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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 07.07.2009

Ein litauischer Antiheld

Sigitas Parulskis: "Drei Sekunden Himmel", Claasen Verlag Berlin, 260 Seiten

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Robertas wird aus dem wahren Leben herauskatapultiert. (Stock.XCHNG / Jeff Hallam)
Robertas wird aus dem wahren Leben herauskatapultiert. (Stock.XCHNG / Jeff Hallam)

Der Mittvierziger Sigitas Parulskis zählt zu den jungen Wilden der litauischen Literaturszene. In seinem Romandebüt "Drei Sekunden Himmel" verarbeitet er die düsteren Erfahrungen seines Militärdienstes als Fallschirmspringer der sowjetischen Truppen in der DDR.

Feiglinge und Verräter sind unangenehme Menschen, konstatiert Robertas. Doch am widerlichsten sind für Robertas Helden. Sie tragen ihre Heldenhaftigkeit wie einen Ausgehanzug, den viele gern anspucken würden, wenn sie nur keine Angst davor hätten, glaubt Robertas. Robertas, ein Antiheld vom Scheitel bis zur Sohle, fungiert als Ich-Erzähler in "Drei Sekunden Himmel", dem ersten Roman des litauischen Schriftstellers Sigitas Parulskis, der nun auf Deutsch im Claasen Verlag vorliegt.

Robertas, um die 40, ein Trinker vor dem Herrn und Liebhaber von Kraftausdrücken aller Art, zugleich intellektuell und empfindsam, hat keinen festen Platz im Leben. Gerade hat er sich in den Dünen der Kurischen Nehrung verschanzt. Zwar bedeutet ihm das Meer vor den Augen nichts als Leere, doch dieses Vakuum ermöglicht es ihm, sein eigenes Leben Revue passieren zu lassen.

Albtraumhaft und realistisch scheint die eigene Vergangenheit auf. Ein abgebrochenes Studium, die große unglückliche Liebe zu Maria neben vielen glücklosen Affären, vor allem aber das große Trauma eines zweijährigen Militärdienstes als Fallschirmspringer der sowjetischen Luftlandetruppen in der DDR in den 1980er Jahren.

Immer wieder verwandelt sich der Sand der Kurischen Nehrung in die "Sahara", ein hinter Absperrungen verborgenes Militärgelände in der Nähe von Cottbus. Hier, wo sich einst nationalsozialistische und später stalinistische Lager befanden, wälzen sich die sowjetischen Soldaten im Kot, lassen sich brutal demütigen von den Vorgesetzten und haben Angst vor dem Tod, der einen durch einen Absturz aus der Luft ebenso ereilen kann wie durch privaten Streit mit hart gesottenen Kameraden. Diese düsteren Erfahrungen durchzieht allerdings ein Band von zufälligen und merkwürdig intensiven Freundschaften. Als exotisches Abenteuer jenseits der Absperrung zeichnet sich der DDR-Alltag ab.

Sein Militärdienst hat ihn, davon ist Robertas überzeugt, aus dem wahren Leben herauskatapultiert, ihn auf Dauer die Orientierung verlieren lassen. Am gesellschaftlichen Leben nimmt dieser Antiheld nicht einmal dann teil, als er sich per Zufall für eine Zeit in den Journalismus verirrt. Selbst das allgemeine Pathos der litauischen Unabhängigkeitsbewegung lässt ihn völlig kalt. Der Leser darf vermuten, dass sich diese Haltung vor allem auf jene drei Sekunden zurückführen lässt, die Robertas als Fallschirmspringer immer wieder erlebt hat, bevor er die Reißleine zog - drei Sekunden Totenstille, die nicht einmal von Todesangst beeinträchtigt wird.

Sigitas Parulskis, der 1965 im Obeliai zur Welt kam und in Vilnius lebt, genießt den Ruf eines jungen Wilden der litauischen Literaturszene. Kurz nach der Wende debütierte er als Lyriker. "Drei Sekunden Himmel", sein 2002 im Original erschienener und unter anderem mit dem litauischen Nationalpreis bedachter Roman, ist das bemerkenswerte Porträt eines wohl nicht ganz selten anzutreffenden Einzelgängers, verfasst in einer fesselnden Sprache, derb und voller Schnoddrigkeit, nicht ohne schräge Bilder, gespickt mit Anspielungen auf die europäische Literatur- und Kulturgeschichte – lesenswert.

Besprochen von Martin Sander

Sigitas Parulskis: Drei Sekunden Himmel. Roman.
Aus dem Litauischen von Claudia Sinnig,
Claasen Verlag Berlin, 260 Seiten, 19,90 Euro

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