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Zeitfragen | Beitrag vom 27.11.2018

Ein Gewächshaus im ewigen EisDer Gemüsebauer aus der Antarktis

Von Dirk Asendorpf

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Das Gewächshaus EDEN: Hier wachsen bei bis zu -30 Grad Tomaten Gurken und Salat. (DLR)
Das Gewächshaus EDEN: Hier wachsen bei bis zu -40 Grad Außentemperatur Tomaten, Gurken und Salat. (DLR)

Paul Zabel vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt betreibt ein Gewächshaus in der Antarktis: Dort gedeihen Tomaten, Salat und Gurken. Für zukünftige Weltraummissionen soll der Pflanzenanbau unter schwierigen Bedingungen getestet werden.

"Zabel. Hallo." – Ein Anruf in der Antarktis. Gerade hat dort der Polartag begonnen.

"Wir haben 24 Stunden Sonnenschein, wenn wir keine Wolken haben. Heute ist es sehr schön. Wir haben die zweite richtige Sommerwoche. Es sind nur noch so minus 13 Grad."

In den vergangenen Monaten musste Paul Zabel mit deutlich schlechteren Wetterbedingungen klarkommen. Einen Polarwinter lang war er für das Forschungsgewächshaus des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt zuständig. Das ist 300 Meter von der deutschen Neumeyer-Station entfernt in einem Container untergebracht.

"Wir hatten die niedrigste Temperatur mit minus 43,4 Grad im August. Es gab so ein paar Tage, wo stärkere Stürme waren, und da bin ich dann nicht hingegangen, weil das einfach zu gefährlich war."

Über eine Satellitenverbindung hat er das Geschehen in dem 13.500 Kilometer entfernten Gewächshaus jederzeit im Blick. Ein ganzes Dutzend Bildschirme füllen dafür eine Wand des Kontrollraums.

"Wir können ja die Pflanze selbst nicht berühren. Aber wir könnten zum Beispiel sagen: Der Container wird jetzt zwei Grad wärmer, stellen wir das hier ein und dann würde sich der Container hochregulieren auf zwei Grad wärmer. Wir könnten das Licht steuern und wir könnten zum Beispiel auch einen anderen Nährstoffmix der Pflanze geben. Das können wir alles von hier aus steuern."

Ein volles Gewächshaus für die ersten Mars-Besucher

Die vollständige Fernsteuerung des Gemüseanbaus in einem hermetisch versiegelten Container ist die Voraussetzung dafür, dass er auf künftigen interplanetaren Raumfahrtmissionen Anwendung finden kann.

"Szenarien sehen vor, dass das Gewächshaussystem vorab zum Mars fliegt, sich dort automatisch entfaltet und schon Pflanzen auch automatisch angebaut werden. Und wenn dann die ersten Menschen auf den Mars kommen, können sie quasi schon ein voll ausgewachsenes Gewächshaus vorfinden. Das ist so die Theorie." 

Wissenschaftler im EDEN-Gewächshaus in der Antarktis. (DLR)Die Tomaten und der Salat sind gut gewachsen. Nur die Erdbeeren und die Paprika wollten im EDEN-Gewächshaus nicht so recht gedeihen. (DLR) 
Die Praxis war davon allerdings noch ziemlich weit entfernt. Fast täglich musste Paul Zabel im Antarktis-Gewächshaus nach dem rechten sehen.

"Wir hatten zum Beispiel relativ früh im Jahr eine kaputte LED-Lampe von den Pflanzen-LEDs. Die konnte ich dann durch ein Ersatzteil austauschen. Wir hatten in unserem Kühlsystem mehrere Ausfälle von elektrisch gesteuerten Ventilen und Pumpen, die jetzt auch durch andere Modelle ausgetauscht werden."

Die Reparaturen will Projektleiter Daniel Schubert im Januar persönlich vornehmen. Dann bringt er auch das Saatgut für den nächsten Testlauf mit, darunter Samen für zehn verschiedene Salatsorten, die die Nasa bereits auf der Internationalen Raumstation getestet hat. Im Antarktis-Container sollen sie möglichst selbständig keimen und heranwachsen. Einen Gärtner wird es im nächsten Polarwinter nämlich nicht geben.

Das Gewächshaus soll komplett ferngesteuert werden

"Wir haben so schnell jetzt keinen finden können, der da wieder überwintern möchte. Und dann haben wir uns überlegt: Könnten wir eine Autark-Mission machen? Also wirklich das Gewächshaussystem nur von Bremen, aus unserem Missionskontrollzentrum heraus, beobachten und steuern. Und wir den Überwinterern sagen: Nur im Notfall reingehen – oder zum Ernten."

Paul Zabel fliegt bereits Mitte Dezember zurück nach Bremen. Dort hat er einen Jahrhundertsommer verpasst.

"Ich hab ja auch mit meinen Kollegen regelmäßig gesprochen und dann war ich schon ein bisschen neidisch hier und da. Dafür war ich halt ein Jahr in der Antarktis. Aber Vogelgezwitscher und mal wieder in den Wald gehen zu können, das sind so Sachen, die man hier eben gar nicht machen kann. Und darauf freue ich mich auf jeden Fall."

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