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Studio 9 | Beitrag vom 27.02.2015

Ein Jahr nach der Dresdner RedeWas macht eigentlich Sibylle Lewitscharoff?

Von Isabella Kolar

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Die Schriftstellerin Sibylle Lewitscharoff (dpa picture alliance / Andre Hirtz)
Die Schriftstellerin Sibylle Lewitscharoff (dpa picture alliance / Andre Hirtz)

2014 geriet die Büchner-Preisträgerin in die Schlagzeilen: Sie hatte mit drastischen Worten ihrer Abscheu gegenüber den Möglichkeiten der Reproduktionsmedizin Ausdruck verliehen. Nun schreibt Sibylle Lewitscharoff an einem Dante-Roman – und hofft auf Verjährung der Dresdner Rede.

Sibylle Lewitscharoff sitzt elegant und entspannt in ihrem lichtdurchfluteten, hohen Altbauwohnzimmer in Berlin. Die Zeiten der "Entschuldigungsschleifen", wie sie das einmal nannte, sind vorbei. Endlich. Ihre Dresdner Rede ist verjährt, mehr vergessen denn verziehen wohl, der symbolische Kotau vor einer im Kollektiv empörten Öffentlichkeit nicht mehr obligatorisch:

"Viele Menschen, die noch nie ein Buch von mir in der Hand hatten, die nichts über meine sonstigen Formen wissen, wie ich die Welt sehe literarisch, ich habe auch sehr viele Artikel in Zeitungen geschrieben, noch nie haben sie einen solchen Artikel gelesen. Auch die Rede gar nicht kennen, die ja außerordentlich differenziert war in vielen Teilen. Da waren einfach nur zwei, drei zu scharfe Sätze darin. Die nehmen das ja nicht zur Kenntnis, also steht man dann dafür irgendwie und wird gehasst erst mal. Ich bin kein Feigling, das bin ich wirklich nicht, aber das zehrt so an den Nerven, also solche Schlaggewitter loszueisen, das stört hauptsächlich die Arbeit. Es funkt unglaublich dazwischen zwischen dem, was ein Schriftsteller ja eigentlich tun sollte."

Und das gebrannte Kind in ihr wollte danach Politisierbares erst mal großräumig umfahren. Doch der selbstverordnete Maulkorb passt der Schwäbin nicht, die einen braven Dackel besaß, aber eigentlich den wie sie gern zupackenden Terrier schätzt. Erfolgreich bissig zugepackt hat sie schon in ihrem satirischen Bulgarienroman "Apostoloff". Satire à la "Charlie Hebdo" aber sei Schrott, die Zeichnungen schlecht, der Stil aggressiv und nicht witzig. Aber:

"Auf der einen Seite finde ich schon, dass diese großen Solidaritätsbekundungen in Frankreich wunderbar sind. Das man sagt: Also so geht es nicht. Auch wenn mir das Magazin nicht gefällt, diese Menschen darf man nicht umbringen und da muss sich der Rechtsstaat natürlich mit allen Mitteln auch wehren und da finde ich es sehr gut, wenn sehr viele Leute auf die Straße gehen und dieses hohe Gut des Demokratischen schützen wollen. Weil das ist mir eine Herzensangelegenheit."

Ein Pfingstwunder in Rom

Herzensangelegenheit ist für die Büchner-Preisträgerin derzeit auch Dante Alighieri, der Schöpfer der "Göttlichen Komödie", der Höllenpoet des Mittelalters und Florentiner im Exil, dessen 750. Geburtstag in diesem Jahr gefeiert wird:

"Ich habe vor sechs oder sieben Jahren zum ersten Mal zu ihm gegriffen, also auch spät. Ich hätte ihn ja schon während meiner Studentenzeit lesen können, das habe ich nicht getan. Und war vollkommen fasziniert von dem Werk, von der Schönheit des Werks. Die hat mich einfach gepackt. Und der Inhalt ist hochkomplex und interessant, wunderbar, da kann man sehr viel draus machen."

Und sie macht einen Roman daraus, "Pfingstwunder" mit Namen, in Anlehnung an biblische Motive. Ein schlauer Terrier kommt übrigens auch drin vor. Ausgangspunkt ist ein fiktiver Dante-Kongress in Rom, wo die Religionswissenschaftlerin Sibylle Lewitscharoff zu diesem Zweck recherchierte:

"Ich finde, man kann das sehr schön durchspielen bei einem Dante-Kongress, wo in verschiedenen Sprachen, es kommen Leute aus China, aus Amerika, aus Griechenland et cetera, Franzosen, Deutsche natürlich zusammen und alle haben diesen Dante in einer anderen Verfasstheit als Übersetzung vor sich liegen. Und das zu beschreiben, wie ein Kongress eigentlich insofern ein neues pfingstliches Sprachwunder fast repräsentiert – das ist ein interessantes Vorhaben."

Oft tragen die Bücher der gebürtigen Stuttgarterin autobiografische Züge wie "Pong" und "Apostoloff". Das "eigene Leben ist das Fleisch in der Suppe", sagt sie. Und wieviel Lewitscharoff ist im "Pfingstwunder", das im nächsten Jahr erscheinen soll?

"Da ist mein Herzblut dabei, absolut! Weil da geht es hauptsächlich auch um wackelige Glaubensfragen, die mich auch umtreiben, darum geht es schon. Das beschäftigt mich auch privat. Insofern ist es schon wieder etwas, was natürlich mit meinem Innenleben, auch der Verweigerung des Religiösen und da wiederum der Annahme des Religiösen stark zu tun hat. Also diese schwierigen Fragen, die sich ein säkularer Mensch ja stellt, ein rationaler Mensch eher."

Literaturkritik muss bissig und frei sein

Und als rationaler Mensch hätte Sibylle Lewitscharoff da noch einen rationalen Wunsch: kein täglich grüßendes Kritiker-Murmeltier aus Dresden mehr. Verjährt ist verjährt:

"Trotzdem bin ich eine feurige Vertreterin, dass Kritik sein darf. Das bin ich wirklich, also auch wenn sie mich trifft. Weil Literaturkritik, die bisslos ist, das ist das Allerschlimmste, also die nur seifig immer so bisschen ein Büchlein empfiehlt, davon hat der Leser überhaupt nichts. Die Kritik muss frei sein. Bloß ich hoffe, sie ist frei in dem Sinne, dass sie das Buch als Buch wertet und nicht mit anderen Dingen da hineinspielen in das Urteil. Und ich glaube, da ist dann doch etliche Zeit vergangen, dass das möglich sein wird."

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(Deutschlandradio Kultur, Buchkritik, 15.4.2014)

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