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Interview / Archiv | Beitrag vom 15.09.2016

Ein Jahr Volkswagen-SkandalWie moderne Strukturen aus der Krise helfen könnten

Mark Schneider im Gespräch mit Korbinian Frenzel

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Man sieht zwei Hände in weißen Stoffhandschuhen, die das Logo anbringen. (Peter Endig / dpa)
Ramponiertes Image: VW und die Folgen von "Dieselgate" (Peter Endig / dpa)

Vor einem Jahr machte VW mit dem Abgasskandal Negativ-Schlagzeilen. Wird der Konzern auch diese Krise überstehen? Der Autobauer müsse sich vor allem von seinem patriarchalischen Führungsstil verabschieden und das Management in die Pflicht nehmen, sagt VW-Experte und Autor Mark Schneider.

In dieser Woche jährt sich "Dieselgate", der Abgasskandal bei VW. Wohin entwickelt sich der Autokonzern in der Krise? Die patriarchalischen Strukturen mit dem "starken Mann" an der Spitze, einem eher machtlosen Mittelbau und den zerstrittenen Familien Piëch und Porsche könnten VW noch Schwierigkeiten bereiten, glaubt der Autor und Wirtschaftsjournalist Mark Schneider, der sich intensiv mit dem Autobauer aus Wolfsburg beschäftigt und nun sein Buch "Volkswagen. Ein deutsche Geschichte" veröffentlicht.

"Volkswagen ist kein normales Unternehmen, sondern ist in den letzten Jahren ein Familienunternehmen geworden durch die Übernahme der Porsches und der Piëchs. Es ist ein öffentlich mitbestimmtes Unternehmen. Es ist ein Unternehmen mit einem staatlichen Aktionär, mit dem Land Niedersachsen und dem Emirat Katar. Das ist eine komplexe Struktur, die auch immer wieder zu Schwierigkeiten führt."

VW bleibt als Brotgeber weiterhin sozial

VW sei über die Jahrzehnte stets ein sozialer Arbeitgeber gewesen, es sei immer gelungen, in Zeiten der Krise sozialverträgliche Lösungen zu finden. Schneider ist davon überzeugt, dass dies auch nach einer dringend notwendigen Modernisierung des Konzerns weiter bestehen bleibe. Fest stehe jedoch: Langfristig könnten die wichtigen strategischen Entscheidungen nicht weiterhin patriarchalisch allein in Wolfsburg getroffen werden. Das Problem des mittleren VW-Managements:

"Es war nicht entscheidend gefragt, sich eigenen Gedanken zu machen. Das ist ein Modell, das wiederum funktioniert in bestimmten Zeiten, aber das natürlich in Krisensituationen wie jetzt ein schwieriges ist, weil nicht nur einer entscheiden kann, sondern viele sich kluge Gedanken machen müssen."

Viele offene Fragen

VW werde immer ein besonderer Konzern bleiben, sagt Schneider. "Die VW-Oberen werden sich immer um ihre Region kümmern." Die spannende Frage werde jedoch sein: "Welche Art von Beschäftigung und auch in gleicher Höhe wird es an diesen Standorten geben?"  Gerade vor dem Hintergrund der Fertigung von Elektroautos gebe es noch viele Fragen, die die VW-Spitze in nächster Zeit beantworten müsse.


Das Interview im Wortlaut:

Korbinian Frenzel: Vor bald einem Jahr haben sich dunkle Wolken zusammengezogen über Wolfsburg, über der Volkswagen-Stadt, dunkle Wolken, die noch lange nicht abgezogen sind. Ein Jahr Abgasskandal, am 18. September ausgelöst durch die amerikanische Umweltbehörde, die dem Wolfsburger Autobauer einen Strafbefehl ausstellte für schwere Manipulationen bei den Abgaswerten. Seither sind einige Köpfe gerollt, aber so richtig scheint VW nicht rauszukommen aus diesem Skandal. Woran liegt das? Mark Schneider hat sich mit dieser Frage intensiv beschäftigt, Wirtschaftsjournalist und Autor eines Buches, das am Montag erscheinen wird: "Volkswagen. Eine deutsche Geschichte", das ist der Titel! Guten Morgen, Herr Schneider!

Mark Schneider: Einen schönen guten Morgen!

Frenzel: Volkswagen – könnte man auch sagen, eine deutsche Problemgeschichte?

Schneider: Das kann man sagen. Der Volkswagen-Konzern hat große Stärken, er ist aber auch krisenanfällig. Im Rückblick kann man sehen, dass ungefähr alle zehn Jahre eine große Krise auftaucht. Insofern ist es ein Konzern mit Stärken, aber auch ein problemanfälliger Konzern.

Frenzel: Was ist das Problem, woran liegt es vor allem, kann man den Finger rauflegen?

Schneider: Es gibt eine besondere Struktur bei Volkswagen. Volkswagen ist kein normales Unternehmen, sondern ist in den letzten Jahren ein Familienunternehmen geworden durch die Übernahme der Porsches und der Piëchs. Es ist ein öffentlich mitbestimmtes Unternehmen. Es ist ein Unternehmen mit einem staatlichen Aktionär, mit dem Land Niedersachsen und dem Emirat Katar. Das ist eine komplexe Struktur, die auch immer wieder zu Schwierigkeiten führt.

Der Mann an der Spitze

Frenzel: Das Stichwort Patriarchat fällt in Ihrem Buch. Würden Sie wirklich so weit gehen, dass Sie sagen, es ist also ein wirklich stark hierarchisch, männlich-hierarchisch organisierter Betrieb?

Schneider: Das ist eigentlich die Kern-DNA der Volkswagen-Führung. In den prägenden Jahren, zum Beispiel nach dem Zweiten Weltkrieg, war Heinrich Nordhoff, der Volkswagen-Chef, die große Figur. Das war im klassischen Sinne ein Patriarch, der entschieden hat, der aber auch seinen Mitarbeitern Großes gegeben hat, Sozialleistungen waren damals außerordentlich hoch bei Volkswagen, sind sie bis heute noch. Das ist eigentlich eine Struktur, die auch, wenn wir in die aktuelle Zeit gehen, bis zu Ferdinand Piëch und Martin Winterkorn, diesen Konzern geprägt hat.

Der Mann an der Spitze zieht das Unternehmen, trifft die Entscheidungen, sorgt auch für seine Mitarbeiter. Aber der Mittelbau war sozusagen das Management. Es war nicht entscheidend gefragt, sich eigenen Gedanken zu machen. Das ist ein Modell, das wiederum funktioniert in bestimmten Zeiten, aber das natürlich auch in Krisensituationen wie jetzt ein schwieriges ist, weil nicht nur einer entscheiden kann, sondern viele kluge Gedanken sich machen müssen.

Frenzel: Es gab ja, Sie haben es gesagt, immer wieder diese Krisen, auch zum Beispiel Anfang der 90er-Jahre, als Volkswagen dann die Viertagewoche einführen musste oder vielmehr eingeführt hat. Sie hätten natürlich auch einfach Leute entlassen können im großen Stil. Würden Sie denn sagen, das ist eine Situation jetzt, wo diese Struktur so nicht mehr weitergeht, das passt nicht mehr in ein modernes Wirtschaftsleben?

Doppelte Krise bei VW

Schneider: Das Spannende ist, dass es eigentlich in jedem Jahrzehnt ungefähr 30.000 Mitarbeiter zu viel gibt, und dass Volkswagen es dann in dieser besonderen Struktur – das war in den Siebzigern so, das war in den Achtzigern so, das war in den Neunzigern so, das ist jetzt wieder so. Es war in den 2000er-Jahren so. Es gelingt Volkswagen dann aber immer wieder, auch sozialverträglich sich anzupassen. Das ist also durchaus eine Stärke.

Momentan haben wir ja eine doppelte Krise. Wir haben einmal die Krise durch den von Ihnen erwähnten Dieselskandal, und wir haben andererseits gerade eine fundamentale Herausforderung der Automobilindustrie durch neue Akteure wie Apple und Google, durch Digitalisierung, und Volkswagen muss beides bewältigen. Und meine These ist, das funktioniert nur, wenn sich das Unternehmen öffnet. Wenn mehr Menschen entscheiden können, wenn mehr Menschen in aller Welt entscheiden können. Bislang ist es ja so, dass wesentliche Entscheidungen, sei es für Modelle, sei es für Vertriebskonzepte, aus Wolfsburg heraus getroffen werden. Und das ist sicherlich nicht mehr zukunftsfähig.

Frenzel: Sie haben diese Trias dargestellt, also einerseits eben das Familienunternehmen, der starke Mann in der Regel, gleichzeitig das staatliche Unternehmen, starker Einfluss des Landes Niedersachsen und eben auch drum herum. Und dann wiederum die starken Gewerkschaften. Könne Sie ausmachen, wer von diesen drei eigentlich sozusagen das größte Problem ist?

Die Jungen wandern ab

Schneider: Für mich ist die entscheidende Frage, ob es der Familie gelingt, diesen Generationswechsel herzustellen. Die aktuelle Generation, um nur zwei Namen zu nennen, Ferdinand Piech und Wolfgang Porsche, hat die vergangenen Jahre dominiert. Jetzt muss in den nächsten Jahren – die sind in ihren Siebzigern – jetzt muss in den nächsten Jahren die junge Generation, also die Urenkel von Ferdinand Porsche, ans Ruder kommen. Bisher haben sich die Familien – es gibt ja zwei Stämme, die Porsches und die Piëchs– wie die sprichwörtlichen Kesselflicker gestritten.

Es gibt ja Anzeichen, dass das in der neuen Generation möglicherweise nicht mehr der Fall ist. Das ist der sensibelste Punkt. Den Betriebsrat gibt es seit Jahrzehnten, sozusagen, der ist derjenige, der am meisten davon hat, wenn es Arbeitsplätze gibt, also das ist eine Konstante. Das Land Niedersachsen hat klare Interessen, natürlich dass es Volkswagen gut geht und dass Beschäftigung im Land Niedersachsen vorhanden ist. Die entscheidende Frage ist, wie gelingt dieser Generationswechsel in der Familie. Das ist für mich der sensible Punkt.

Frenzel: Glauben Sie denn, dass generell ein solches Konstrukt, ein solcher Riesenkonzern, wirklich ein globaler Player, der aber irgendwie aufgestellt ist, ja fast schon in feudaler Struktur, dass ich das insgesamt in die Zukunft retten kann?

Schneider: Das ist der Knackpunkt. Ich glaube, dass es kein System für die Zukunft ist. Die Frage ist, ob es wirklich gelingt. Wenn wir uns erinnern, gab es ja schon Mitte der 2000er-Jahre unter dem damaligen Volkswagen-Chef Bernd Pischetsrieder und dem VW-Markenchef Wolfgang Bernhard Bestrebungen, den Konzern moderner zu machen, die Manager in Mitverantwortung in einem größeren Maße zu nehmen.

Das ist am Ende gescheitert, die Uhr ist wieder zurückgedreht worden, das patriarchalische System hat sich regeneriert. Und für die Zukunft ist die entscheidende Frage, ob diese Beharrungskräfte stärker sind als die Modernisierungskräfte. Ich glaube, positiv gewandt, dass der Druck dieses Mal so hoch ist durch Diesel-Gate, durch den Abfluss vieler Milliarden, aber eben auch durch diesen sogenannten Paradigmenwechsel in der Automobilindustrie, dass Volkswagen, um in gleicher Größe und gleicher Bedeutung zu bestehen, gar nicht anders kann, als sich zu reformieren.

Frenzel: Glauben Sie denn, dass es dabei bleiben wird, dass Volkswagen dann die große sorgende Mutter für eine Stadt wie Wolfsburg, aber letztendlich ja für das ganze Land Niedersachsen und auch darüber hinaus sein wird, oder wird es dann eigentlich auch ein böser kapitalistischer Konzern, der das alles gar nicht mehr so im Blick hat?

Schneider: Ich glaube, dass Volkswagen immer besonders sein wird. Diese soziale Verantwortung, auch in dem patriarchalischen System, wie wir es besprochen haben, stand von Anfang an da. Ich glaube, das wird immer so sein. Ich denke, die VW-Oberen werden sich immer um ihre Region, in dem Fall Wolfsburg, kümmern, oder bei den Töchtern, Audi Ingolstadt.

Die spannende Frage wird sein, welche Art von Beschäftigung und auch in gleicher Höhe wird es an diesen Standorten geben, wenn wir an Elektroautos denken, an Batteriefertigung, hat das sicherlich nicht die gleiche Wertschöpfungstiefe wie Verbrennungsmotoren, wie sie beispielsweise in Salzgitter hergestellt werden. Also, da liegt auch noch viel Arbeit vor der VW-Spitze und dem VW-Management, darauf Antworten zu finden. Aber ich bin ganz sicher, dass diese Standorte immer wichtig sein werden.

Aber andere Standorte werden eben auch immer wichtiger für einen Autokonzern. Sei es in Deutschland Berlin, weil die jungen digitalen Köpfe nach Berlin gehen, sei es das Silicon Valley in den USA oder sei es Peking oder Shanghai in China. Der Konzern muss sicherlich internationaler werden, aber das ist kein Widerspruch. Es ist ja auch in den vergangenen Jahren durchaus gelungen mit internationalem Geschäft, Arbeitsplätze zu Hause zu sichern. Das kann durchaus ein Modell für die Zukunft sein, aber sicherlich in einer breiteren Aufstellung.

Frenzel: "Volkswagen, eine deutsche Geschichte" – seit einem Jahr eine Geschichte, die mit dem Abgasskandal behaftet ist. Autor und Wirtschaftsjournalist Mark Schneider, ich danke Ihnen für das Gespräch!

Schneider: Herzlichen Dank, alles Gute!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

 

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