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Thema / Archiv | Beitrag vom 06.10.2011

Ein ganz Großer, der die Technik menschlicher gemacht hat

Computerexperte Philip Banse über den verstorbenen Apple-Gründer Steve Jobs

Philip Banse im Gespräch mit Susanne Burg

Der frühere Apple-Chef Steve Jobs bei der Präsentation des iPod (AP)
Der frühere Apple-Chef Steve Jobs bei der Präsentation des iPod (AP)

Steve Jobs hat unser Verhältnis zur Technik völlig revolutioniert, sagt der Journalist Philip Banse. Bei seinen Erfindungen - wie dem iPhone oder dem iPad - habe er ein geniales Gespür für die "Lücken in unserem Leben" gehabt. Und es sei immer sein Ziel gewesen, diese Geräte möglichst allen Menschen zur Verfügung zu stellen.

Susanne Burg: Erst gestern morgen, genau zur gleichen Zeit, sprachen wir hier im "Radiofeuilleton" über Apple. Der Anlass war die große Show in Kalifornien, die Präsentation des neuen iPhones. Heute ist die Firma nun schon wieder Thema, und der Anlass ist diesmal ein trauriger: Steve Jobs, der Mitbegründer und Kopf von Apple, ist tot.

Man muss leider sagen, ganz überraschend kommt diese Nachricht nicht, denn Steve Jobs litt schon lange an Krebs und hat seine Geschäfte dann auch im August abgegeben. Aber nun ist die Ära Steve Jobs definitiv zu Ende. Was ihr Erbe ist und wie es weiter geht, das soll nun unser Thema sein. Im Studio begrüße ich jetzt unseren Computerexperten Philip Banse. Guten Morgen!

Philip Banse: Guten Morgen, hallo!

Burg: Ja, die Trauer ist groß, auch in Hollywood. Viele Prominente haben ihre Gefühle mitgeteilt. Der Schauspieler Alec Baldwin zum Beispiel schrieb: "Traurig wegen Steve Jobs, ebenbürtig mit Henry Ford, Carnegie und Edison." Ist es übertrieben zu sagen, die USA haben einen der Großen ihrer Nation verloren? Steht Steve Jobs in der Linie dieser großen Erfinder-Unternehmer, die ja eben geradezu das Synonym für den amerikanischen Pioniergeist sind?

Banse: Das würde ich auf jeden Fall sagen. Also Steve Jobs hat einfach völlig revolutioniert unser Verhältnis zur Technik. Er hatte einfach ein geniales Gespür dafür, ohne Marktforscher und ohne Wissenschaft die Lücken in unserem Leben zu erkennen, von denen wir noch gar nicht wussten. Und mal war diese Lücke eben so groß wie ein iPod, mal wie ein iPhone und mal wie ein iPad, und das hat er gekonnt wie niemand anderes. Und er hat dann die existierenden Techniken genommen und sie auf eine Art und Weise zusammengebaut, wie es einfach niemand anderes in dieser Industrie geschafft hat.

Und er hat wie gesagt Technik menschlicher gemacht. Er hat das, was in Technik immer schon drin steckte, zugänglich gemacht durch Design, durch die Kunst des Weglassens, durch die Schaffung eines ganzen Ökosystems, in dem diese Technik lebt, sie uns zugänglich, bedienbar zu machen und damit viel, viel mehr dieses Potential, was in ihnen drinsteckt, wirklich auszubeuten und sichtbar und nutzbar zu machen, wie es vor ihm keiner geschafft hat.

Und dazu kommt eben, dass er nicht nur ein Erfinder ist, sondern auch tatsächlich ein genialer Geschäftsmann. Also nach seiner Rückkehr 1997 zu Apple hat er den Umsatz fast verzehnfacht, Anfang des Jahres war Apple mal kurze Zeit die wertvollste Firma der Welt – die machen mit jedem iPhone ein paar hundert Dollar Gewinn. Das alles zusammen, denke ich, stellt ihn auf jeden Fall in eine Liga mit Edison, dem Erfinder der Glühbirne.

Burg: Lassen wir seine Karriere noch mal Revue passieren: Am 1. April 76 gründen Steve Jobs und sein High-School-Kumpel Steve Wozniak Apple Computer, verkaufen ihre Hardware an Computer-Nerds – Steve Jobs hat mal gesagt, er hatte Glück, dass er sich mit Computern beschäftigt hat, als es noch eine junge, idealistische Branche war. Vielleicht war dieser Aufstieg von Steve Jobs tatsächlich nur in dieser Zeit möglich, aber was hat ihn, Steve Jobs, so besonders gemacht?

Banse: Ja, er hat halt früh erkannt, was es bedeuten könnte, wenn Computer nicht nur in großen Büros, in großen Hallen stehen und von mehreren Leuten und von Industrieunternehmen nur bezahlt werden können, sondern wenn man es schaffen würde, diese Technik – das war immer die rote Linie in seinem Leben – allen zugänglich zu machen oder vielen zugänglich zu machen. Er hat dann angefangen, einen persönlichen Computer zu entwickeln, den Apple 2. Das ist ein visionäres Produkt, der gilt halt als der erste wirklich persönliche Computer, PC, Personal Computer, und hat es dann mit viel Energie und Einsatz und finanziellem Einsatz versucht zu vermarkten, hat da alles auf eine Karte gesetzt, hat dann Apple gegründet mit Steve Wozniak zusammen 1976, aber die Vermarktung hat damals noch nicht geklappt. Das war noch nicht so das richtige Produkt, das war noch zu sperrig, noch zu teuer, und da hat ihn dann Apple 1985 gefeuert.

Und da sagt Steve Jobs ja auch, das sei das beste, was ihm passieren konnte. Da wurde ein Schnitt gemacht, und er hat so ganz nebenbei Pixar mit aufgebaut, also eine bis heute führende Filmfirma für Animationsfilme. Er hat auch Next gegründet, eine Softwarefirma, die dann später von Apple gekauft wurde. Und dann hat ihn Apple 1997 zurückgeholt. Ja, und ab dann begann eigentlich so auch die kommerzielle erfolgreiche Phase seines Wirkens.

Er hat dann halt den iMac auf den Markt gebracht, also einen bunten Computer, der so dieses persönliche Computern völlig revolutioniert hat. Dann kam der iPod, der auch bestehende Technik genommen hat – das war alles schon da, aber er hat es halt zu einem Ökosystem zusammengebaut mit iTunes zusammen, zu einem Musikimperium. Dann kam das iPhone, was die Telefonindustrie völlig auf den Kopf gestellt hat und bis heute noch viele Firmen überfordert, das auch nur ansatzweise zu kopieren. Ja, und dann kam das iPad, was das mobile Rechnen und die mobile Nutzung von Computern völlig revolutioniert hat.

Burg: Ganz wichtig bei Apple ist ja immer wieder das Design. Die Geräte sollen nicht nur funktional sein, sondern auch Spaß machen, sexy sein. War das eigentlich schon immer wirklich Teil dieser Firmenphilosophie?

Banse: Am Anfang glaube ich nicht. Also in dieser ersten Phase stand das, glaube ich, nicht im Vordergrund, aber spätestens nach der Rückkehr von Steve Jobs 1997 zu Apple stand das sicherlich im Vordergrund: Da war der iMac, das waren halt diese bunten, quietschbunten Kisten, die halt weggingen von diesem Einheitsgrau, das bis dahin die Zuhause-Computer quasi beherrscht hat – alles war grau, alles war irgendwie unerfreulich und nicht schön, und iMac war dann so der erste Computer, den man auch gerne anguckte.

Und dann kam der iPod und das iPhone, und da war klar, dass er den Nutzer im Blick hat. Ihnen soll das Gerät Spaß machen, es soll ihnen dienen, und sie sollen nicht die ganze Zeit damit kämpfen, dieses Gerät zu etwas zu bringen, von dem sie denken, dass es das eigentlich tun sollte, sondern es sollte sich von selbst ergeben. Und dieser Fokus, der erst mal ganz banal klingt, weg von da ist ein Gerät und wir können das alles bauen und das hat die und die tollen Eigenschaften hin zu da gibt es Nutzer und die sollen das benutzen und denen soll das Gerät dienen. Und es soll schön aussehen und Spaß machen. Das hat dazu geführt, dass es eben mehr als Produkte wurden, sondern es wurde zu so einem Lebensstil und für viele ja auch zu einer Religion, wo die Leute dann da tagelang vor den Apple-Stores …

Burg: … kampieren, ne?

Banse: … kampiert haben, und ja jetzt auch wirklich – auf Twitter und Facebook sieht man das ja auch – das sind ja wirklich fast schon religiöse Züge, die diese Trauer annimmt.

Burg: Der Apple-Mitbegründer Steve Jobs ist tot. Wir lassen noch einmal seine Karriere Revue passieren hier im Deutschlandradio Kultur mit unserem Computerexperten Philip Banse. Philip Banse, 1996 hat Steve Jobs die Wende der Firma vorausgenommen und gesagt: Der Krieg der PCs ist vorbei, Microsoft hat schon vor langem gewonnen. Stattdessen hat er sich dann der Mobiltechnik zugewandt. Es gibt Stimmen, die sagen, das war unter allen Innovationen von Steve Jobs die größte. Was sagen Sie?

Banse: Es ist immer schwer zu sagen, weil er so viel gemacht hat, aber sicherlich, diese Erkenntnis zu sehen, dass mit der Technik, die da am Horizont steht, mit dem Internet, mit der mobilen Vernetzung, mit der fortlaufenden Miniaturisierung der Technik und mit der gleichzeitigen Leistungszunahme dieser Technik, dass das dazu führt, dass wir Computer nicht mehr primär am Schreibtisch oder im Büro, stationär zuhause benutzen sondern eben vor allen Dingen unterwegs, das ist sicherlich eine seiner ganz großen Erkenntnisse, die er eben schon früher als viele andere gehabt hat und vor allen Dingen die er konsequenter umgesetzt hat als viele andere. Und er hat es halt nicht vorschnell gemacht.

Er hatte diese Erkenntnis, das iPad und das iPhone, das sind keine Schnellschüsse gewesen. Die lagen – zumindest die Konzepte und so diese Technik des Displays –, das lag sehr lange bei Apple, und er war aber nie damit zufrieden. Es war nie perfekt, es hat nie richtig funktioniert, und deswegen hat es Jahre gedauert, bis er das dann mal gemacht hat. Auch das iPad, dieses Konzept eines Tablet-Computers, das hat Microsoft schon vor Jahren ausprobiert. Es ist gescheitert. Diese Idee ist seit Jahren im Umlauf, aber es hat einfach niemand so durchdacht und so perfekt exekutiert und vermarktet, wie das Steve Jobs gemacht hat.

Burg: Die große Frage ist jetzt natürlich: Wird diese innovative Kultur, die er geschaffen hat, weiterleben? Würden Sie denn, von dieser Präsentation gestern ausgehend, als das iPhone präsentiert wurde, schon eine Vermutung wagen?

Banse: Ja, da wird natürlich jetzt viel spekuliert, also denke ich, klar ist, dass Tim Cook der Nachfolger an der Spitze von Apple, von Steve Jobs, dass der nicht das Charisma hat eines Steve Jobs. Das, denke ich, ist bei dieser Präsentation klar geworden. Der hat ein Telefon präsentiert, was ein gutes Telefon ist, was besser ist als das, was wir jetzt haben, aber es hat keine Euphorie ausgelöst. Man kann jetzt spekulieren, was passiert wäre, wenn Steve Jobs dieses Telefon vorgestellt hätte. Wahrscheinlich wäre die Begeisterung doch ein Stück größer gewesen.

Natürlich – ich habe es gesagt –, diese Produkte sind nicht nur Produkte, sondern sie sind für viele ein Lebensstil, eine kleine Religion geworden. Das sind sie geworden, weil Steve Jobs da war. Jetzt ist natürlich die Frage: Kann man das so weiterführen mit jemanden, der einfach ein normaler Unternehmensführer ist? Ich bin gespannt drauf, was die Produkte angeht. Natürlich sind die Produkte, die jetzt so in den nächsten ein, zwei Jahren auf den Markt kommen, vielleicht drei Jahren, noch – sagen wir mal – auf dem Mist von Steve Jobs gewachsen, das wird aber natürlich nicht ewig so bleiben.

Also ich glaube nicht, dass es jetzt sofort bergab geht, aber ich habe ehrlich gesagt so ein bisschen doch Angst, dass dieses Visionäre etwas verloren geht – auch wenn Steve Jobs natürlich seinen Mitarbeitern das alles eingeimpft hat. Die wurden geschult, wie man so ein Unternehmen führt, und an das ganze Mantra von Steve Jobs wurden die natürlich Jahrelang gewöhnt, aber ich habe trotzdem das Gefühl, so einer wie er, den gibt es halt nur zwei-, dreimal im Jahrhundert, und das war es dann. Und deswegen muss man mal abwarten. Ich bin gespannt, also, dass das jetzt ewig so gut weitergeht, das glaube ich nicht.

Burg: Ein großer Visionär ist tot, die Meldung kam in der Nacht. Steve Jobs ist seinem Krebsleiden erlegen. Darüber sprach ich mit unserem Computerexperten Philip Banse. Vielen Dank!


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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