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Zeitfragen | Beitrag vom 13.06.2019

Ein Leben lang zum ZahnarztDie Angst vor dem Bohrer

Von Bettina Conradi

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Die Zahnarztbesuche in der Kindheit können zu bleibenden Erinnerungen werden und spätere Angst und Trauma in Bezug auf die Zahnbehandlung auslösen. (imago/ Joker/ Gudrun Petersen)
Die schmerzhaften Zahnarztbesuche in der Kindheit können zu bleibenden Erinnerungen werden. (imago/ Joker/ Gudrun Petersen)

Für viele ist es wohl mit eine der schlimmsten Kindheitserinnerungen – der Besuch beim Zahnarzt. Grelles Licht, dröhnender Bohrer und Zähne ziehen. Manche sind bis heute davon traumatisiert, aber es gibt Zahnarztpraxen, die helfen.

"Ist schon komisch. Immer wenn ich Zahnschmerzen habe, fallen mir die alten Erlebnisse ein. Manche glasklar, andere verschwommen."

Aus den Aufzeichnungen von Nana Buch, die hier anders heißt.

"Meine Mutter war im Krankenhaus und das Geld sehr knapp. Ausgerechnet da bekam einer meiner großen Brüder Zahnschmerzen. Mein Vater und mein anderer Bruder tranken. Als sie spät abends zurückkamen, schnappten sie ihn und riefen uns Kleinere dazu. Mein Vater setzte sich auf ihn drauf, der andere Bruder quetschte den Kopf zwischen seine Beine. Uns Kleinere erschauderte es und zeitgleich stellte sich das Gefühl von Schadenfreude ein. Stolz erhob sich mein Vater mit dem Zahn, zeigte ihn uns Kleineren und schrie "Noch wer, der Zahnschmerzen hat – dann ist er der nächste!" Von da an wusste ich auf jeden Fall, dass ich Zahnschmerzen verheimlichen würde…"

Jemandem auf den Zahn fühlen / Die Zähne zusammenbeißen / Die Zähne zeigen / Zähneknirschend zustimmen / Sich an etwas die Zähne ausbeißen / Mit den Zähnen klappern…

Vom Zahn aus landet man in der Sprache schnell beim ganzen Menschen: Bei Eigenschaften, Gefühlen, Wünschen, bei Zeichen von Stärke, Wut oder Stress. Besteht aber ein Defekt am Zahn, scheint die Verbindung zum Ganzen gekappt, zugunsten eines mechanistischen Blicks auf die Beißer als Werkzeuge: Wir lassen sie füllen oder ziehen und schauen auf sie als Objekte: Da ist dann der Körper auf der einen, für manche vielleicht noch Geist oder Seele auf der anderen Seite und zusätzlich sind da: die Zähne. Störanfällige Spezialobjekte mit dem Schmelz als härtester, quasi anorganischer Substanz: Zwei Garnituren, 32 Stück – strahlende Aushängeschilder oder Armutsanzeiger. Die Trennung zwischen Zähnen und dem menschlichen Organismus hat historische Wurzeln, erklärt Medizinhistoriker und -ethiker Professor Dominik Groß von der der RWTH Aachen. Er ist zugleich auch Humanmediziner und Zahnarzt.

"Heute wird es zunehmend besser, aber in der Tat ist es so, dass die Zähne für sich standen und teilweise auch noch stehen, einfach weil es verschiedene Berufsgruppen gibt, die sich einmal für die Medizin qualifizieren- die Ärzte und andere, die sich für die Zahnmedizin qualifizieren- die Zahnärzte. Und dadurch, dass diese beiden Berufsgruppen historisch gesehen immer getrennt waren und die Zahnmediziner darüber hinaus gar nicht aus dem Gelehrtenstand stammen, sondern aus dem Bereich der Handwerker – wo ohnehin nicht die internistische Medizin, also die Medizin des ganzen Organismus im Vordergrund stand. Dadurch erklärt sich dann auch, dass die Zähne so ein isoliertes Dasein geführt haben und teilweise auch noch führen."

Quacksalber, die die Zähne abbrachen

Das gründet sich schon im hippokratischen Eid, nach dem Ärzte keine Steine schneiden, also nicht chirurgisch tätig sein sollen. Mit der blutigen, schmutzigen Arbeit am Zahn wollten die Mediziner nichts zu tun haben.

"So richtig isoliert ist dann diese Bewegung seit dem Mittelalter, wo wir Bader und Barbiere kennen als Berufsstände, die sich mit der sogenannten niederen Chirurgie befassen und da zählt eben auch die Behandlung der Zähne drunter. Personen, die von Dorfmarktplatz zu Dorfmarktplatz gezogen sind und möglichst schnell wieder die Kurve gekratzt haben. Insbesondere dann, wenn merklich wurde, dass die Quacksalber waren und die Zähne nicht vollständig gezogen haben, sondern nur abgebrochen. Daher auch der Begriff Zahnbrecher."  

Satirische Darstellung eines allgemeinen Arztes im Mittelalter. (picture alliance / Prisma Archivo)Satirische Darstellung eines allgemeinen Arztes im Mittelalter. (picture alliance / Prisma Archivo)
Autorin: "Ich stehe hier vor einer Zahnarztpraxis in der Clayallee. Und habe gleich einen Interviewtermin mit Alexander Pirk. Der ist Zahnarzt. Arzt für Allgemeinmedizin und Arzt für Psychotherapie und spezialisiert auf den Umgang mit Patienten, die eine Zahnbehandlungsphobie haben. Hier steht es schon: Au Backe. Naja, Humor haben sie ja." 

Nana: "1970, ich war fünf Jahre alt, kam der Tag, wo es nicht mehr zu verheimlichen war. Meine Eltern zerrten mich in die Praxis. ´Wart nur bis der Zahnarzt  mit der Zange kommt, da wirst weinen.` Das Wartezimmer randvoll. Ein Junge war vor mir dran. Der ZA kam, schaute zu seiner Mutter, dann zu meiner und meinte: ´Wenn die Kinder an der Reihe sind, bleiben sie hier.` Es dauerte noch eine Weile, bis er den Jungen zu sich rief. Kurz darauf hörte man ihn schreien. Totenstille. Wieder schreien. Der Junge kam zurück, blutete aus dem Mundwinkel und zeigte seiner Mutter zwei Zähne. Ich wurde immer kleiner auf der Bank. – Die Frau vom Zahnarzt setzte mich in den Stuhl.

Ich weinte, sie band eine Art Gürtel um mich, so dass ich meine Arme und meinen Körper nicht mehr bewegen konnte. Als ich strampelte, kam so ein Gurt auch um die Beine. Vor Angst presste ich meinen Mund fest zusammen. Man behalf sich damit, dass man mir die Nase zuhielt. Blitzschnell hatte ich dann etwas im Mund, was verhinderte, dass ich ihn zumachen konnte. – Das Ziehen wurde nach mehrmaligen Versuchen vollzogen.

Autorin: "Kann ich hier noch einmal gucken?"

Pirk: "Das ist eigentlich nur der Warteraum."

Autorin: Naja, das ist ja nicht unerheblich…

Pirk: "Naja, die beste Wartesituation ist die, die nicht da ist. Also. Wir versuchen schon, uns an Termine zu halten."

Autorin: "Das heißt, dass man hier nicht lange sitzen muss."

Pirk: "Nach wissenschaftlichen Untersuchungen möchte der Patient auch nicht sofort drangenommen werden, sondern die optimale Zeit sind sieben Minuten. / OK. / Fürs Wohlbefinden. Die Patienten wollen sich erst mal hier rein setzen, sich kurz orientieren im Raum, Wo sind Sie? Und was passiert jetzt?"

Autorin: "Das heißt also, sofort dran kommen, ist auch nix."

Pirk: "Aber sich im Wartezimmer heimisch zu machen, macht auch keinen Sinn."

Autorin: "Dass hier quasi dann auch nicht viele sitzen, die sich dann gegenseitig mit Sorgen anstecken und…"

Pirk: "Genau. Ist auch ein bisschen wegen der Geräuschentwicklung. Hier ist zwar moderner Neubau. Die Türen sind relativ dicht, aber man hört schon ein bisschen was: Wenn man die Turbine an hat."

Groß: "Also der Berufsstand der Zahnärzte ist erst seit 1909 akademisch. Erst da musste man das Abitur vorweisen, um Zahnmedizin zu studieren. Und selbst dann war es noch so, dass man auch als Dentist, als Zahnbehandler wirken konnte und Dentisten, die mussten bis in die 1950er-Jahre kein Abitur haben und die letzten Dentisten in Deutschland sind erst in den 1990er-Jahren, also vor gerade mal 20 Jahren in Pension gegangen. 

Ein objekthafter Blick auf die Zähne hat sich auch aufgrund der unterschiedlichen Berufsgruppen und Traditionen lange gehalten.

Groß: "Dadurch, dass das Zahnmedizinstudium auch heute noch den Fokus auf den 32 Zähnen hat und eben nicht auf dem ganzen Organismus. Dadurch ist es immer noch ein bisschen da. Man muss allerdings auch sagen, dass es Bemühungen gibt, insbesondere im Entwurf der neuen zahnärztlichen Approbationsordnung ist das grundgelegt, dass man zumindest das Grundstudium von Zahnmedizin und Humanmedizin gleichschaltet. Ich glaube, dass das gut ist. Es ist allerdings eine sehr große Aufgabe für die medizinischen Fakultäten."

Kranke Zähne machen noch kränker

Ein systemischer Blick auf die Zähne ermöglicht auch ein vertieftes Verständnis anderer Erkrankungen: Ein Zusammenhang mit Alzheimer wird vermutet. Bei Herzerkrankungen und Parodontitis gilt mindestens eine Korrelation als belegt. Auch bei Diabetikern bestehen Wechselwirkungen, sowohl in Bezug auf die Heilung des entzündeten Zahnfleisches als auch in Bezug auf den Insulinbedarf. Kausalitäten eindeutig zuzuschreiben ist schwierig – da Folgen von Parodontitis kaum isoliert von anderen Risikofaktoren betrachtet werden können.

Bis zu 30 Prozent der Patienten in allgemeinmediznischen Praxen hätten psychosomatische Beschwerden, für die sich keine oder nicht ausschließlich körperliche Ursachen finden ließen, erklärt Dr. Anne Wolowski. Sie ist leitende Oberärztin in der Zahnklinik Münster und erste Vorsitzende des Arbeitskreises für Psychologie und Psychosomatik in der Zahnmedizin. Sie kennt die Problematik rund um die schwierige Diagnosestellung und Behandlung, wenn sich ein seelischer Schmerz zunächst unerkannt im Zahn manifestiert.

"Wenn wir jetzt diese Zahlen aus den Hausarztpraxen auf die Zahnmedizin transportieren, dann darf man auch davon ausgehen, dass wir einen ähnlich hohen Prozentsatz belasteter Patienten haben. Das heißt aber nicht, dass Zahnschmerz immer dann von diesen 30 Prozent geklagt wird, sondern dass jemand mit meinethalben solch ausgelösten Rückenschmerzen in die Zahnarztpraxis kommt und vielleicht über die zahnmedizinische Behandlung dann fokussiert wird auf den Kiefer-Gesichts-Bereich. Also solche – ich sag mal, Zielorgan-Veränderungen, damit muss man schon rechnen."

Psychosomatische Beschwerden haben also ein so genanntes Zielorgan, dort ist der Schmerz lokalisiert. Das können auch die Zähne sein. Für viele Patienten bleibt die psychosomatische Komponente lange unerkannt. Das bedeutet oft: Füllungswechsel bis hin zum Ziehen der Zähne: Aber eine Linderung der Beschwerden bleibt aus.

"Das Schlimmste für einen Patienten, der diese Form von Schmerzen hat, ist ja die Tatsache, dass dann möglicherweise in diesem rein mechanistischen Glauben Zähne gezogen werden, die eigentlich nicht hätten gezogen werden sollen und damit der Leidensweg häufig erst am Anfang steht."

Auf einem Behandlungsstuhl liegend erhält eine Patienten die ärztliche Versorgung für ihre Zähne im Jenaer Universitätshochhaus 1976. (dpa/ FSU- Fotozentrum)Zahnärztliche Behandlung an der Universität Jena 1976. (dpa/ FSU- Fotozentrum)
Verfolgt man die Krankengeschichte zum Beginn der Beschwerden zurück, gibt es bei den Betroffenen oft eine zeitliche Parallelität zwischen einer zahnärztlichen Behandlung und einem stark belastenden Lebensereignis.

"Und wo vielleicht diese Zahnbehandlung ´Das-bisschen-Zuviel` ist. Und dann dieser ganze Ballast, dieser ganze Schmerz, das Ganze dann eben da an der Stelle ausgelebt wird."

Beim Verdacht auf eine psychosomatische Problematik, taste man sich nach genauester körperlicher Befundung langsam heran – bei einigen Patienten lägen sowohl körperliche als auch psychosoziale Ursachen vor.

"Wenn ein Patient mir berichtet: ´Am Wochenende ist es immer besonders stark, in der Woche habe ich weniger Beschwerden.` Werde ich natürlich ein bisschen hellhörig – weil wie erkläre ich das mit einem zahnmedizinischen Schmerz?"

Für viele Patienten ist die Zuschreibung einer psychosozialen Ursache inakzeptabel. Ein Grund dafür ist, dass psychische Krankheitsgründe gesellschaftlich viel weniger akzeptiert sind, als körperliche.

"Ich will nicht auf die sogenannte ´Psycho-Schiene`. So nennen Patienten das manchmal. Vor dem Hintergrund ist es besonders wichtig, dass man dem Patienten nach wie vor das Gefühl vermittelt, dass man ihn ernst nimmt und dass man natürlich auch zahnmedizinisch hinschaut und manche wünschen dann auch, dass man nach außen hin, durchaus den Patienten erst einmal die Tür offen lässt, vor seinem Umfeld das auch ins Somatische hinein interpretieren zu dürfen. Wir versuchen da schon ein bisschen, was herauszubekommen, wobei man immer aufpassen muss. Ich kann nur in letzter Konsequenz feststellen: Ich habe hier eine Diskrepanz zwischen dem, was ich als Befund sehe und dem wie der Patient es erlebt und wie es ihn belastet. Und ich kann dann sagen: Ich seh, dass biografisch diese oder jene Dinge passiert sind. Ob da jetzt wirklich die Quervernetzung stattgefunden hat. Aus der Interpretation halte ich mich raus. Das sollen die Psychologen dann machen."

Schmerzen, Demütigung, Schimpfe

Nana: "Schulzahnarzt bedeutete Schmerzen, Demütigung, Schimpfe. Die Klasse trat an zur Untersuchung, der Zahnarzt saß mit Häkchen und Spiegel vor einem. Das Loch war tiefer und größer geworden und er stocherte darin rum. Ob das schon weh tue? Ich verneinte, wie ich es immer tat und er: ´Der wird dir in nächster Zeit bald Freude bereiten." Dann bekam ich den Zettel für die Eltern, den ich auf dem Heimweg in einer Mülltonne entsorgte. – An meinen 12. Geburtstag fehlten sechs bleibende Backenzähne. Hatte ich Zahnschmerzen, ertränkte ich sie mit Alkohol und Tabletten. Ein Freund gab mir damals das erste Mal Drogen gegen die Schmerzen. Mit 19 landete ich wieder auf dem Behandlungsstuhl. Heute habe ich noch zwölf Wurzelruinen und zwei, die noch wie Zähne aussehen. Ich war noch nie beim Zahnarzt, ohne dass ich von anderen hingebracht wurde."

Instrumente einer Zahnarztpraxis aufgereit in der dafür vorgesehenen Halterung.  (Eyeem/ Roo-D)"Das Instrumentarium und die Sonde lassen wir auch ganz weg." (Eyeem/ Roo-D)
Pirk: Dann machen sie das erste Gespräch und das findet auch im Behandlungszimmer statt, es sei denn der Patient wünscht sich ausdrücklich…, dass es nicht geht. Dann machen wir das in einem neutralen Raum. Aber ich versuche immer, die Patienten dazu zu bewegen, das Gespräch im Behandlungszimmer zu führen."

Autorin: "Damit man sich da schon mal akklimatisiert?"

Pirk: "Ja, man kriegt auch mehr Assoziationen, was die Problematik angeht und das ist günstig. Weil die Patienten sich ja oft dann erinnern müssen und es sind ja doch sehr oft traumatische Erlebnisse. Und es fällt dann etwas leichter. Wird dann zwar mal geweint, aber das nehme ich in Kauf, weil es sehr viel echter ist. Ich mache hier ja keine Psychoanalyse. Es geht ja nicht darum, das Trauma aufzuarbeiten, sondern zu bewältigen."

Nana: "Ich könnte nie in einem Raum ein Gespräch führen, wo der Monsterbehandlungsstuhl drin steht. Ich finde den Stuhl tausend Mal schlimmer als alle die Instrumente, – bis auf den Hebel. In meinen Albträumen kommt der Behandlungsstuhl viel häufiger vor als der Zahnarzt selbst."

Autorin: "Sagen Sie mal: Ist das ist immer so: Ich habe nämlich gerade den Eindruck, dass man etwas weniger Instrumentarium sieht als sonst oft." 

Pirk: "Wir nehmen es meistens sogar ganz weg. Das Instrumentarium und die Sonde lassen wir auch ganz weg. Das Piek-Instrument – sagen die Patienten immer dazu. Ist eine Sonde, ne. Die benutzen wir eigentlich bei Angstpatienten nie. Nur gucken, nur am ersten Termin mit dem Spiegel, machen Röntgenaufnahmen und besprechen dann erstmal, weil des invasiv ist, Sondenuntersuchung, piekt. Haben viele Patienten Erinnerungen dran, dass der Zahnarzt da hineingepiekt hat und da hat es weh getan. Und das wollen wir vermeiden."

Nana: "Warum ich nicht abstumpfe. Warum gewöhnt man sich an jeden Schmerz, nur nicht an den Zahnschmerz? Wenn man regelmäßig verprügelt wird, dann macht es einen immer weniger aus, – bis es Alltag ist und man es gar nicht mehr wahrnimmt. Warum ist das beim Zahnschmerz nicht so? Ich glaub, kein Schmerz ist so grausam wie der Zahnschmerz."

Die Schmerzen gehen direkt ins Gehirn

Die Repräsentation des Gesichtsbereichs mit Lippen, Mund und Zähnen auf dem sensomotorischen Cortex, der Großhirnrinde, ist besonders ausgedehnt. Was im Mund eigentlich nur eine kleine Läsion ist, fühlt sich riesig an, wenn man mit der Zunge danach fühlt. Es gibt vielfältige neuronale Verknüpfungen. Mundbereich und Zähne sind sensibel, verletzlich, intim und zugleich Werkzeuge der Kommunikation. Der Sound zahnmedizinischer Werkzeuge klingt über die Knochenleitung direkt im Kopf. Sich in zahnmedizinische Behandlung zu begeben, bedeutet Kontrollverlust in besonderer Weise. Man liefert sich aus.

Groß: "Ich glaube, das hat ganz viel damit zu tun, dass das Schmerzerleben in dem Bereich insbesondere bei den Zähnen, aber insgesamt im Kopf nochmal ein anderes ist als in anderen Bereichen des Körpers. Und deshalb fürchtet man sich auch ganz besonders vor Zahnschmerzen, weil sie einfach für sehr sehr starke und auch unbeherrschbare Schmerzen stehen."

Mit Angeboten wie Vollnarkose, Sedierung, Lachgas, Hypnose und Ablenkung bieten Zahnärzte, die nur in allerseltensten Fällen auch Psychotherapeuten sind, Linderung bei Schmerz und Angst. Laut einer Stellungnahme der Deutschen Gesellschaft für Zahn- Mund und Kieferheilkunde geben 60 –80 Prozent der Allgemeinbevölkerung ein Angstgefühl vor dem Zahnarztbesuch an.

Bis zu 20 Prozent gelten als hoch ängstlich und etwa fünf Prozent so stark, dass sich eine Phobie entwickelt. Sie kann sich auf ganz unterschiedliche Aspekte beziehen und ist immer mit großem Leidensdruck für die Patienten verbunden, die einen Zahnarztbesuch lange oder komplett vermeiden.  

Instrumente in einem Aufsteller in der Zahnarztpraxis (Eyeem/ Kannika Yawichai)Der Sound zahnmedizinischer Werkzeuge klingt über die Knochenleitung direkt im Kopf. (Eyeem/ Kannika Yawichai)
Nana: "Kürzlich hat sich sogar ein Nachbar beim Vermieter beschwert. Es geht ja auch nicht leise zu. Wenn ich tobend durch die Wohnung jage und versuche, den Zahnschmerz abzuschütteln bzw. vor ihm davonlaufe. Ab 6 Uhr, außer an Feiertagen tritt dann plötzlich Besserung ein und ich schlafe vor Erschöpfung ein. Ich kann ja auch nichts dafür, dass die hauptsächlich nachts und feiertags kommen und es keine Medis mehr gibt, die anschlagen."

Neben den psychosomatischen Beschwerden mit dem "Zielorgan Zähne", gibt es eine weitere Problematik, die oftmals stark von Faktoren wie Stress und Belastung beeinflusst wird: CMD. Cranio-Mandibuläre Dysfunktion. Bruxismus, also Zähneknirschen, Muskelverspannungen, Kieferbeschwerden…

Wolowski: Psychosomatiker, wo Schmerzen, Beschwerden auftreten,– da haben Untersuchungen bei uns gezeigt, das ist gar nicht so derjenige, der sich so verbeißt. Das ist wieder eine andere Gruppe und sie finden bei dem Patienten, der die sogenannte CMD hat, brauchen Sie einen zahnmedizinischen Befund und das wären Muskelbefunde, Kiefergelenk-Befunde oder Schlifffacetten, die dann auch zu den Beschwerden passen – da finden Sie wirklich somatisch was."

Durch den Zubiss kann eine Konzentrationssteigerung erreicht werden. Problematisch wird es dann, wenn man nicht mehr locker lässt. In der Fachliteratur werde das ´Verbeißen` mit einer CMD als Folge häufig mit einem Aggressionsaufbau beschrieben, der aus sozio-kulturellen Gründen nicht nach außen gezeigt werden könne.

Wolowski: "Früher hat man gesagt, wir haben ein Überwiegen von Frauen. Mittlerweile kann man es nicht mehr so ganz sagen. Ein Verhalten muss man wirklich sehen. Das betrifft Schmerzpatienten, das betrifft durchaus Patienten mit Bruxismus: Frauen gehen eher zum Arzt als Männer und gehen auch eher zum Spezialisten. Allein daraus ergeben sich dann natürlich solche Statistiken." 

Mund zu und Flucht vom Stuhl

Nana: "Ich werde zum Kleinkind und weigere mich, den Mund aufzumachen oder halte ihn mit den Händen zu. Flüchte vom Stuhl, wenn keiner mich dort festhält. In der Zahnklinik, da werden dann halt Kollegen gerufen, die halten einen zu dritt oder mehr fest. – Danach zieht man beschämt von dannen, bis zum nächsten Mal." 

Autorin: "Ist das schon mal vorgekommen, dass hier jemand saß und dann aber nicht den Mund aufmachen wollte?

Pirk: "Jaja, klar."

Autorin: "Was machen Sie denn dann?"

Pirk: "Eigentlich versuche ich, geschickterweise, diese Situation zu vermeiden, indem ich ihn vorher frage, was er meint, was für ihn richtig ist. Verhaltenstherapie ist ja recht banal: Annäherung an den Angstreiz. Aber die Kunst besteht ja darin, den Patienten einschätzen zu können, was er gerade noch macht und was wahrscheinlich gut verlaufen wird. Und wenn sie Dinge machen, wo er abspringt, ist ja eine Vermeidung, schaden sie dem Patienten ja. Verhaltenstherapeutisch und auch faktisch. Wenn er Erfahrungen macht, ach bei dem schaffe ich es auch nicht und das habe ich nicht mal geschafft, dann ist es beim nächsten Mal noch einmal schwerer."

Auch die dritten Zähne sind Teil des ganzen Menschen, selbst dann, wenn man sie abends in einen Becher legen sollte. – Sie ermöglichen Lebensqualität und treten auf der Materialebene sogar oft in Wechselwirkung mit dem Organismus.

Revolution durch 3D-Technik 

Beuer: "Mein Name ist Florian Beuer. Ich bin hier Professor an der Charité für zahnärztliche Prothetik, also klassisch Zahnersatz. Und Ersatz bedingt eigentlich schon, wenn ich etwas ersetzen möchte, ich muss ein Fremdmaterial benutzen, das Fremdmaterial muss irgendwie so verarbeitet werden, dass es den Anforderungen der Mundhöhle standhält und neben dem Material spielt auch die Verarbeitung und die Herstellung eine große Rolle."

Autorin: "Das sind wahrscheinlich harte Bedingungen in der Mundhöhle?"

Beuer: "Das ist das aggressivste Milieu, das Sie sich vorstellen können. Sie haben die Feuchtigkeit, Sie haben den PH-Schwankungen, wenn sie Nahrungsaufnahme haben, Sie haben Temperaturschwankungen von – na wenn sie einen heißen Kaffee trinken bis zum Eis. Sie haben Bewegungen drauf, sie haben relativ hohe Lasten drauf."

Autorin: "Ich habe gelesen, kaum eine medizinische Disziplin werde so revolutioniert durch 3D-Technik und Digitalisierung wie die Zahnmedizin. Stimmt das?"

Beuer: "Ich denke, das kann man so stehen lassen als Statement. Ja und zwar ist es eigentlich so etwas wie die Industrialisierung in der Zahntechnik in den letzten 30 Jahren passiert. Fast eine der letzten echten handwerklichen Tätigkeiten, die wir wirklich so im Alltag eingesetzt haben. Jeder Zahn, der gefertigt wurde, – da hat sich eine Person mit purer Handarbeit hingesetzt und hat den gefertigt."

3D-Bild eines Zahnkiefers zur Herstellung von Zahnersatz. (picture alliance/dpa/Hagen Hellwig)3D-Bild eines Zahnkiefers zur Herstellung von Zahnersatz. (picture alliance/dpa/Hagen Hellwig)
Die handgearbeiteten Zahnersatz-Kunstwerke sind aber fehleranfällig. Durch neue Fertigungsmethoden sind jetzt industrielle Standards in den Fertigungsprozess gekommen. Zudem: Digitale Datensätze erleichtern auch den Ersatz bei Verlust oder Zerstörung. Auf Knopfdruck. Und: Digitale Scans bieten auch die Möglichkeit, Zahnersatz auf der Basis eigener Daten herzustellen:

"Also ich glaube, das wär eine smarte Idee, das kann ich jedem nur ans Herz legen, der sagt: ´Ok, meine Zähne sind jetzt genau so, wie ich sie gerne hätte.` Halten wir es digital fest und ich nehme mir die digitalen Daten mit und benutz dann das als Bauplan, falls später irgendwann mal etwas passieren sollte. Und vielleicht der dritte große Vorteil dieser Industrialisierung, der Digitalisierung. Wir haben auf einmal ein großes Spektrum an Materialien. Materialien, die heute deutlich biokompatibler sind."

Der 3D-Druck ist bei der Herstellung von Zahnersatz schon angekommen, aber bei der Verwendung bio-kompatibler Stoffe ist er dem Fräsverfahren im Labor aktuell noch unterlegen. Zahnersatz 3D biokompatibel nachdrucken zu können, ist aber vielleicht trotzdem einmal möglich.

"Also dieses sich selbst die Zähne auszudrucken. – Es ist immer schwer die nächsten Jahre vorauszusehen, aber das ist eine Vision, die könnte ich mir in den nächsten fünf oder zehn Jahren vorstellen, absolut."

Mittels digitaler Technik womöglich selbst aktiv zu werden und als Patient eigenmächtig Schienen oder Zahnersatz herzustellen, sei allerdings sogar gefährlich – denn auch geht es lange nicht nur um Zähne.

"Da kann ich nur davor warnen, dass es irgendwie ohne irgendwelche Vorbildung zu machen. Da wir sehr, sehr große Wechselwirkungen von dem, was wir mit den Zähnen machen, auf unseren kompletten Organismus haben. Es kann reichen, dass, wenn ich einen Zahn irgendwo hin schiebe – dass ich eine Funktionsstörung bekomme – von der Kiefergelenk-Muskulatur bis in die komplette Muskulatur bis zum Becken, bis zum Knie. Also ich kann mir damit Probleme ins Haus holen, die ich halt wirklich nicht voraussehen kann." 

Erkläre, was du machst

"Ich setz mich mal, ok?"

Pirk: "Ja, vielleicht ist das ne gute Idee. Da muss ich Sie nochmal… – Hier beim Ultraschallgerät ist das ja zum Beispiel der kleine Metallstift, der mit Ultraschall-Geschwindigkeit schwingt. Wenn man den betreibt, dann klingt das schon relativ hochfrequent. Und wenn dann etwas Festes kommt, dann gibt es das fiepende Geräusch. Das kann schon helfen, wenn der Patient es versteht, warum man es macht und was das für eine Funktion hat. Ganz wichtig bei Kindern, ich behandle zwar nicht überwiegend Kinder, aber bei Kindern ist dieses Vorgehen ja immer richtig: Tell, show, do. Erkläre, was du machst, zeige es kurz und dann tue es am Patienten. Also jetzt in Ihrem Fall wäre das die Zahnstein-Entfernung."

Autorin: "Gerade wenn Sie sagen, Sie erklären diese Dinge dann auch – der Weg läuft auch über das Wissen?

Pirk: "Ja, Ganz sicher. Ich denke grundsätzlich kann man bei den meisten Patienten sagen, dass Wissen angstmindernd wirkt. Nicht bei allen. Es gibt durchaus Patienten, wo man mit den Erklärungen etwas zurückhaltender sein sollte.

Nana: "Selbst an den Abszess kommen: Keine Chance. Ausschlaggebend war dann aber ein roter Strich am Hals. Und so machte ich mich doch auf zum Notdienst. Der Zahnarzt eilt herein. ´Oh, da müssen wir den Kiefer entlasten.` – Zahnziehen ist keine Notfallleistung mehr. Wenn ich das gewusst hätte, wäre ich früher hin! Er sprach mich dann direkt auf Vergangenes an. Ich war überrascht, woher er das wusste. Der Zahnarzt war der netteste, den ich in der Praxis erleben durfte. Ich sollte am anderen Tag zur Wundkontrolle kommen."

Die Ethik ist eine eher neue Disziplin in der Zahnmedizin. Schweigepflicht, Überbehandlung, patientengerechte Kommunikation, Invasivität oder Zahnerhalt. Fragen der Berufsethik kommen in der immer noch gültigen Approbationsordnung von 1955 noch nicht vor.

Groß: "Wenn ich glaube, einen ethischen Konflikt bei mir auf dem Behandlungsstuhl vorzufinden. Wie löse ich ihn denn, was ist mein Handwerkszeug? Was es momentan gibt: An einzelnen Stellen gibt es Bestrebungen, diese Lehre zu implementieren. Wir haben das vor über zehn Jahren hier in Aachen begonnen, als Pilotprojekt. Aber man muss sagen, das ist so halb am Curriculum vorbei. Und wir hoffen, dass mit den Änderungen, die jetzt anstehen in der Ausbildung, dass wir da auch eine formale Grundlage haben, diesen Unterricht zu implementieren. Auch als Pflichtlehre, denn es wäre wünschenswert, dass es überall eingeführt wird und überall standardisiert ist."

Nana: "Der Zahnarzt taucht auf, ein anderer als gestern: Was ich mir einbilde. Eine Frechheit mit so einem Zahnstatus zu kommen. Er schaut dann rein in den Mund, ziemlich grob: ´Wer das am Sonntag angefangen hat. Gossenabschaum behandeln wir nicht, wenn jemand mit so einem Zahnstatus kommt und Notkasse ist. Das muss nochmal tiefer aufgeschnitten werden, machen Sie auf.` Ich: ´Was ist mit einer Spritze?` Der Zahnarzt: ´Bei so einem Mund haben Sie andere Schmerzen schon durchgestanden, ohne dass Sie einen Zahnarzt brauchten. Sie beleidigen mich mit ihrer Anwesenheit. Ich brauch nur das Röntgenbild anzuschauen, dann weiß ich, dass Sie nie Freunde, Arbeitgeber hatten. Wer sozial integriert ist, ein anständiges Leben führt, kann so ein Gebiss nicht bekommen.` – Nachdem er mehrmals ´Gossenabschaum` gesagt hat, stehe ich auf, nehme meinen Rucksack und gehe. Ohne ein Wort." 

"Wir sind ja so fokussiert auf Mund und Zähne"

Paracelsus wird der Satz zugeschrieben, an jedem Zahn hänge ein ganzer Mensch.

Groß: "Absolut richtig. Paracelsus hat viel Unsinn erzählt, aber in der Sache hat er recht. Ganz sicher ist das so."

Wolowski: "Wir sind ja so fokussiert auf Mund und Zähne. Und wenn man sich das immer wieder vor Augen führt, dass am Zahn der ganze Mensch hängt, dann schaut man sich den an und das ist eigentlich das Entscheidende für die Psychosomatik."

Pirk: "Das ist eine gute Zusammenfassung der Problematik eigentlich, die ich jetzt vor allem auch bei Angstpatienten habe. Das ist ja ganz wichtig, dass ich überlege, was ist realistisch bei den Patienten. Was kann man therapeutisch schaffen. Das ist ja oft nicht immer das, was optimal möglich wäre. Man muss Kompromisse machen."

Beuer: "Das ist ein Satz, der bei uns sehr, sehr häufig zitiert wird und ich glaub, der ist sehr wahr. Bei allen Entscheidungen, die wir über den Zahn treffen, dass wir nie einen Zahn, sondern immer den Mensch sehen müssen. Es hängt mehr dran. Auf die Zähne gut aufzupassen und die Zähne ist als Teil des Gesamtorganismus zu sehen, auch im eigenen Bewusstsein. Ich glaube, das ist absolut, absolut an der Zeit, dass man das so sieht."

Groß: "Zahnmedizin und Humanmedizin werden auch immer stärker zusammenwachsen, weil es gar nicht anders geht. Man braucht einfach die Expertise von ganz vielen Leuten, um Erkenntnisse, die man gewonnen hat, adäquat einordnen zu können. Der Zahn ist ein Teil des Organismus und manches versteht man einfach nur, wenn man den menschlichen Organismus durchdringt."

Autorin: Bettina Conradi
Ton: Andreas Stoffels
Regie: Cordula Dickmeiß
Sprecherin: Nele Rosetz
Redaktion: Jana Wuttke

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