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Im Gespräch | Beitrag vom 30.10.2018

Ein Historiker erinnert sich an seine Zeit als KommunistVom Student zum Revoluzzer

Gerd Koenen im Gespräch mit Klaus Pokatzky

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Der Historiker Gerd Koenen während der TV-Sendung "Die blaue Stunde" am 12.10.2017 auf der Frankfurter Buchmesse. (picture alliance / Sven Simon)
Der Historiker Gerd Koenen während der TV-Sendung "Die blaue Stunde" am 12.10.2017 auf der Frankfurter Buchmesse. (picture alliance / Sven Simon)

Als er endlich promovierte, war der Historiker Gerd Koenen fast 60. Den ersten Versuch einer Doktorarbeit hatte er als Student aufgegeben, um sich ganz dem Kampf für den Kommunismus und einem Leben als „Berufsrevolutionär“ widmen zu können.

 "Der Aktivismus hatte auch etwas Selbstbetäubendes, sieben Tage die Woche", sagt der Historiker Gerd Koenen über seine Zeit im Kommunistischen Bund Westdeutschland, einem Ausläufer der Studentenbewegung der 68er. Und die war weniger wild als man heute annehmen würde. "Das war relativ puritanisch, die Angelegenheit. Es gab pausenlos Sitzungen." 

"Im Banne der atomaren Vernichtung"

Trotzdem war Gerd Koenen mehrere Jahre im KBW aktiv. Er sah sich "in aller Ernsthaftigkeit als Berufsrevolutionär, so im leninistischen Stil." Politisiert war er aber schon viel früher, nicht zuletzt durch die Ostermärsche, an denen er als Jugendlicher teilnahm. "Da waren überall die alten Kommunisten. Die KPD war ja verboten. Das hatte den Reiz des Verbotenen." Auch die Kuba-Krise, die er als Schüler verfolgte, sei ihm als politisches Ereignis deutlich in Erinnerung. "Man stand ein bisschen im Banne der atomaren Vernichtung. Das war so die Vorstellung. Und ich würde sagen, zu der Grundsubstanz von ´68 gehörte auch dieses Gefühl, es kann sehr schnell auch etwas ganz Schlimmes kommen."

Studenten demonstrieren am 5. Juni 1967 in München aus Anlass der Tötung von Benno Ohnesorg (AP)Nachdem Benno Ohnesorg getötet wurde, demonstrieren Studenten am 5. Juni 1967 in München. (AP)
Als im Sommer 1967 die Schüsse auf Benno Ohnesorg fielen, radikalisierte sich Gerd Koenen – mittlerweile Geschichtsstudent –  wie viele seiner Kommilitonen und trat zunächst dem Sozialistischen Deutschen Studentenbund bei, bevor er sich vom Sozialisten zum Kommunisten mauserte. Zu seiner radikalen Selbstproletarisierung gehörte es auch, die Doktorarbeite zu schmeißen, für die er ein staatliches Stipendium erhielt. Einer akademischen Karriere hätte ja ohnehin der Radikalenerlass im Wege gestanden.

"Dümmer sind wir dadurch auch nicht geworden"

Später versuchte Koenen, jeden seiner damaligen Schritte nachzuvollziehen. Die innere Logik sei durchaus schlüssig, befindet er heute, nur das große Ganze ergebe für ihn keinen Sinn mehr. Die damalige Zeit betrachtet er heute aus der Distanz – ohne Bitterkeit oder Häme. "Viele lassen gar nichts darauf kommen. Ich habe schon ein etwas gebrochenes Verhältnis dazu, aber kein tragisches." Im Gegenteil: "Auf verrückte Weise ist das Ganze auch eine Lehrstunde geworden für uns alle. Wir haben unheimlich viel gelesen. Das führte zwar zu nichts, aber einfach nur dümmer sind wir dadurch auch nicht geworden."

Faszination für den Osten

Als freier Historiker hat der 73jährige schon früh zur besonderen historischen Beziehung zwischen Deutschland und Russland geschrieben. "Trotz meiner westlichen Orientierung oder Neigung war der Osten so das dunkle Andere. Das hing vielleicht auch mit meinem Onkel in russischer Kriegsgefangenschaft zusammen. Das waren so die ‚killing fields‘ der deutschen Massenverbrechen. Das spielte eine Rolle und insofern hat mich dann Osteuropa angezogen."

Sein anderes großes Thema, das ihn lange auch ganz persönlich umtrieb: der Kommunismus. Nach "Das rote Jahrzehnt" über die Jahre zwischen dem Tod Benno Ohnesorgs und dem Finale des Deutschen Herbsts 1977 in Stuttgart-Stammheim sowie einem Buch über die RAF hat er zuletzt mit "Die Farbe Rot" eine viel gelobte Weltgeschichte des Kommunismus vorgelegt.

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