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Fazit / Archiv | Beitrag vom 26.02.2012

Ein Cyber-Visionär

David Gelernter bei den "Berliner Lektionen"

Von Arno Orzessek

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David Gelernter war einst ein Visionär, der den Welterfolg des World Wide Web frühzeitig vorausgesehen hat.  (AP)
David Gelernter war einst ein Visionär, der den Welterfolg des World Wide Web frühzeitig vorausgesehen hat. (AP)

Die Reihe "Berliner Lektionen" hat 25 Jahre das kulturelle Leben der Stadt mitgeprägt. Nun war bei der vorletzten Veranstaltung der amerikanische Computer-Guru David Gelernter zu Gast.

Es war eine ausgesprochen kulturkonservative Lektion, die David Gelernter dem Publikum im Renaissance-Theater erteilte. Der Informatiker und Pionier des Cloud Computings - der sogenannten Rechnerwolke-Technologie - huldigte erwartungsgemäß nicht den digitalen Maschinen. Er huldigte dem Buch, der Schrift und zu allererst den Worten als solchen.

David Gelernter: "Weil die Worte uns zu Menschen machen, weil die Worte das wertvolle Material sind, aus dem wir Kommunikantion und Literatur und manchmal das Denken selbst gestalten, ist es nur natürlich, dass wir vorsichtig mit ihnen umgehen und sie mit Respekt behandeln sollten. Letztendlich ist die Würde der Worte die Garantie für die Ernsthaftigkeit der westlichen Gesellschaft, die Garantie dafür, dass wir meinen, was wir sagen."

Der berühmte Computer-Skeptiker Gelernter sieht die Integrität der Sprache nicht zuletzt als Medium der Vernunft und Wissenschaft im Cyberspace gefährdet. Und zwar weil dort der Pulsschlag - der "Cyberpuls", wie Gelernter formulierte - übermenschlich hoch sei.

"Der Cyberspace ist zunächst insofern gefährlich, als er das Tempo oder den Informationsdurchsatz oder den Cyberpuls in unserer Zivilisation steigert, in immer schnelleren und schließlich in gefährlichen Raten. Wir alle wissen das. Allerdings ist es nötig, die üblen Auswirkungen des exzessiv hohen Cyberpuls’ auf das Lesen und Schreiben im Rahmen der Produktion von Wissen und Erkenntnis in der modernen Welt zu betonen."

Einerseits zeigte sich David Gelernter um die Schreib- und Lesekompetenz der jungen Leute sehr besorgt und sprach sich emphatisch für guten Schulunterricht in den klassischen Kulturtechniken aus. Andererseits musste er anerkennen, dass viele junge Leute jede Menge Spaß an der digitalen Kommunikation haben und sie wie selbstverständlich in den Mittelpunkt ihres Alltags rücken. Gelernter, der im Renaissance-Theater seinen eigenen Sohn dabei hatte - der bediente Notebook und Beamer - überzog die Online-Generation indessen mit Kritik und Spott:

"Einige junge Leute wissen nichts mit sich anzufangen, wenn der ständige Fluss von Mails, Telefonanrufen, Textnachrichten und Postings in den sozialen Netzwerken vorübergehend nachlässt oder ganz stoppt. Das sind Leute, die ihr Leben dem Unterbrochenwerden widmen. Sie sind Teil eines leeren passiven Mediums, durch das Informationswellen fließen. Mit anderen Worten: Es ist fundamental stumpfsinnig. Es läuft auf eine Art von Gruppen-Narzissmus hinaus."

Mit viel Engagement beleuchtete David Gelernter den Unterschied zwischen den echten Dingen, die wie ein Briefumschlag eine Außenseite und eine verlässliche Erscheinungsweise haben, und den virtuellen Dingen, die wie eine Email nur noch eine Innen- aber keine Außenseite mehr haben. Teils hatte die kulturkritische Tour d’Horizon erheblichen philosphischen Tiefgang, manchmal aber klang Gelernter, als hätte er sich die Manufactum-Parole zu eigen gemacht: "Es gibt sie noch, die guten Dinge". Und das Beste unter diesen Dingen ist und bleibt für Gelernter, der in vielen Gedankengängen von seinem jüdischen Glauben und damit der elementaren Hochachtung der Schrift geprägt ist, das gedruckte Buch.

Gelernter: "”Für die meisten Menschen ist es ziemlich hart, ein Buch wegzuwerfen, ob sie es nun mögen oder nicht. Wir erinnern uns an historische Bücherverbrennungen als Verbrechen gegen die Zivilisation. Aber es ist ganz leicht, eine Million digitaler Zeichen mit einem einzigen Tastendruck zu löschen.""

Für eine Weile musste man im Renaissance-Theater glauben, David Gelernter würde seinen Vortrag über "Anti-computing" und "anti-Web" unversöhnlich beenden und die digitale Technologie als großes Zivilisations-Übel und Verdummungsvehikel brandmarken.

Am Ende jedoch rief der Mann, dessen Fachkenntnisse seit der Ausarbeitung der Programmiersprache Linda 1983 legendär sind, zur Versöhnung der Welten auf.

Gelernter: "”Die wirkliche Welt und die virtuelle Welt oder die wirklichen Wörter und die virtuellen Wörter können zusammenarbeiten - wenn wir sie nur lassen!""

David Gelernter war einst ein Visionär, der den Welterfolg des World Wide Web frühzeitig vorausgesehen hat. Nun interessiert ihn am meisten, wie das omnipotente Werkzeug auf unsere Bedürfnisse abgestimmt werden kann.

David Gelernter: "”Wir wollen Ästhetik, Kunst und Design wieder in die Ausbilung der Technologen und Ingenieure integrieren. Wie sollten sie im Malen und im Desing genaus unterrichten wie in Mathematik und Naturwissenschaften. Ebenso wichtig ist gute Ästhetik, Kunst und Desing in der Erziehung der Kinder. Das ist der einzige Weg, die Welt in der Cybersphäre menschlich zu halten, der einzige Weg, auf dem wir hoffen können, die Würde der Welt und des Wortes in einer neuen Ära zu bewahren.""

Im Renaissance-Theater gab’s Beifall. Und erst recht, als David Gelernter witzelte, Rilke und Kafka hätten sich ganz prima ausdrücken können, obwohl es noch keine digitalen Smileys gab.

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