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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 03.02.2015

Ein Jahr FlüchtlingsheimHoyerswerda auf dem Prüfstand

Von Thilo Schmidt

Demonstranten, die sich für Flüchtlinge einsetzen (Thilo Schmidt)
Für ein weltoffenes Hoyerwerda: Demonstranten, die sich für Flüchtlinge einsetzen. (Thilo Schmidt)

Vor einem Jahr wurde in Hoyerswerda ein neues Flüchtlingsheim eröffnet. Dabei galt die Stadt seit Ausschreitungen gegen Ausländer im Jahr 1991 als Symbol für Rassismus. Ein erstes Fazit zeigt: Vieles hat sich verbessert, aber die Gefahr von rechts ist nicht gebannt.

"Wir hatten durch Zufall gerade an dem Samstag eine Chorleiterversammlung, die kamen von Senftenberg, also aus der ganzen Region, und es war sowieso ein Ständchen von der Stadt auf dem Plan, und da hat man das Ständchen dann auf den Lausitzer Platz verlegt, auch mit einem politischen Zeichen, und das ist wichtig als gesamtgesellschaftliche Verantwortung bei dem Thema. Dass wir nicht irgendwie dann Zugucker sind, sondern genauso mitagierende Bürger."

Vor zwei Jahren wäre so eine Kundgebung vielleicht noch gar nicht möglich gewesen. Dass hier Bürger aus allen Schichten und aller politischen Strömungen gemeinsam für ein buntes und weltoffenes Hoyerswerda demonstrieren. Also es hat sich schon was geändert. Nicht nur in der Außenwahrnehmung, sondern auch in der Bürgerschaft selbst gibt es mehr Mut und mehr Willen, sich zu bekennen zu dieser Stadt.

"Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger, auch ich bin sehr dankbar, dass sie so zahlreich unserem Aufruf gefolgt sind, heute hier zu demonstrieren für ein buntes, weltoffenes, ausländerfreundliches und tolerantes Hoyerswerda!"

100 Menschen haben sich auf dem Lausitzer Platz im Zentrum der Hoyerswerdaer Neustadt versammelt. "Flüchtlinge willkommen" steht auf den Plakaten oder "HoyWoy ist bunt". HoyWoy, eine Anspielung auf Wojereci, den sorbischen Namen der Stadt – Hoyerswerda liegt im sorbischen Siedlungsgebiet, in der sächsischen Lausitz, zwischen Dresden und Cottbus.

Aufgerufen zum Protest haben die Stadt und die Bürgerinitiative "Hoyerswerda hilft mit Herz". Sie wollen ein Zeichen setzen gegen den Pegida-Ableger "Hoygida", deren Anhänger sich auf der anderen Seite des Platzes sammeln. Bürgemeister Thomas Delling spricht zu den Gegendemonstranten.

"Wir wollen, dass Menschen, die als Flüchtlinge, als Asylbewerber in unser Land und in unsere Stadt kommen, gut empfangen werden, freundlich behandelt werden und nach besten Möglichkeiten unterstützt werden. Dazu haben wir in Hoyerswerda schon viel getan. Das Hoyerswerda von 2015 ist nicht mehr das Hoyerswerda von 1991."

"Raus damit, abschieben!"

Im September 1991 griffen Neonazis ein Wohnheim für Vertragsarbeiter aus Vietnam und Mosambique tagelang an. Die Polizei schritt kaum ein, Anwohner klatschten Beifall. Schließlich wurden die Vertragsarbeiter mit Bussen aus der Stadt gebracht. Und die meisten von Ihnen direkt abgeschoben.
Die Pogrome von Hoyerswerda waren der Auftakt für eine Reihe von Pogromen und Gewalttaten gegen Migranten in den frühen Neunzigern.

"Natürlich spielt das eine Rolle. Hoyerswerda ist zu einem Synonym für Fremdenfeindlichkeit geworden, und wir leben mit dieser Geschichte. Es war nicht ganz einfach gewesen, diese Geschichte für sich selbst anzunehmen, noch schwerer war's, die Bürger davon zu überzeugen, dass nur wir dieses Bild auch wieder ändern können. Sie wären ja heute auch nicht hier, wenn 1991 hier kein Pogrom stattgefunden hätte."

Blick auf die zum neuen Asylbewerberheim in Hoyerswerda umgebaute ehemalige Förderschule (picture-alliance / dpa / Arno Burgi)Das Asylbewerberheim in Hoyerswerda , aufgenommen am "Tag der offenen Tür" vor der offiziellen Schlüsselübergabe vor einem Jahr. (picture-alliance / dpa / Arno Burgi)

Grit Maroske engagiert sich in der Bürgerinitiative "Hoyerswerda hilft mit Herz". Vor einem Jahr - im Februar 2014, bekam Hoyerswerda wieder ein Flüchtlingsheim, das erste nach den Pogromen. Grit Maroske und ihre Mitstreiter wollen, dass es den Flüchtlingen gut geht in Hoyerswerda, wollen, dass sie sich willkommen fühlen. Aber nicht alle in der Stadt stehen hinter ihr.

"Es gibt viele Bürger in Hoyerswerda, die sagen: Ich finde das toll, was Sie machen, ich möchte Sie gern unterstützen, ich hab Sie im Fernsehen gesehen oder im Radio gehört, wie kann ich helfen. Es gibt natürlich auch die andere Seite. Es gibt Menschen, die das nicht gut finden, was ich mache. Damit muss man leben, wenn man sich in so nem Thema engagiert, dann muss man damit einfach umgehen können."

Auf der anderen Seite des Lausitzer Platzes, in Sichtweite der Kundgebung von "Hoyerswerda hilft mit Herz" haben sich mehr als 300 Hoygida-Anhänger eingefunden.

"Ich begrüße Euch alle, Hoyerswerdaer und Gäste! Wir haben einfach mal so beschlossen, dass wir hier in Hoyerswerda eine Ablegerveranstaltung der Pegida in Dresden auf die Beine stellen."

Auf den Beinen: Ganz normale Hoyerswerdaer Bürger, aber unverkennbar auch Rechtsextreme und Neonazis. 140 Polizisten halten die Hoygida-Demonstration und die Gegenveranstaltung auf Distanz.

"Wir sind außerdem für eine Null-Toleranz-Politik gegenüber straffällig gewordenen Flüchtlingen!"

"Jawoll! Abschieben! Raus damit, abschieben!"

Keine Antworten der Hoygida-Anhänger

Ganz schön deutsch in Kaltland. Es ist Winter in Hoyerswerda. Die Hoygida-Demo setzt sich in Bewegung. "Hoyerswerda hilft mit Herz" antwortet.

"Es ist Winter in Hoyerswerda, in Hoyerswerda, in Hoyerswerda, es ist Winter."

Die Teilnehmer der Hoygida-Demo schweigen zu ihren Motiven.

"Darf ich Sie fragen, warum sie heute hier mitmarschieren"
"Bertelsmann-Propagandaabteilung oder was sind sie?"
"Ich hab zuerst gefragt."
"Ich darf doch wissen, mit wem ich mich unterhalte."
"Thilo Schmidt, Deutschlandradio Kultur. Krieg ich jetzt auch von Ihnen ne Antwort?"
"Das wird sowieso in den Medien verdreht!"

"Lügenpresse – auf die Fresse! Lügenpresse – auf die Fresse!"

Das übliche.

"Wir sind das Volk! Wir sind das Volk!"

Und weniger übliches.

"Wer Deutschland nicht liebt, soll Deutschland verlassen!"

Der Gedanke an Dialog erübrigt sich schnell. Und da gibt es auch nichts mehr zu differenzieren.

"Wir wollen keine Ausländerheime!"

Festnahme wegen Hitler-Gruß

Auf der Hoygida-Demo gehen Neonazis Seit' an Seit' mit "besorgten" Bürgern spazieren. Und vielleicht sind die auch besorgt, dass mit den Ausländern die Kriminalität kommt. Nur der Vollständigkeit halber: Das tut sie nicht. Thomas Knaup, Pressesprecher der Polizeidirektion Görlitz:

"Die polizeiliche Statistik spricht hier eine ganz eindeutige Sprache. Im Stadtgebiet von Hoyerswerda haben sich im Jahr 2014 ungefähr, pi mal Daumen, 3000 Straftaten insgesamt ereignet. Davon sind 86 Taten, also in etwa zweieinhalb bis drei Prozent, Taten, die von ausländischen Staatsbürgern, sprich Asylbewerbern, verübt wurden, und davon muss man noch sehr genau separieren, dass wir 34 Straftaten haben, nämlich Körperverletzungsdelikte, die sich innerhalb des Heimes, nämlich zwischen Asylbewerbern zugetragen haben. Das bedeutet: Wenn man dies alles rausrechnet, das heißt, die Dinge, die gar keine Außenwirkung auf die Stadt Hoyerswerda an sich haben, ist die Rate der Kriminalität, die tatsächlich von Asylbewerbern begangen wird, verschwindend gering."

Die Polizei muss den Aufzug kurz stoppen. Es wurde gerufen: "Straße frei der deutschen Jugend" und "Ruhm und Ehre der deutschen Nation". Die Polizei droht den Veranstaltern mit der Auflösung der Demonstration. Außerdem wird ein Demonstrant vorläufig festgenommen, weil er den Hitlergruß zeigt, zwei weitere werden des Platzes verwiesen, weil sie mit Quartzsand gefüllte Handschuhe tragen.

"Hoyerswerda bleibt – deutsch! Hoyerswerda bleibt – deutsch!!"

Aber das ist nur die halbe Wahrheit über Hoyerswerda. Die andere ist: Es gibt eine Reihe von Aktiven, die für die Flüchtlinge in Hoyerswerda tun, was sie können.
Unser Bündnis bietet ganz vielfältige Unterstützung an, zum Beispiel durch Alltagslotsen, die versuchen, den Flüchtlingen die ersten Schritte in der Stadt zu erleichtern, wo ist der Arzt, wo kann ich einkaufen gehen, wo finde ich den Kindergarten und die Ämter, dann haben wir eine Kinderbetreuungsgruppe im Heim, die dreimal in der Woche die Kinder betreut, mit ihnen spielt, die Sprache vermittelt, Hausaufgaben macht.

Asylbewerber gehören zum Stadtbild

Im "Kinderzimmer", das die Initiative im Heim einrichten konnte, betreuen Kerstin Freyer und Carmen Beyer drei Mal die Woche Flüchtlingskinder – als Ergänzung zu Kindergarten und Schule. Um den Eltern Behördengänge, Einkäufe oder einfach ein wenig Freizeit zu ermöglichen.

"Was auch für uns immer schön zu sehen ist, diese Entwicklung, ne? Grad wenn wir ganz kleine kriegen, die können vielleicht noch nicht laufen, die lernen dort laufen in der Zeit wo wir da sind, oder die Kinder werden einfach offener, wie schnell sie in Deutsch die Fortschritte machen, das ist für uns dann immer schon so ein Erfolgserlebnis. CB: ... und die Kinder sprechen natürlich schon viel, viel besseres Deutsch als ihre Eltern, teilweise. Ne? Das geht bei denen ganz rasant. Ich hab auch guten Kontakt zu ner Leiterin von einer Kindereinrichtung, und die ist auch immer total begeistert von den Asylbewerberkindern, was für tolle Kinder das sind, und es gibt überhaupt keine Schwierigkeiten. Die spielen miteinander, das ist ja eben das Beispielhafte: Bei Kindern gibt's keine Probleme. Die Probleme gibt's nur unter den Erwachsenen. Ja? Und da kann man sich doch viel abgucken von den Kindern."

Über die Kinder entwickeln sich Freundschaften zu den Eltern, es entstehen Partnerschaften zwischen deutschen Familien und Flüchtlingsfamilien. Die Flüchtlinge sollen ein Teil der Gesellschaft werden. Dazu reicht es aber nicht, mit den Flüchtlingen zu arbeiten, nein, man muss auch an der Gesellschaft arbeiten.
Wir haben eine Begegnungsgruppe, die regelmäßig Treffen mit der Bevölkerung und den Flüchtlingen arrangiert, damit man sich kennenlernen kann, Vorurteile abbauen kann, vielleicht auch mal Ängste abbauen kann, wir bieten eine Asylverfahrensberatung an und sammeln natürlich Spenden, und begleiten auch Flüchtlinge auf dem Weg in die Gesellschaft hinein, in dem wir zum Beispiel sie zu Konzerten einladen, zu Ausstellungen mitnehmen, zu Veranstaltungen, damit sie ganz einfach Teil unserer Gesellschaft werden und nicht mehr so am Rand stehen.

"... und wir haben jetzt ja ein Jahr Heim hinter uns, das Heim gehört mit dazu ..."

Pfarrer Jörg Michel, ebenfalls aktiv in der Initiative "Hoyerswerda hilft mit Herz":

"... und auch viele Bewohner des Heimes sind auch im Stadtbild zu sehen, also man hat sich dran gewöhnt, hoffe ich, im guten Sinne, es gibt noch ein paar Querulanten, die das alles zurückdrehen wollen, aber die Möglichkeit der Begegnung das muss weiter als Bürgerbündnis unsere Aufgabe sein, damit man einander nicht fremdbleibt, dabei."

Carmen Beyer verbringt ihre Freizeit mit und für die Flüchtlinge, damit sich 1991 nicht wiederholt, sagt sie. Inzwischen kennt sie viele Familien richtig gut.

Freundschaften wohnt ein Abschied inne

"Wir hatten auch ne Roma-Familie aus Serbien. Jeder weiß, dass die Roma überall schickaniert und verfolgt werden, bekommen keine Wohnung, bekommen keine Arbeit. Wir hatten hier ne Roma-Familie, die hätten sich wirklich integriert, das waren ganz liebe, nette Menschen, vier Kinder, sehr arbeitsam, und die haben sie auch zurückgeschickt, weil sie kommen aus Serbien, und das gilt als sicherer Drittstaat, und sie wurden zurückgeschickt. Was ich als unmenschlich empfinde."

Den Freundschaften mit den Flüchtlingen wohnt immer der drohende Abschied inne. Manch ein Helfer in Hoyerswerda berichtet von tagelanger Traurigkeit, wenn eine Familie, wenn ein Freund plötzlich nicht mehr da ist, vielleicht abgeschoben wurde, weggeschickt ins Ungewisse.

"Es gibt zwei verschiedene Abschiede. Einmal den Abschied, weil sie Asyl bekommen, aber nicht hier in Hoyerswerda bleiben, was man auch verstehen kann, wegen Arbeit, und einige haben auch schlechte Erfahrungen gemacht haben anfangs, und der andere Abschied: Dass sie abgeschoben werden. Immer tut's weh.

"Also man schickt sie eigentlich in die Katastrophe wieder zurück. Und wir wissen das, wir sind dann manchmal auch ein bisschen frustriert, auf Ämtern und Behörden, weil wir uns das nicht vorstellen können. Wie die dann dort weiterleben sollen."

Es gibt aber auch schöne Geschichten, auch wenn sie selten sind. Die der Familie Quasem, die aus dem Libanon geflohen ist, zum Beispiel.

"Na ich bin zu der Familie gekommen über die Kinder, die waren zuerst bei uns in der Kindergruppe, ich weiß nicht, irgendwie als Mutter ist man da berührt, und so kamen wir ins Gespräch ... ich hab sie mal eingeladen, einfach mal mit in den Tierpark zu gehen. Und die waren so happy, so glücklich ... schon allein dieser kleine Tierparkbesuch hat mir gezeigt, wie schlimm es für sie in diesem Heim sein muss. In diesem einen Zimmer. Dann war Sommer, ich hab überlegt: Alle fahren sie an den See, alle gehen sie baden, was machen die im Heim? Und ich hab hier einen Garten und ein Bassin, und da hab ich sie gefragt, ob sie nicht mit ihren Kindern zu mir in den Garten kommen wollen, die Kinder haben sich riesig gefreut über dieses Baden im Bassin, und so ist das entstanden."

Den Hass mancher Hoyerswerdaer hat die Mutter der Familie, Jasmin Quasem, aber auch zu spüren bekommen. Am Lausitzer Platz, direkt vor dem belebten Einkaufsparadies "Lausitz-Center", wurde aus einem fahrenden Auto eine Bierflasche nach ihr geworfen, erzählt Carmen Beyer, auch wenn sie gleich dazusagt, das seien Einzelfälle.

Und dann war das dann so, dass die Jasmin sagte: Sie ist schwanger, im Sommer, und wir dachten: Um Gottes Willen, wir müssen hier handeln. Nicht, dass der Säugling auch noch hier in diesem Heim leben muss. Und da sind wir in die Spur und haben alles versucht, um ne Wohnung für Familie Quasem zu bekommen.
Die Bürgerinitiative konnte mit Hilfe der Wohnungsbaugenossenschaft eine Wohnung für die Quasems organisieren. Der Vater, Nasser Quasem, von Beruf Friseur, machte ein Praktikum bei einem Salon in Hoyerswerda.

"... und er kam so gut an, dass er ihn im Februar jetzt einstellt. Als Friseur. Und darüber sind wir alle glücklich. Und froh."

Dillinger Straße, zwischen der Altstadt und den Bahngleisen. In einer ehemaligen Schule: das Asylbewerberheim von Hoyerswerda. Der Zorn über dieses Heim bricht sich vor allem im Internet bahn: „Nein zum Heim in Hoyerswerda", heißt die Facebook-Seite, und fast 3.000 Nutzern „gefällt" das. Es soll ein paar Angriffe gegeben haben gegen das Heim, eingeschlagene Fensterscheiben, Schimpfereien, das Übliche. Polizei-Pressesprecher Thomas Knaup:

"Solche Sachverhalte sind in wirklich geringer Anzahl geschehen, so dass zum Beispiel Sachbeschädigungen an dem Heim entstanden sind, beispielsweise durch eingeworfene Fenster, oder auch nur durch beleidigende Rufe, die vor dem Heim geschehen sind, Zielgruppe waren natürlich die Bewohner. Ansonsten ist es in Hoyerswerda eigentlich zu keinen nennenswerten Sachverhalten gekommen."

"Und da wird's mal knallen"

Kaum jemand auf der Straße an diesem Sonntagnachmittag, in der Nähe des Flüchtlingsheims. Nur ein einzelner Passant:

"Die haben doch mehr wie ein Hartz IV-Empfänger. Die kriegen die Sachen, die kriegen Essen, alles umsonst, und kriegen obendrein noch einen Haufen Geld. Und was hat ein Rentner? Ein EU-Rentner als Beispiel? Gar nichts! Der bezahlt seine Miete, der muss alles alleine von seine Kosten bezahlen. So einfach ist das. Und da wird's mal knallen."

"Was heißt knallen?"

"Na, krachen wieder. Schlimmer wie '91."

Das Flüchtlingsheim liegt etwas zurückgesetzt von der Straße. Ein paar Bewohmner des Heimes schauen neugierig aus einem Souterrainfenster. Sie gestikulieren, ich solle rechts um das Gebäude herumgehen.

"Kommen sie, hier, bitte. Vorsicht, ist etwas kaputt. Kommen sie rein."

Im Heim werde ich umringt von Menschen, die sich über Besuch freuen, die sich freuen über ein Mikrofon. Sie bieten mir gleich einen Kaffee an, wollen alle etwas erzählen.

"Wie geht es Euch in Hoyerswerda? How do you feel here?"

"Schlecht, schlecht. Nicht so gut. Hier ist die Hälfte nicht bei Asyl haben hier. In Hoyerswerda. Er will etwas und die bei Asyl die helfen nicht."

Sechs Flüchtlinge in einem Raum

Die Flüchtlinge klagen, dass sie nicht gehört werden auf den Ämtern, ihre Asylgründe nicht vortragen können. Wir gehen auf ein Zimmer, darin stehen sechs Betten, in der Mitte ein Tisch, ein paar Metallspinde, eine spartanische Teeküche und ein Waschbecken. Hier wohnen sechs syrische Flüchtlinge.

"Er kommt nach Deutschland aus Syrien, ja? Viele Leute dort sind auf dem Wasser. Und sowas. Viele Leute schwer kommt nach Deutschland."

Manch ein Flüchtling liegt im Bett, die Decke bis zum Kopf. Über den Fernseher - der einzige Luxus in diesem Raum, flimmern die Nachrichten über den syrischen Kriegsalltag und die Tragödien im Mittelmeer.

"Er ist Frau mit er kommt nach Deutschland. Und er ist Frau tot. Und sie war schwanger."
"Auf dem Wasser?"
"Ja."

Die Flüchtlingsschiffe, die Seelenverkäufer auf dem Mittelmeer, plötzlich bekommt dieser ganze Schmerz ein Gesicht.

"Es gibt, die sitzen... ich weiß nicht, wie heißt das auch deutsch? Auf dem Wasser, ja? Und viele Leute, ja, 200 dort sitzen, und das kommt mit Wasser nach Deutschland. Aber er Frau ist schwanger und tot."

Der Übersetzer ist Ibrahim, er ist 14 Jahre alt, allein geflohen. Seine Familie ist noch in Syrien. Er ist der einzige der Syrer hier, der deutsch spricht. Gelernt hat er es in den vier Monaten, in denen er in Hoyerswerda zur Schule geht. Da fühlt er sich wohl, sagt er, hat Freunde. Von der Hoygida-Veranstaltung haben sie Notiz genommen im Heim, und die Botschaft haben sie sehr genau verstanden.

"Alle hat im Heim, im Zimmer bleiben. Gar nicht getraut, spazieren, so was."

Ich verlasse das Heim. Und habe mehr Fragen als vorher: Werden die Flüchtlinge Asyl in Deutschland bekommen? Werden sie ihre Familien wiedersehen? Wird es ihnen – den Umständen entsprechend – wohl ergehen in Hoyerswerda?

"Nein, das Hoyerswerda von heute ist nicht mehr das Hoyerswerda von 1991. Es ist gut, dass es einige Hoyerswerdaer gibt, die helfen. Mit Herz. Und mit Verstand. Es dürfen aber gerne noch ein paar mehr werden. Meine Werte haben sich geändert. Ich nehme Dinge ganz anders wahr. Ich nehme es wahr, dass ich selbstbestimmt leben kann, dass ich eine Wohnung habe, die mir Privatsphäre garantiert, ich nehme es war, dass ich reisen kann wohin ich will, alles Dinge, die Flüchtlinge nicht können. Durch die Freundschaft mit Flüchtlingen hat sich mein Horizont ganz bedeutend erweitert, ja."

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