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Vollbild | Beitrag vom 24.11.2018

Ein Film über Alexander McQueenModedesigner und tragischer Visionär

Moderation: Susanne Burg

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Designer Alexander McQueen während der Präsentatin seiner Herbst-Winter-Kollektion 2006/2007 in Paris.  (picture alliance/dpa/Foto: Java)
Designer Alexander McQueen im März 2006 während der Präsentatin seiner Herbst-Winter-Kollektion 2006/2007 in Paris. (picture alliance/dpa/Foto: Java)

Alexander McQueen war eine Lichtgestalt der Modebranche, vielen war er aber auch ein Rätsel. Die Filmemacher Ian Bonhôte und Peter Ettedgui haben den Dokumentarfilm "Alexander McQueen" gedreht und dafür auch unbekannte Aufnahmen des Designers aufgespürt.

Zahlreiche Bücher sind über Alexander McQueen erschienen, Ausstellungen in New York und London haben sich mit seiner Mode beschäftigt. Und jetzt kommt auch ein Dokumentarfilm über den Mann ins Kino: "Alexander McQueen" heißt er und er beleuchtet den Aufstieg von Lee McQueen, diesem Arbeiterkind aus London, zu Alexander McQueen, der schillernden Persönlichkeit, der in den 90er Jahren die Modewelt aufmischte und 1997 überraschend zum Designer der Haute Couture bei Givenchy bestellt wurde. McQueen hatte mit vielen Widerständen zu kämpfen, auch mit eigenen. Im Jahr 2010 nahm er sich das Leben. Die beiden Filmemacher Ian Bonhôte und Peter Ettedgui haben Weggefährten von McQueen interviewt und viel Archivmaterial gesichtet. Ich habe mit beiden gesprochen und erst mal Ian Bonhôte nach seinem Interesse an Alexander McQueen gefragt.

Ian Bonhôte, Co-Regisseur des Films "Alexander McQueen" (Imago)Ian Bonhôte, Co-Regisseur des Films "Alexander McQueen" (Imago)Ian Bonhôte: Ich hatte ihn nie getroffen, und ich bin 1997 als Filmstudent nach London gezogen. Und das war zwei Monate bevor Lee den Job als Kreativdirektor bei Givenchy übernommen hat. Er war ständig in den Schlagzeilen und eine kulturelle Größe in England. Ich habe in einem Club gearbeitet, direkt neben seinem Studio am Hoxton Square. Und ich habe ihn häufig mit seinem Hund spazieren gehen sehen und mit seiner Crew. Sie waren die coolen Kids. Und dass sie von einem so großen Modelabel unterstützt wurde, machte sie noch erfolgreicher und populärer.

Susanne Burg: Peter Ettedgui, was hat Sie an Alexander McQueen interessiert?

Peter Ettedgui: Ich komme vom Spielfilm. Aber vor vier, fünf Jahren habe ich mit Dokumentarfilmen angefangen, und ich fand es eine großartige Möglichkeit, um  Geschichten zu erzählen. Als ich von dem McQueen-Projekt hörte, wollte ich unbedingt mitmachen, auch weil mein Vater, Joseph Ettedgui, eine wichtige Person in der Londoner Modeindustrie von den 1980ern bis in die frühen 2000er-Jahre war. Er besaß Modeläden, "Joseph", und verkaufte dort die Mode der jungen, aufstrebenden Designer. Er ging auch zu den ersten McQueen-Modeschauen und fand ihn faszinierend. Er erzählte immer, dass McQueen anders war als die Schlagzeilen in den Zeitungen es nahelegten, dass er nicht nur Skandale produzierte und der Punk der Modeszene war. Mein Vater hielt ihn für einen genialen Designer, der mit großer Hingabe jedes Detail seines Handwerks lernte. Und diese Diskrepanz aus Schlagzeilen und jemandem, der traditionelles Handwerk liebte, fand ich faszinierend.

"Kannte die Kunst, aber wusste weniger über sein Leben"

Burg: War das dann auch der Ansatz für den Film, den Menschen und Künstler jenseits der Schlagzeilen zu beleuchten?

Bonhôte: Ja, auf jeden Fall. Es gab ja zwei Alexander McQueen-Ausstellungen: 2011 im Metropolitan Museum of Art in New York und 2015 im Victoria & Albert Museum in London. Und da begann die Legendenbildung. Man kannte die Kunst, aber wusste weniger über das Leben von McQueen. Als Filmemacher ist es interessant zu schauen, wie Kunst entsteht und wie ein Künstler wächst. Wir wollten wissen, wie aus Lee, diesem 15jährigen übergewichtigen schwulen Jungen aus einfachen Verhältnissen im Londoner East End dieser erfolgreiche, wohlhabende Alexander geworden ist, der die Modeindustrie erobert hat, aber unglücklich aussah und sich schließlich das Leben nahm. Lee hat immer gesagt: Wenn ihr mich verstehen wollt, schaut meine Mode an, sie ist autobiographisch. Das war unser Ausgangspunkt.

Burg: Sie arbeiten viel mit Archivmaterial. Als Sie das gesichtet haben, wie hat sich diese Entwicklung von einem Arbeiterkind zu einem Superstar in den Interviews gezeigt und inwieweit sollte das Teil der Textur Ihres Filmes werden?

Ettedgui: Wir hatten mit ungefähr 200 verschiedenen Archiven und Archivquellen zu tun. Und dieses Material, das uns interessiert, der Mann hinter den Schlagzeilen, das stammt in erster Linie von seinen Freunden. Die mussten uns aber erst mal vertrauen. Als wir Material sahen, verliebten wir uns vor allem in die Zeit vor Givenchy. Da war er so überschwänglich und charmant und so natürlich in der Art, wie er mit Menschen umging. Und je berühmter er wurde, desto weniger Material gibt es in dieser Hinsicht. Alles war so viel stärker kontrolliert und reguliert, in seinem Leben und bei Givenchy. Auch seine Freunde versuchten, ihn abzuschirmen, stellten sicher, dass es keine Bilder aus seinem Privatleben gab. Was uns also interessiert hat, war, dass es einen Lee McQueen am Anfang gab und einen Alexander McQueen am Ende. Und der Kontrast war stark.

Präsentation der Herbst-Winter Kollektion 1998/99 von Designer Alexander McQueen in Paris. (picture alliance/dpa/Foto: Joel Saget)Präsentation der Herbst-Winter Kollektion 1998/99 von Designer Alexander McQueen in Paris. (picture alliance/dpa/Foto: Joel Saget)

Bonhôte: Wenn Sie es mit einem Spielfilm vergleichen: Alexander McQueen ist der Filmheld. Wir haben Interviews von Menschen, die ihn und was ihn ausgemacht hat wirklich gut beschreiben, aber nichts ersetzt Szenen, in denen Lee seinen Hund küsst oder mit seinen Freund in der Wohnung herumalbert und tanzt. Diese Szenen geben eben noch mal anders Einblicke in sein Leben.

Den Karrierehöhepunkt im Alter von 25/26

Burg: Sie haben erwähnt, dass Sie neben dem Archivmaterial auch Interviews geführt haben, z.B. mit Lees Schwester Janet oder mit seiner guten Freundin Isabella Blow. Manche Themen vertiefen Sie aber nicht, wie das doch auch zerrüttete Verhältnis zu seiner Schwester oder den Umstand, dass Isabella Blow, kurz bevor sie sich das Leben nahm, ihn um Hilfe bat, er aber nicht kam, weil er gerade zu sehr mit Kokain zugedröhnt war. Sein Drogenkonsum taucht nur am Rande auf. Peter Ettedgui, wo haben Sie die Grenzen gezogen, was Sie in den Film genommen haben und was dann doch zu privat war?

Ettedgui: Manchmal entstehen die Grenzen ganz natürlich, weil Menschen einfach nicht über bestimmte Dinge reden. Aber noch viel wichtiger: Die Themen, die Sie ansprechen, tauchen alle im Film auf. Aber man muss vorsichtig sein. McQueen hat immer gesagt: In seiner Arbeit ging es ihm um Ausgewogenheit und um Proportionen. Und das haben wir auch auf den Film übertragen. McQueen redet im Film selbst über seinen Drogenkonsum und über die dunkleren Seiten seiner Sexualität. Und das ist gut, dass er es macht und nicht andere. Wenn man das ein- oder zwei Mal mit reinnimmt, ist das in Ordnung. Wenn man aber seinen Kokainkonsum stärker thematisiert, dann wird es schnell ein Film über Sucht und McQueens Drogenkonsum. Einen solchen Film wollten wir nicht machen, teilweise auch, weil wir fanden: 'Hallo, es waren die 90er-Jahre in der Londoner Modeszene, jeder hat gekokst.'

Bonhôte: Und der Kokainkonsum bei McQueen ist ein bisschen das Resultat anderer Themen. Er wurde als Kind sexuell missbraucht, er war unglücklich mit seinem Äußeren, der Druck in der Modeindustrie war riesig, er fand keine Balance zwischen seinem Privatleben und seiner Arbeit. Wenn man sich Sucht anschaut, spielen auch die Themen dahinter eine Rolle. Das hat uns interessiert.

Und wir müssen auch bedenken, dass McQueen den Höhepunkt seiner Karriere im Alter von 25, 26 erreicht hat. Da hat er den Schlüssel für eines der renommiertesten Haute Couture-Modelabels bekommen. Plötzlich hat er unglaublich viel Geld zur Verfügung gehabt, viel Spielzeug und auch eine Menge Druck. Er wollte den Ruhm, aber wenn man ihn dann hat, merkt man, dass es nicht einfach ist. Wir haben nicht immer das nötige Handwerkszeug, um damit umzugehen.

Burg: Ja, Sie zeigen ja vor allem am Ende den Druck, der ihm sichtlich zu schaffen macht.

Ettedgui: Ja, die Leute wollen immer wissen, was am Ende den Ausschlag gegeben hat, dass er sich umbrachte, für uns war es immer ein toxischer Cocktail aus verschiedenen Zutaten. Einige davon kamen aus seiner Kindheit. Es gab den Druck, seine Mutter war gestorben und konfrontierte ihn auch mit seiner eigenen Sterblichkeit, denn er war ja auch HIV positiv. Es gab viele unterschiedliche Aspekte.

Burg: Sehr interessant sind auch die Szenen, in denen Sie McQueen bei der Arbeit zeigen. Da versteht man viel über seinen kreativen Prozess. Können Sie sagen, was ihn in seinem Ansatz so herausstechen ließ in der Modeindustrie?

Ettedgui: Jeder, den wir interviewt haben, hat über die Art und Weise gesprochen, wie McQueen im Studio war. In einem Moment ist er herumgesprungen und hat gelacht und gescherzt, und im nächsten Moment hat er angefangen zu arbeiten und war eine andere Person. Und mehrere Menschen, die nicht religiös sind, sagten, es wirkte, als sei er ein Medium für eine höhere Macht gewesen. Dieser Instinkt, mit dem er gearbeitet hat, die technische Fertigkeit, an der er auch immer weiter gearbeitet hat, und seine visionären Fähigkeiten. Er war in der Lage, etwas, das er noch nicht entworfen hatte, so zu beschreiben, als gäbe es das fertige Produkt bereits, bis ins kleinste Detail. Wir haben verstanden, dass wir es mit einem Künstler zu tun hatten. Mode war das Medium, mit dem er sich ausgedrückt hat.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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