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Fazit / Archiv | Beitrag vom 05.09.2006

Ein Haus als Sinnbild der Geschichte Israels

Der dritte Teil von Amos Gitais Dokumentartrilogie "House"

Von Amin Farzanefar

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Amos Gitais Langzeit-Dokumentationen führen ihn über Jahrzehnte hinweg immer wieder an Orte, die als Sinnbild für die israelische Gesellschaft dienen. So dokumentiert seine "House"-Trilogie seit 1980 die Umbauarbeiten an einem Haus in Jerusalem, und porträtiert dabei das Nebeneinander unterschiedlichster Schicksale. "News from Home", der dritte Teil, startet diese Woche in den Kinos.

Dr. Dajani: "Als wir hierher kamen, war es schon gebaut, wir kamen 1917/18. Als man anfing, Jerusalem zu bombardieren, mussten wir rennen, dorthin, wo die Windmühle steht. Wir nahmen einige Kleinigkeiten aus unseren Häusern mit, und flüchteten in die Jerusalemer Altstadt, nahe der Klagemauer, wo ich geboren wurde. Als Allenby in Jerusalem einzog, war ich ein kleiner Junge, und erwartete seine Ankunft am Jaffa-Tor. Natürlich konnten wir nicht in unser altes Haus zurückkehren.''"

Dr. Dajani, ein rundlicher Mann in langem Mantel, mit gepflegtem Spitzbart, Hornbrille und Zigarette, ist schon lange nicht mehr der Herr jenes Hauses, das der eigentliche Hauptdarsteller in Amos Gitais Film-Trilogie ist. Ende des 19. Jahrhundert von deutschen Templern erbaut, mussten es die Dajanis 1948 verlassen, und seither wird es von zahlreichen Parteien bewohnt.

1980 nahm Gitai umfassende Restaurierungsarbeiten am Gebäude zum Anlass, um aus den Geschichten der früheren und jetzigen Bewohner ein fragmentarisches und faszinierendes Gesellschaftsporträt zu zeichnen:

Der vertriebene palästinensische Steinmetz, der pragmatische israelische Bauherr, die Utopien und Hoffnungen der zionistischen Gründergeneration: all diese Geschichten stehen gegeneinander und nebeneinander. Nicht unbedingt verwunderlich, dass HOUSE, ursprünglich für das israelische Fernsehen produziert, seinerzeit als problematisch empfunden und vom Programm abgesetzt wurde.

1997 kehrte Gitai, anlässlich der Ermordung Rabins, nochmals an den Drehort zurück: A HOUSE IN JERUSALEM drang weiter in die Geschichte von Haus und Anwohnern ein, verknüpfte erneut die Geschichte des Hauses mit der Geschichte des Staates.

So spricht er mit Sohn und Enkelin des alten Dr. Dajani, spricht auch lange mit den neuen Bewohnern der Straße, die aus der halben Welt nach Israel gezogen waren. Früher voller romantischer Phantasien über ein Land im Aufbruch, hat sich inzwischen ein nachdenklicher bis kritischer Unterton eingeschlichen. Die jetzige Bewohnerin des Hauses, die zur "moralischen Unterstützung" des Landes übersiedelte, erzählt, wie sich die hehren zionistischen Ideale an der Realität brechen:

" "Das Land normalisiert sich, und das ist eine gute Sache. Der Traum, Israel sei anders als alle anderen Länder, Israel sei besser usw., ist eine Illusion. Diese Illusion verschwindet, und das finde ich gut. Ich hoffe dass meine Enkelin von dem freien Geist, vom Kulturstreben und ihrer Verwurzelung profitieren wird, und dass sie dabei trotzdem Kosmopolitin bleibt."

In dem schwarzweiß gefilmten ersten Teil sah man noch ein in klare politische Fraktionen aufgeteiltes Land. 1997 erscheint Israel als eine aus unzähligen Patchwork-Identitäten, aus vielen Biografien und Einzelschicksalen zusammen gepuzzelte Gesellschaft, in der jeder seine eigene Wahrheit sucht. Dieser Trend sollte sich fortsetzen.

2005 fand Amos Gitai es erneut an der Zeit für eine Revision: In NEWS FROM HOME (2005) sucht er ein drittes mal jene Straße auf, die ihm soviel eigentümliches einzufangen scheint. Immer noch, schon wieder wird dort angebaut und umgebaut. Und mit dem Gesicht der Stadt verändert sich auch die Lebensweise der Bewohner:

Amos Gitai: "Ich stieß auf eine ausufernde Diaspora, eine junge Generation von Israelis, die nach Kanada und London ausgewandert waren; palästinensische Nachfahren, die in Jordanien oder Montreal lebten. Dieser kompakte Mikrokosmos, in dem verschieden Charaktere auftauchen und wieder in neue Richtungen verschwinden, ist der rote Faden meines Themas. Dieser wurde immer abstrakter und zerstreuter."

Die Unruhe des Globalisierungszeitalters überträgt sich dabei auf den in die Jahre gekommenen Regisseur; nicht nur ist die frühere Statik der Kamera immer mehr einer suchenden Bewegung gewichen - auch Gitai selber reist: Zum Beispiel nach Jordanien, wo er die noch lebenden Angehörigen des ersten Dr. Dajani besucht, die 700 Jahre lang in Jerusalem ansässig waren. Zum Beispiel in das Dorf jenes palästinensischen Steinmetz, der in HOUSE seinen Groll, seinen Seelenschmerz nur zögerlich preisgab.

Und wenn er nicht reist, entdeckt er in dem Haus neue und alte Bewegungslinien. So übersiedelte die jetzige Bewohnerin aus dem türkischen Exil über Schweden und die Schweiz nach Jerusalem. Ihre Muter lebte in Syrien, die Großmutter in Kreta, und deren Vater in Thessaloniki.

Vor allem durch die Anschaulichkeit und Unmittelbarkeit der Lebensgeschichten beeindruckt Amos Gitais Trilogie. Statt anonymer Fakten und absehbarer Reportage-Klischees zeigen seine drei Bestandsaufnahmen konkrete Orte, Gesichter, Biografien. In einer von vielen Zwängen und Begrenzungen geprägten Region erschließt sich zumindest dem Zuschauer eine neue Freiheit, der sich aus vielen Erzählungen seine eigenen Zusammenhänge spinnen kann.

Dabei hofft man für jenes Haus in Jerusalem, dass irgendwann nicht mehr gilt, was Dr. Dajani für seine Zukunft vorhersagte - damals in 1980:

"Was wird aus diesem Haus? Ich weiß es nicht. Ich weiß es wirklich nicht. Ich war für die Koexistenz zwischen Arabern und Juden, aber ich sehe keinerlei Möglichkeiten oder Ansätze, das zu befördern."

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