Das Feature, vom 11.06.2019, 19:15 Uhr

Ein Integrationsmodell wird abgewickeltRiace im Visier der Lega

Riace war ein Musterbeispiel an Integration. Flüchtlinge brachten neues Leben in das sterbende Dorf an der ionischen Küste Kalabriens. Bis 2018 lebten Einheimische und Migranten friedlich miteinander. Dann kam der Bürgermeister unter Hausarrest, und die Flüchtlinge wurden weggebracht.

Das italienische Dorf Riace, dessen Bürgermeister Lucano für sein Flüchtlingsengagement den Dresdner Friedenspreis 2017 erhält. (Imago)
Das italienische Dorf Riace, dessen Bürgermeister Lucano für sein Flüchtlingsengagement den Dresdner Friedenspreis 2017 erhält. (Imago)

In den 1950er-Jahren begannen Riaces Bewohner auf der Suche nach Arbeit auszuwandern. Kurz vor der Jahrtausendwende war der alte Ortskern im hügeligen Hinterland, Riace Borgo, beinah entvölkert. Dann landete ein Schiff voll kurdischer Flüchtlinge an Riaces Strand. Der Linksaktivist Domenico Lucano und eine Gruppe Gleichgesinnter brachten sie nach Absprache mit den emigrierten Eigentümern in den verlassenen Häusern des Dorfes unter. 

Lucano ließ sich 2004 zum Bürgermeister wählen und nutzte staatliche Mittel für die Aufnahme von Flüchtlingen, um sie auszubilden, ihnen Arbeit zu geben und um die dazu notwendige Infrastruktur zu errichten. Auch die Einheimischen profitierten davon. Kita und Grundschule wurden wieder eröffnet, Arbeitsplätze geschaffen, die Mikrowirtschaft des Dorfes angekurbelt. Riace wurde ein weltweit gepriesenes Integrationsmodell.

Im Oktober 2018 stellte die Staatsanwaltschaft des benachbarten Locri Domenico Lucano unter Hausarrest - wegen des Verdachts auf Begünstigung illegaler Einwanderung und anderer Delikte. Der rechtsextreme Innenminister Matteo Salvini ließ die in Riace lebenden Asylbewerber in zum Teil weit entfernte Aufnahmelager im ganzen Land bringen. Alle Versuche, das Integrationsprojekt wiederzubeleben scheiterten. Auch in Riace sind Salvinis rechte Anhänger der Lega im Aufwind.

Riace im Visier der Lega
Ein Integrationsmodell wird abgewickelt
Von Aureliana Sorrento

Regie: Matthias Kapohl
Es sprachen: Therese Hämer, Agnes Pollner, Janina Sachau, Claudia Mischke, Wolfgang Rüter, Walter Gontermann, Michael-Che Koch und Jochen Kolenda
Ton und Technik: Ernst Hartmann und Katharina Lueg
Redaktion: Wolfgang Schiller
Produktion: Dlf 2019

Aureliana Sorrento wurde 1971 in Reggio Calabria geboren und studierte in Rom moderne Sprachen und Literaturwissenschaft. 1992 zog sie nach Deutschland und absolvierte den Aufbaustudiengang "Journalistik und Kommunikationswissenschaft" in Hannover. Nach dem Studium war sie für den Rundfunk und verschiedene Zeitungen als Kulturjournalistin tätig. Seit 1999 lebt sie in Berlin und arbeitet vor allem als Feature-Autorin für den deutschen öffentlich-rechtlichen Rundfunk und den Schweizer Rundfunk.

Riace im Visier der Lega (PDF)

Riace im Visier der Lega (Textversion)

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