlos. Er glaubte, mit Hilfe kleinerer Retuschen die Tradition bewahren zu können, weil er sie bewahren wollte, und geriet damit ausweglos in Rechtfertigungszwänge." Das sind erstaunliche Sätze in einer solchen Biografie. Sätze freilich, die dem Autor zur Ehre gereichen, weil sie seine wissenschaftliche Distanz unterstreichen.

Und immer wieder kommt er auf die musikgeschichtliche Stellung von Puccini zurück. Puccini habe "die traditionelle Opernästhetik auf hinterhältige Weise zerbrochen", doch habe ihm auch der Mut für einen radikalen Bruch und Neuanfang gefehlt. Stattdessen habe er es vorgezogen, seinem Publikum "Harmlosigkeit vorzuspielen", und diese Harmlosigkeit verdecke bis heute die Modernität und Subtilität seines Oeuvres. Dabei habe er sich in seinen Werken, selbst wenn sie, wie "La Fanciulla del West", im Wilden Westen spielten, immer mit seiner Gegenwart auseinandergesetzt.

"Ein Mensch in der Krise des europäischen Bewusstseins" - so lautet Schicklings Fazit. Und er schließt mit einem leidenschaftlichen Appell, Puccini aus seiner lähmenden Popularität zu befreien und ihn durch zeitgemäße Inszenierungen jenem Modernisierungsprozess zu unterwerfen, der bei Wagner schon vor einer Generation stattgefunden habe. Dann erkenne man nämlich, was Puccinis Opern ausmache. Es seien "zeitlos aktuelle Chiffren menschlicher Mythen".


Rezensiert von Rainer Pöllmann.


Dieter Schickling: Giacomo Puccini. Biografie
Erweiterte Neuausgabe.
Carus-Verlag und Philipp Reclam jun., Stuttgart 2007, 463 Seiten, 39,90 Euro