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Thema / Archiv | Beitrag vom 13.05.2011

"Ein europäisches Brückenbauprojekt"

ESC-Experte glaubt, dass sich bald auch nordafrikanische Länder am Eurovision Song Contest beteiligen werden

Jan Feddersen im Gespräch mit Alexandra Mangel

ESC-Siegerin Lena Meyer-Landrut beim Autogrammeschreiben in ihrer Heimatstadt Hannover (AP)
ESC-Siegerin Lena Meyer-Landrut beim Autogrammeschreiben in ihrer Heimatstadt Hannover (AP)

Am Samstagabend wird Lena Meyer-Landrut in Düsseldorf versuchen, ihren Titel beim Eurovision Song Contest (ESC) zu verteidigen. Für den ESC-Experten Jan Feddersen hat der seit 1956 ausgetragene Wettbewerb auch eine wichtige völkerverbindende Funktion.

Alexandra Mangel: Gesa Ufer erinnerte an die Lena-Euphorie des letzten Jahres und führt uns gleich zur ersten Frage an Jan Feddersen, seit über 40 Jahren treuer Begleiter dieses Wettbewerbs und wohl sein bester Kenner. Herr Feddersen, ich grüße Sie in Düsseldorf!

Jan Feddersen: Und ich grüße Sie, Frau Mangel, in Berlin!

Mangel: Kann sie die erste sein? Kann Lena diesen Titel verteidigen?

Feddersen: Ja, das kann sein, ja, das kann aber auch nicht sein. Und ich würde sagen, eine Siegerin bleibt sie allenthalben. Das ist nun tatsächlich mit der schwierigste Pop-Wettbewerb, den das überhaupt auf der Welt gibt, und jeder, der an diesem schon mal teilgenommen hat und zumal gewonnen hat, zum Beispiel Johnny Logan, weiß, wie Gold im Grunde genommen ein Sieg sein kann. Und Lena hat bereits gewonnen, sie kann nicht mehr verlieren.

Mangel: Wer wird ihr denn besonders gefährlich werden? Wen sehen Sie ganz vorne?

Feddersen: Ja, das ist eine ziemlich moderne Komposition – oder man könnte sagen ein Act, das heißt eine Bühnendarstellung – aus Aserbaidschan von einem sehr jungen Mann und einer dann zehn Jahre älteren Frau. Das ist sehr smart, und das klingt sehr modern, wie Pop eben heute ist. Und mein Favorit ist ganz eindeutig ein junger Mann, der im Moment an den tonangebenden Sound junger Männer erinnert, so wie James Blunt oder Jack Johnson, der heißt Paradise Oskar, kommt aus Helsinki und singt uns von einer besseren Welt.

Mangel: Nun hat der Wettbewerb ja tatsächlich wieder richtig an Fahrt aufgenommen. Jahrzehntelang war das vor allem die Kultveranstaltung einer schwulen Community, jetzt interessiert sich offenbar wieder ein Massenpublikum für den Eurovision Song Contest. Wie kommt das, liegt das allein an Lena?

Feddersen: Ich hab ja den Bericht unserer Kollegin Gesa Ufer auch gehört, und wer bin ich, der sie da korrigieren dürfte? Aber eine Nischenveranstaltung ist dieser Song Contest nie gewesen. Man könnte sagen, für die kulturell orientierten Feuilletons ist das immer ein Objekt gewesen, das man ignoriert hat, und zwar könnte man sagen, gegen den Programmauftrag ganz vorsätzlich! Tatsächlich ist diese Show immer über die Jahre die erfolgreichste Entertainment-Show in der ARD gewesen und jedes Jahr haben über 120 Millionen in etwa zugeguckt – und durch Lena ist das eigentlich im Grunde genommen hypiger oder angesagter geworden. Das hat aber wiederum was mit ihrem Siegesstatus zu tun, dass es in Deutschland stattfindet. Aber ansonsten hat diese Modernisierung des früher Grand Prix d’Eurovision genannten Wettbewerbs bereits 1997 begonnen, als Televoting für die Länder zumindest Halb-Pflicht wurde, dann sind die Sprachen freigegeben worden, die Orchester sind abgeschafft worden, da kann man als Traditionalist sagen, schade, schade, schade, aber das hat ermöglicht, dass moderne Pop-Produzenten eben auch an dem Wettbewerb teilnehmen konnten.

Mangel: Aber dass der Wettbewerb wieder so jung – oder für so viele junge Zuschauer interessant geworden ist, ist das auch das Werk von Stefan Raab, der das ganze letzte Jahr hindurch "Unser Star für Oslo" zu so einer Art "Europa sucht den Superstar" gemacht hat in Deutschland?

Feddersen: Ich würde sagen, medienlogisch ja, das heißt, Stefan Raab führt der ARD für das Finale das gesamte Zuschauerspektrum von Pro7 oder seiner TV-Total-Show zu, andererseits ist das Spektrum schon immer jung gewesen, und zwar schon seit sehr vielen Jahren. Man könnte sagen, stark verjüngt hat es sich durch die Präsenz von Guildo Horn 98. Es dauert möglicherweise noch in Deutschland ein paar Jahre, dass man auch in unserem Land eigentlich im Grunde genommen ganz lässig darüber nachdenkt, dass als einen spielerischen, ernst zu nehmenden Wettbewerb nimmt, wo das gar nicht darauf ankommt, ob da jetzt gerade die coolste Musik von Berlin-Mitte gespielt wird.

Mangel: Wir sprechen im "Radiofeuilleton" mit Jan Feddersen in Düsseldorf, dem Grand-Prix-Kenner und –Begleiter seit über 40 Jahren. Herr Feddersen, 30 Millionen Euro wird das ganze Spektakel kosten – mehr als 12 Millionen trägt die ARD, 10 Millionen die Stadt Düsseldorf, den Rest die privaten Sponsoren, und man bezweifelt sehr, dass Ticketverkäufe, Werbeeinahmen und Marktanteilzuwächse am Ende verhindern werden, dass die ARD draufzahlen muss. Da kann man sich kaum vorstellen, dass die ARD-Verantwortlichen sich über einen weiteren Sieg von Lena wirklich freuen würden. Dann müssten sie das Festival ja nächstes Jahr wieder ausrichten und zahlen. Ist es also doch da – zumindest auf der Seite – getrübte Vorfreude?

Feddersen: Wenn man die gesamte Produktionssumme runterrechnet in die Sendeminuten, die die ARD aus diesem ganzen Projekt ziehen kann, ist eigentlich die Kostenhöhe gar nicht so beeindruckend. Andere Events kosten auch viel Geld – und oft sehr viel mehr Geld –, also die Fragen stellen wir uns im Zusammenhang mit dem Fußball nicht, wir stellen uns auch diese Fragen nicht, wenn im Zusammenhang beispielsweise mit der Fußball-Europameisterschaft im kommenden Jahr in der Ukraine und Polen wir wahrscheinlich sehr viele Sondersendungen in Sachen Jogi-Löw-Truppe bekommen werden. Das gehört dann einfach mit dazu! Das gehört auch etwas – wenn man so will – zu einem kollektiven Phantasma, dass man an etwas gemeinsam in einem Bilderbereich zusammen erleben möchte. Und hier bei Lena, wenn man so will, bei der Titel-Verteidigungsshow, ist das aus der Perspektive der ARD heraus eine Geschichte, die man gut mit dem Programmauftrag glaubt, in Verbindung bringen zu können.

Mangel: Es ist ja das einzige Festival, das seit über 5 Jahrzehnten Europa verbindet, also die einzige europaweite Mitmachshow, man ist gespannt, wie sich die einzelnen Länder präsentieren, wer wem nun Punkte gibt oder eben auch nicht gibt, …

Feddersen: Ja, allerdings!

Mangel: … wie viel hat diese Show allein dadurch so für die Entstehung von so einer Art europäischem Bewusstsein oder europäischem Geist getan? Was würden Sie sagen?

Feddersen: Mit einem kühlen kulturwissenschaftlichen Blick könnte man sagen, das ist durch die öffentlich-rechtlichen Sender zunächst – der nicht-sozialistischen Welt – ist das ein Wettbewerb gewesen fast der kulturellen Zwangsbeglückung, da mussten Finnen lernen, Italiener auszuhalten, die sie für völlig enthemmt gehalten hatten an einem Abend, eben bei diesem Eurovisions-Abend – und umgekehrt haben italienischen oder spanische Zuschauer Interpreten aus Finnland eigentlich für völlig emotionslos gehalten. Und das hat sich aber kulturell angenähert, und man könnte sagen, dass dieser Eurovision Song Contest ein europäisches Brückenbauprojekt ist, um nicht zu sagen, das einzige kulturelle Projekt, das wirklich alle Länder miteinander verbindet …

Mangel: … wo also so Differenzen zwischen Nationen auf völlig friedlichem Wege auch per Punktvergabe ausgetragen werden …

Feddersen: … na, geht so!, darf ich da einwenden. 75 war das so, dass die Türkei teilnahm, aber Griechenland daraufhin verzichtete, und so weiter, und so weiter. Diese Geschichten haben sich inzwischen harmonisiert, und ich schätze, dass die nächste Hürde sein wird, die Integration der Mittelmeerstaaten des südlichen Randes, denn die Eurovision ist eine Senderkette, dazu gehören auch die maghrebinischen Staaten und einige des Nahen Ostens. Und ich schätze mal, die wollen im Laufe der nächsten fünf, sechs Jahre, wenn die Demokratisierungsbewegung dort das Leben frisch hält, wollen dann mitmachen. und dann werden sie gezwungen sein, Israel auszuhalten, und umgekehrt. Und das ist ein Prozess, den ich doch allerschärfstens begrüße.

Mangel: Das Finale des Eurovision Song Contest, morgen in der ARD. Um 21 Uhr geht es los, und das war Jan Feddersen, der den Grand Prix de la Chanson – heute eben Eurovision Song Contest – seit über 40 Jahren so intensiv verfolgt wie wohl kein zweiter, Autor mehrerer kluger Bücher auch über diesen Wettbewerb, aus Düsseldorf heute. Danke, Herr Feddersen, dass Sie Zeit für uns hatten!

Feddersen: Danke, Frau Mangel!


Links bei dradio.de:

Lena versucht's noch mal - Das Finale zum Eurovision Song Contest in Düsseldorf

Interview vom 31.05.2010: "A Star is born!" - Berliner Ex-Kultursenator: Lena ist ein Naturtalent (DLF)

Kultur heute vom 30.05.2010: Wir sind Lena - Deutschland siegt nach 28 Jahren wieder beim Schlager-Grand-Prix (DLF)

"Aktuell" vom 30.05.2010: Lena holt Eurovision-Song-Contest nach Deutschland - 19-Jährige gewinnt Musikwettbewerb mit deutlichem Vorsprung

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