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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 08.06.2009

Ein Leben für den Tanz

Susanne Beyer: "Palucca - Die Biographie", Aviva Verlag, Berlin 2009

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Die Tänzerin Gret Palucca fiel durch ihre Sprungkraft und Kondition auf. (Kupferstich-Kabinett der Staatlichen Kunstsammlung Dresden)
Die Tänzerin Gret Palucca fiel durch ihre Sprungkraft und Kondition auf. (Kupferstich-Kabinett der Staatlichen Kunstsammlung Dresden)

Mit dem Leben der deutschen Tänzerin und Tanzpädagogin Gret Palucca beschäftigt sich ein Buch, das Susanne Beyer jetzt vorgelegt hat. "Palucca – Die Biographie" greift auf bisher verschlossene Quellen zurück und zeichnet ein differenziertes Bild der Schülerin von Mary Wigman, Ikone des modernen Ausdruckstanzes.

Victor Klemperer notierte 1933, dass "Deutschland die Schmach, dieser neuen Regierung anheimgefallen zu sein, niemals abwaschen kann." Mary Wigmann hingegen, Gret Paluccas ehemalige Lehrerin und die Ikone des deutschen Ausdruckstanzes, freute sich über die "fantastische Disziplin" und "fabelhafte Organisation" der neuen Machthaber. Als Choreographin begeisterte sich vor allem für die massenwirksamen Aufmärsche, Paraden und Fackelzüge der Nationalsozialisten.

Und Palucca? Die damals bereits prominente Tänzerin und Pädagogin berichtete ihren Schülerinnen am 11. Juli 1933 – wie Mary Wigman auch – sie sei dem Nationalsozialistischen Lehrerbund und dem Deutschen Kampfbund beigetreten. Im selben Jahr entließ Palucca noch ihre jüdische Schulleiterin Tile Rössler und kündigte vorsorglich auch ihrem jüdischen Agenten Bernstein.

"Das ganze Geheimnis", befand Palucca, "besteht darin, jede Situation für das eigene Ziel auszunutzen." Diese Lebensmaxime, so arbeitet es die Journalistin Susanne Beyer in ihrer neu erschienenen Biographie klar heraus, hat Palucca geholfen, aber nur bis zu einem gewissen Punkt. Diesen Grenzpunkt, den sie nicht zu überschreiten vermochte, setzten jeweils die politischen Verhältnisse, die Lebensumstände erst im Nationalsozialismus, dann in der DDR.

Der Vorzug von Beyers Buch besteht darin, in einer sehr gelassenen Erzählhaltung die zahlreichen bislang verschlossenen Quellen sprechen zu lassen. Und selten verlangt es den Leser nach deutlicheren Worten. Meistens sagen die einzelnen Episoden dieser Lebensgeschichte genug.

Gret Palucca war ein Mensch, der wie in Gedanken verloren sämtliche Kekse von einem Teller, den sie für ihren Gast und sich hingestellt hat, alleine aufessen und anschließend meinen konnte, es sei im Interesse des neuen künstlerischen Tanzes geschehen.

Im Nationalsozialismus wird sie zwar von Anfang an misstrauisch beäugt, weil sie Gegenstand der Verehrung von Walter Gropius und der Bauhauskünstler Kandinsky und Klee war. Aber man lässt sie 1936 an der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele mitwirken – wie Leni Riefenstahl und beider gemeinsame Meisterin Mary Wigman. Dann aber kommt heraus, was sie vorsorglich zu verbergen suchte – dass sie mütterlicherseits Halbjüdin war. 1939 schließt man ihre Schule endgültig. Wohl darf sie – anders als die düstere Antipodin Wigman – noch als Tänzerin auftreten – allerdings nur, wenn sie die Theater mietet. Selber engagieren dürfen diese sie nicht mehr.

Nach dem Zweiten Weltkrieg, den sie in Dresden überlebt, eröffnet sie ihre Schule neu. Mit deren Verstaatlichung 1949 beginnt ein anderes Spiel mit einer anderen Obrigkeit. Palucca zieht sich, wenn sie der DDR-Bürokratie grollt, nach Sylt zurück, und droht mit Abwanderung in den Westen. Nichtsdestotrotz wird sie als Schulleiterin abgesetzt, mit der Direktion der Abteilung "Neuer künstlerischer Tanz" abgefunden und zur Duldung der Fächer "Klassischer Tanz" und "Nationaltanz" gezwungen.

Wie von selbst, das ist der nüchterne Zauber dieses Buches, wird alles auf normales Maß gebracht. Weder ist Palucca hier die Kämpferin gegen den SED-Staat, die ausdruckstanzende Freiheitsstatue des Ostens, noch ist sie die größte Tanzkünstlerin der Moderne. Fast etwas kopfschüttelnd, dass darüber nicht mehr herauszufinden war, lesen sich die bescheidenen Beschreibungen von Paluccas Kunst. An ihrem technischen Können werden meistens die Sprungkraft und die Kondition hervorgehoben, ansonsten ihre Vitalität, ihr Charme, ihr Optimismus.
Damit konnte Wigman in der Tat nicht dienen.

Kaum selbst bei ihr fertig geschult, macht Palucca der Lehrerin, die sie überhaupt erst zum freien Tanzen und Improvisieren ermutigt, Konkurrenz, tanzend und unterrichtend. Erst im Alter versöhnen sich die beiden wieder – zumindest offiziell.

Palucca versteht es immer wieder, wichtige Teile der Welt davon zu überzeugen, ihr und ihrem "Tanzen-Müssen" zu dienen. Zwei Ehemänner sind ihre Mäzene und ihre Manager, ihre starken Schultern und finanziellen Polster. Nach dem Zweiten Weltkrieg treten neben die Haushälterinnen noch lesbische Freundinnen, die Palucca so umsorgen, dass diese ihre Tänzerseele baumeln lassen kann.

Aber, wenn man wie Susanne Beyer, den rechten, bescheidenen Rahmen um dieses Leben zieht, kann man nirgends grandiose Bösartigkeit, ausschweifende Ausbeutung oder wirklich absichtsvollen Opportunismus finden. Die Korruption tritt auf unauffälligen Sohlen herein. Zuerst kam immer der Tanz. Wie der aussah? Das weiß heute, trotz einiger Filmschnipsel, kein Mensch mehr genau.

Besprochen von Wiebke Hüster

Susanne Beyer: Palucca - Die Biographie
Aviva Verlag, Berlin 2009
430 Seiten, 24,80 Euro

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