Seit 01:05 Uhr Tonart

Montag, 22.04.2019
 
Seit 01:05 Uhr Tonart

Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 11.11.2010

Ein Harry-Potter-Klon auf Koks

Lev Grossman: "Fillory. Die Zauberer", Fischer FJB, Frankfurt am Main 2010, 617 Seiten

Podcast abonnieren
Explizite Sprache ist das Alleinstellungsmerkmal von Grossmans "Fillory". (Deutschlandradio / Bettina Straub)
Explizite Sprache ist das Alleinstellungsmerkmal von Grossmans "Fillory". (Deutschlandradio / Bettina Straub)

Der Amerikaner Lev Grossman liefert die altersgemäße Anschlusslektüre für alle, die mit Harry Potter groß geworden sind. Seine Zauberschülergeschichte kommt allerdings wenig familienfreundlich daher: Die Protagonisten interessieren sich vor allem für Sex, Chardonnay und harte Drogen.

Quentin ist ein Träumer. Als Kind hat er Bücher über ein fantastisches Land namens Fillory verschlungen, und jetzt – kurz vor dem High-School-Abschluss – sucht er in seiner Heimatstadt New York insgeheim immer noch nach "einer Geheimtür zu einer anderen Welt". Da passiert es. An einem grauen Wintertag stolpert er auf einem unbebauten Grundstück am Hudson River mitten hinein in eine Parallelwelt.

Englischer Rasen, Terrassenbeete, ein großes, unheimliches Haus: Es ist nicht Fillory, sondern das "Brakebills College für Magische Pädagogik". Und Quentin ist zur Aufnahmeprüfung eingeladen worden. Auch nicht schlecht.

Das Vorbild für Lev Grossmann Roman "Fillory. Die Zauberer" ist leicht erraten. Brakebills hat auffallende Ähnlichkeiten mit Hogwarts, und wenn Quentin Zaubersprüche und "Zirkumstanzien" paukt, erinnert das sehr an das Schicksal von Harry Potter. Ökonomisch ist das leicht nachzuvollziehen: Joanne K. Rowlings Bücher haben sich allein in Deutschland deutlich über 25 Millionen mal verkauft, an Kinder und Erwachsene.

Ein Harry-Potter-Klon kommt da wie gerufen – auch wenn Grossmans Roman nicht ganz so familienfreundlich ist. Seine Zauberlehrlinge interessieren sich für Chardonnay und Kokain, und eines Abends überrascht Quentin zwei Mitschüler, die Sex haben und plötzlich ganz andere Beschwörungsformeln flüstern: "Kleine Schlampe." Oops.

Explizite Sprache, das ist das Alleinstellungsmerkmal dieses Buches. Der Amerikaner Lev Grossman – Jahrgang '69 – liefert die altersgemäße Anschlusslektüre für alle, die mit Harry Potter groß geworden sind. Aus Verlagssicht ist dieser Copy-and-Paste-Roman darum kein Plagiat, sondern ein Glücksgriff:

Die deutsche Übersetzung erscheint bei Fischer, der mit seinem Imprint FJB ein eigenes Label geschaffen hat, um Vampir-Geschichten, Mystery Thriller und andere Fantasy-Stoffe für Jugendliche und "junge Erwachsene" zu vermarkten. Eine Seite bei Facebook gehört auch dazu, wo die "Community" gepflegt wird mit Gewinnspielen und pseudoliterarischem Smalltalk.

Das ist der Buchmarkt von morgen. Die romantische Vorstellung eines individualisierten Leseerlebnisses hat längst ihre Anziehungskraft verloren – und ein Designer-Produkt wie "Die Zauberer" kommt da wie gerufen: Hier zählt nur noch die Zielgruppe.

Das weiß natürlich auch Lev Grossmann, der als Literaturkritiker für das Time Magazine arbeitet. Vielleicht hat er darum die Entzauberung der Literatur und der Lektüre selbst zum Thema seines Romans gemacht. In der zweiten Hälfte, die verdächtig an den Genre-Klassiker "Die Chroniken von Narnia" erinnert, gelangt Quentin mit seinen frisch erworbenen Fähigkeiten tatsächlich nach Fillory.

Das Land, das er aus seinen Kinderbüchern kennt, hält eine ernüchternde Botschaft für ihn bereit. "Du glaubst, dir stünden Kreuzzüge, Drachen und die Bekämpfung des Bösen bevor", muss er dort erfahren. "Aber so ist es nicht. Da draußen ist nichts." Lev Grossmanns amerikanischer Verlag hat trotzdem schon mal eine Fortsetzung angekündigt.

Besprochen von Kolja Mensing

Lev Grossman: Fillory. Die Zauberer
Aus dem Amerikanischen von Stefanie Schäfer
Fischer FJB, Frankfurt am Main 2010
617 Seiten, 19,95 Euro

Buchkritik

weitere Beiträge

Literatur

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur