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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 07.09.2007

Ein listiger Antiheld aus Island

Einar Kárason: "Sturmerprobt", btb Verlag, München 2007, 333 Seiten

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Denkmal im Hafen der isländischen Hauptstadt Reykjavik (AP)
Denkmal im Hafen der isländischen Hauptstadt Reykjavik (AP)

In den Romanen der isländischen Autors Einar Kárason spielen Außenseiter und Obdachlose oft die Hauptrolle. So auch in seinem jetzt ins Deutsche übersetzen Werk "Sturmerprobt". Darin beschreibt er einen listigen, arbeitsscheuen, aber gleichzeitig höchst eloquenten Negativhelden.

Der Protagonist in Einar Kárasons Roman heißt mit bürgerlichem Namen eigentlich Eyvindur Jonsson. Aber er besteht darauf, Stormur (deutsch: Sturm) genannt zu werden. Dabei ist er alles andere als ein kraftvoller Mann, der etwas bewegt. Stormur ist trinkfest und arbeitsscheu, aber listig und eloquent.

Er ist hoch verschuldet und doch ohne Ängste, es würde morgen nicht weiter gehen. Mit diesen Fähigkeiten ausgestattet ist er bislang erstaunlich gut durchs Leben gekommen. Er ist mit der arbeitsamen und stets freundlichen Stefanía verheiratet, hat zwei kluge Kinder und einen Freundeskreis, der nicht nur aus Saufkumpanen besteht.

Denn Stormur besitzt ein Talent, das viele in seinen Bann zieht: Er ist ein wunderbarer Geschichtenerzähler. Seine Geschichten handeln von Menschen und Gegenden, die im modernen Island gern verschwiegen werden. Stormur kennt aus eigener Erfahrung das Milieu der Penner, Dealer und Stricher. Er weiß um die Gestrandeten in der Gesellschaft, denen das Tempo zu schnell geworden ist und die irgendwann den Anschluss verpasst haben.

Obwohl Stormur die katholische Schule nach der siebten Klasse verlassen hat, besitzt er ein erstaunliches Allgemeinwissen. Er ist in der Lage, Gespräche wörtlich zu erinnern. Aus der kleinsten Situation vermag er eine Saga von mehreren hundert Seiten zu machen.

Einar Kárasons Romanfigur haften märchenhafte Züge an. Dennoch ist sein Protagonist ein Negativheld. Kárason führt Strategien zum Leben und Überleben vor, die ohne die Hilfe des Sozialstaates allerdings nicht aufgehen. Diese Erzählebene verknüpft der Autor mit einer Geschichte, in der es um skrupellose Verlagsmethoden geht.

Plötzlich ist Stormurs Talent und Wissen gefragt. In einem isländischen Verlag liegt ein Romanfragment, zu dem es keinen Autor gibt. Der Roman handelt von der Obdachlosenszene, einem Milieu, das Stormur bestens kennt. Deshalb soll er sich als Autor des Romans ausgeben, wofür ihm eine gute Bezahlung versprochen wird.

Allerdings muss er dafür einige seiner Geschichten verkaufen, die von Verlagsangestellten in den Roman eingearbeitet und dafür nochmals verändert werden. Was wie ein perfekter Plan aussieht, endet schließlich in einer Katastrophe, vor allem für Stormur.

Einar Kárasons Roman wurde von dem isländischen Autor Kristof Magnusson übersetzt, dessen Romandebüt "Zuhause" (2005) auch in Deutschland erfolgreich war und mit dem Rauriser Literaturpreis ausgezeichnet wurde. Bleibt zu hoffen, dass Magnusson bei seiner Übersetzung keine Verkaufsziffern im Kopf hatte.


Rezensiert von Carola Wiemers

Einar Kárason: "Sturmerprobt"
Aus dem Isländischen von Kristof Magnusson
btb Verlag, München 2007
333 Seiten, 19,95 Euro

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