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Studio 9 | Beitrag vom 14.04.2015

Ein Heim für obdachlose MigrantenQuerdenken bei der Flüchtlingsbetreuung

Von Norbert Zeeb

Ein Odachloser in einer Unterkunft (picture alliance / dpa / Axel Heimken)
Ein Odachloser in einer Unterkunft (picture alliance / dpa / Axel Heimken)

Die studierte Psychologin und Hobbyköchin Nana Adjei betreibt eine Notküche für obdachlose afrikanische Flüchtlinge in Hamburg. Zwei Jahre gibt es das "Zongo" nun schon und es ist für viele Flüchtlinge ein erster Anlaufpunkt in der Hansestadt.

"Ich bin die Nana Adjei. Ich bin 37 Jahre alt und habe das Zongo gegründet."

"Das Zongo ist ein Aufenthaltsort für Flüchtlinge, Leute, die nicht so gut ausgestattet sind, was Papiere und Wohnsitz betrifft, in Hamburg. Die können tagsüber hierher kommen, zwei Mahlzeiten zu sich nehmen, Deutschunterricht genießen, Kickern, Playstation-, Xbox-spielen; wir helfen ihnen, was juristische Beratung betrifft, und bei Übersetzungen von Dokumenten - eine kleine Therapie-Session, was auch immer gerade notwendig ist."

Ein großer Aufenthaltsraum, gefüllt mit einfachen Sitzbänken und Tischen, dazu einige Sofas; ein weiterer Raum für die Aufbewahrung und kostenlose Ausgabe von gespendeten Kleidungstücken und Drogerieartikeln wie Einwegrasierer, Zahnputzzeug oder Duschgel – und eine Küche.

"Das sieht ja schon sehr gut aus. Das wird eine Erdnusssoße, da haben wir jetzt erstmal Weißkohl drinnen, Karotten, Zwiebeln..."

"Im Kern steht die Küche, definitiv. Mir war am Anfang einfach wichtig, dass diese Menschen Essen bekommen. Ich habe Afrikaner auf der Straße gesehen und dachte, oh Gott, die kriegen nicht mal eine warme Mahlzeit am Tag, so schwer kann das nicht sein, und habe angefangen zu kochen."

Als Anfang 2013 etwa 300 afrikanische Flüchtlinge, die über die Mittelmeerinsel Lampedusa nach Europa gelangt waren, auf den Straßen Hamburgs strandeten, entschloss sich Nana Adjei zu helfen. Auf ihren Streifzügen durch die Stadt verteilte sie warme Mahlzeiten an die Flüchtlinge. Mit Unterstützung der evangelischen Kirche in Hamburg, die ihr ein leerstehendes Gebäude und einen Arbeitsvertrag anbot, errichtete die studierte Psychologin schließlich das Zongo – inzwischen eine feste Institution und erste Anlaufstelle für afrikanische Flüchtlinge in Hamburg.

Alle müssen mitanpacken

"Das Hähnchen wurde schon gekocht, braten können wir gerade nicht, weil unser Herd kaputt ist. Und jetzt gleich, wenn das ein bisschen gekocht hat, kommt da nochmal Tomatenbasis rein und dann Erdnussbutter, ordentlich mit Gewürz, und dann wird es dann hoffentlich schmecken."

"Es ist mehr als ein Job. Man muss schon dedication, also wirklich auch das wollen, Liebe dafür haben. Man kriegt nicht immer ein Dankeschön oder so was von Leuten, die sind traumatisiert, diese Flüchtlinge, die nehmen das alles erst einmal hin und realisieren vielleicht erst ein Jahr später, wie viel Hilfe man ihnen gegeben hat und kommen dann und sagen nochmal Danke. Es ist sehr viel Arbeit, man muss sehr viel reden, wenn man kein Durchhaltevermögen hat, wenn man nicht stark ist, dann ist das auch einfach nichts für einen."

Die Hamburger St. Pauli Kirche hat ein Spendenkonto für das Zongo eingerichtet, das die Hobbyköchin für Einkäufe nutzt. Die meisten Nahrungsmittel aber sind Geschenke, und da weiß man nie, was so kommt – und muss improvisieren. Adjei, die in Frankfurt am Main geboren und aufgewachsen ist, erzählt, sie habe in Ghana, dem Heimatland ihrer Eltern, das Querdenken gelernt. Im Teenageralter sei sie ein "stressiges" Kind gewesen. Ihre Eltern schickten sie kurzerhand nach Ghana auf ein Mädcheninternat. In den Ferien lebte sie bei ihrem Onkel.

"Ich habe sechs Jahre in Ghana gelebt, bin von einem deutschen Haushalt mit schön Strom und allem, was wir haben, in ein Zongo-Gebiet, das heißt mehr Ghetto-artiges Gebiet, gezogen, in ein Haus, das von meinem Onkel selbst gebaut wurde, kein Strom und kein Bad. Es wurde draußen geduscht, und es wurde draußen gekocht auf einem Kohlepott. Und ich merke jetzt, hier im Zongo besonders, wie sehr mir das hilft, weil hier oft mal Sachen nicht funktionieren, und deswegen muss man da einfach mal querdenken, ja."

Wie ein Wohnzimmer, ein Zuhause

Neben den freiwilligen Helfern, zu denen auch der jüngere Bruder und die 15-jährige Tochter von Nana Adjei gehören, müssen im Zongo auch die Flüchtlinge mit anpacken und zum Beispiel beim Kochen helfen, Kartoffeln schälen oder abwaschen.

"Ich habe einen ziemlich strengen Ton. Das ist auch ganz wichtig als Frau unter so vielen Männern. Und auch wenn ich immer niedlich aussehe und alle denken, ach, das ist 'ne süße kleine pummelige Mama, nee, da steckt ein bisschen mehr dahinter."

Im Aufenthaltsraum des Zongo haben sich etwa 60 Menschen eingefunden. Einige sitzen zusammen vor einem Brettspiel, darunter auch der 29-jährige Eric aus Ghana. Er zählt zum Kreis der sogenannten "Lampedusa-Gruppe"; mit zahlreichen Protestaktionen streiten sie seit ihrer Ankunft in Hamburg im Frühjahr 2013 für ein dauerhaftes Bleiberecht und eine Arbeitserlaubnis - noch immer ist die Situation für viele von ihnen ungeklärt.

"Ich habe ein eigenes Zimmer, weil mir jemand erlaubt, bei ihm zu wohnen. Doch andere hier leben auf der Straße. (...) Aber ich weiß, jeder hier hat die Kraft sich ein neues Leben aufzubauen. (... ) Manchmal war ich so frustriert, es gab keinen Ort wo ich hinkonnte, ich war immerzu auf der Straße. Das Zongo hat mir sehr geholfen. Du isst hier, du triffst Freunde, du spielst Spiele - das Zongo richtet dich auf."

"Viele haben mir gesagt, das ist wie ihr Wohnzimmer, wie ihr Zuhause und das ist mir auch wichtig, dass sie sich so fühlen. - Es ist so was wie eine erste Anlaufstelle. Wenn sie wissen, sie können irgendwo hingehen und ihren Ratschlag bekommen oder die Hilfe bekommen oder eine warme Mahlzeit bekommen, dann sind sie nicht ganz so hoffnungslos. Und ich möchte ihnen Hoffnung geben."

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