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Profil / Archiv | Beitrag vom 23.03.2009

Ein Kanadier in Kairo

William Wells und seine "Townhouse Gallery"

Von Mirko Heinemann

Ursprünglich wollte der Archäologe Wells nur ein Jahr in Kairo bleiben. (Deutschlandradio / Cornelia Sachse)
Ursprünglich wollte der Archäologe Wells nur ein Jahr in Kairo bleiben. (Deutschlandradio / Cornelia Sachse)

Vor zehn Jahren eröffnete William Wells im Zentrum von Kairo die "Townhouse Gallery". Anfangs wurde er von der ägyptischen Regierung angefeindet, seine Künstler galten als zu kritisch. Inzwischen ist er nicht nur einer der wichtigsten Galeristen im arabischen Raum, er hat die zeitgenössische Kunst Ägyptens stark beeinflusst.

Es ist dunkel geworden in Kairo, die Straßenlaternen tauchen die Stadt in trübes, gelbes Licht. Das Viertel sieht aus, als verfalle es bereits seit vielen Jahren. Vor heruntergekommenen Jugendstilvillen stehen Autowracks. Ölverschmierte Gestalten schweißen auf offener Straße an Karosserieteilen herum. Dazwischen sitzen Männer an kleinen Tischen und rauchen die Nargileh, die Wasserpfeife.

In einer Seitengasse wechselt die Szenerie. Vor einem alten Garagentor haben sich junge Leute in Markenjeans versammelt, Damen im Kostüm und Herren im Anzug. In der "Townhouse Gallery" wird eine Fotoausstellung eröffnet. Zwischen den Gästen steht ein Mann mit melancholischen Gesichtszügen und leuchtend blauen Augen. William Wells ist Gründer und Leiter der Galerie. Er weiß, dass sich die Kairoer Oberschicht aus den noblen Vororten hier nicht wohl fühlt. Dennoch ist er stolz auf sein Viertel.

"Das Stadtzentrum ist ein historischer Ort. Hier spielen sich traditionell Kultur und Politik ab. Wenn man einen alternativen, unabhängigen Ort für Kultur ins Leben ruft, muss er hier sein."

Die Kunst hat William Wells schon immer fasziniert. Wells wurde 1950 in Kanada geboren, in seinem früheren Leben war er Archäologe und lebte in London. Dann starb seine Frau. Mit Anfang 30 wurde William Wells zum Witwer. Er gab seinen Job auf und ging nach Ägypten - für ein Jahr, wie er zunächst dachte.

"Ich kam in erster Linie her, um künstlerisch zu arbeiten. Ich habe aber sehr bald gemerkt, dass es hier viele wirklich talentierte Menschen gibt. Und ich habe eingesehen, dass ich viel besser organisieren kann als kreativ arbeiten."

Aus dem einen Jahr sind 23 geworden. William Wells arbeitete zunächst als Entwicklungshelfer. Er lebte mit Beduinen in der westlichen Wüste und organisierte Kulturprojekte mit Straßenkindern in einer kleinen Stadt im Nildelta. Die leer stehende Stadtvilla in dem Viertel der Automechaniker war ihm schon lange aufgefallen. Vor zehn Jahren mietete er zusammen mit einem ägyptischen Freund das Haus und gründete die "Townhouse Gallery".

"Die Arbeiten vieler Künstler waren zu groß, um in einer der bestehenden Galerien gezeigt zu werden. Alle diese Galerien waren umgebaute Wohnungen mit niedrigen Decken. Der einzige Ort, an dem die Künstler ihre Arbeiten zeigen konnten, war der Kulturpalast der Regierung. Um dort auszustellen, musste man der Linie der Regierung folgen. Die Arbeiten unserer Künstler passten da nicht hinein. Sie zeigten soziales Engagement, sie waren provokant und sie hinterfragten die Verhältnisse."

Das ägyptische Kulturministerium machte es dem unabhängigen Galeristen schwer. Es gab eine Razzia, ihm wurde vorgeworfen, er untergrabe die staatliche Autorität. Seine Künstler wurden bedroht. Erst als sich in internationalen Medien lobende Berichte über William Wells und die unabhängige Kunstszene von Kairo häuften, wandelte sich die Einstellung der Mächtigen.

"Heute arbeiten alle unsere Künstler auch für die Regierung. Früher standen sie auf der Schwarzen Liste, heute werden sie mit offenen Armen aufgenommen."

Die ersten zwei Jahre hat William Wells sein Privatvermögen investiert, doch seine Begeisterung für das Projekt hat ihm viele Türen geöffnet. Wells pflegt Kontakte zu internationalen Kunsthändlern, von den Verkaufsprovisionen alleine könnte er aber nicht existieren. Er bekommt Gelder von der US-amerikanischen Ford-Foundation, der Europäischen Union und verschiedenen Entwicklungshilfe-Organisationen. Auch das Goethe-Institut in Kairo abeitet regelmäßig mit Wells zusammen.

Heute ist seine Galerie nicht nur ein Kunst-, sondern auch ein Sozialprojekt. In den Räumen geben einheimische Lehrer Sprachkurse für Flüchtlinge, die aus anderen Ländern Afrikas in Kairo stranden. Bekannte Künstler veranstalten Workshops, die Bibliothek steht jedem Besucher offen. Wells beschäftigt 45 Mitarbeiter, davon 22 Festangestellte. Er betreibt fünf Veranstaltungsorte. Es gibt nur eine Sache, die ihm zu schaffen macht.

"Ich werde niemals auch nur im Mindesten integriert sein. Ich kann niemals die ägyptische Staatsbürgerschaft bekommen. Als Frau könnte ich einen Ägypter heiraten, dann wäre es möglich. Als Mann geht das nicht. Ich könnte hundert Jahre hier leben, und trotzdem wäre ich ein Fremder."

Sein Status gibt ihm aber auch Freiheiten, die Einheimische nicht haben. Er sprengt Konventionen, nicht nur in seiner Arbeit, sondern auch privat. In Ägypten zählt eine eigene Familie zu den wichtigsten Lebenszielen. Wells ist kinderlos und lebt allein. William Wells hat seine Kraft der zeitgenössischen Kunst gewidmet und seinem Gastland wichtige Impulse gegeben. Darauf ist er stolz.

"Als ich die Galerie eröffnet habe, sagten alle: Es ist unmöglich. Es ist nicht erlaubt. Sie werden die Galerie schließen. Das Viertel ist nicht einladend. Das Publikum wird kein Interesse haben. Die wichtigste Veränderung ist, dass die Menschen jetzt wissen, dass Dinge machbar sind."

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