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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 21.10.2008

Ein Kind als Rettung

Julia Zange: "Die Anstalt der besseren Mädchen", Suhrkamp, 157 Seiten, 15 Euro

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In Julia Zanges Roman bringt ein Säugling wieder Sinn in das Leben seiner Mutter. (AP)
In Julia Zanges Roman bringt ein Säugling wieder Sinn in das Leben seiner Mutter. (AP)

Es klingt fast, als sollte das Rad der Emanzipation zurückgedreht werden: In Julia Zanges Roman "Die Anstalt der besseren Mädchen" findet eine junge Frau erst Lebenssinn, nachdem sie ein Kind bekommen und es zu lieben gelernt hat. Die Geschichte berührt dennoch - durch eine Art "magischen Großstadtrealismus".

Es ist ihr erstes Buch und dann gleich so stilsicher. Wo hat sie das nur her? Vielleicht aus der harten Schule des Berliner Lesewettbewerbs "open mike", den sie vor zwei Jahren gewann? Schon damals erzählte Julia Zange von jungen Müttern, die ihre Kinder vernachlässigen. Und nun spitzt die 25-jährige Berlinerin das Thema auch noch zu.

Sie erzählt über eine junge Mutter, die nicht nur ihr Kind, sondern auch noch sich selbst vernachlässigt: Loretta - eine junge, kaputte Frau, die ihr Kunststudium abgebrochen hat und ziellos in den Tag hinein lebt. Sie sagt:

"Wenn es ein Leben gäbe, wäre ich gern dabei."

Ihr Freund Malte ist Assistenzarzt, kommt aus besten Verhältnissen. Er hält sie finanziell über Wasser, schreibt ihr tägliche To-Do-Listen und will ihr Leben geradebiegen. Sie nimmt Antidepressiva und interessiert sich für die Gestrandeten in der Großstadt: Penner, Arbeitlose, Perspektivlose - ein bisschen so wie sie, nur ohne ihre ästhetischen und intellektuellen Kapriolen. Wirklich Nähe erträgt sie nur im Dialog mit Haustieren. Katzen und Hunde, vor allem, wenn sie herrenlos durch die Stadt streunen, mag sie wirklich, Menschen - naja.

Dann kommt ein Kind und man muss sich um dessen Leben erst Sorgen machen, denn sie lässt es gern auch einfach mal zu Hause allein, wenn sie nachts durch die Stadt zieht. Für einen Moment denkt sie darüber nach, es zu töten, "damit Malte wütend auf sie wäre". Später aber rettet genau dieses Kind das Leben der Mutter: Es gibt ihr wieder Perspektive und Sinn.

Julia Zange hat eine berührende Geschichte in einen kleinen, feinen Roman gepackt. Sie findet dafür einen ganz eigenen Ton, durchdrungen von einem souveränen Wechsel zwischen Wirklichkeit und Fantasie, fast glaubt man, die Sprache lässt diese tragische Figur schweben - wenn man so will: magischer Großstadtrealismus.

Rezensiert von Vladimir Balzer

Julia Zange: Die Anstalt der besseren Mädchen
Suhrkamp
157 Seiten, 15 Euro

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