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Alte Musik | Beitrag vom 26.08.2020

Ein Concerto CriminaleDer kopflose Joseph Haydn

Von Richard Schroetter

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Ein Mann mit struppiger Frisur hält den Schädel des Komponisten über einen Sarg, in dem die restlichen Gebeine lagern. Der Mann ist von vielen Menschen und Reportern umringt. (Getty Images / Bettmann)
Der österreichische Dichter und Bildhauer Gustinus Ambrosi legt den Schädel Haydns in der Eisenstädter Kirche zu den anderen Gebeinen. (Getty Images / Bettmann)

Im Oktober 1820 ließ Fürst Esterházy den Leichnam Joseph Haydns exhumieren, um die vom Komponisten gewünschte Beisetzung in Eisenstadt zu vollziehen. Doch Haydns Kopf fehlte. Wie der verschwand und erst viel später wieder auftauchte, ist ein echter Krimi.

Es war ein Schock für den Fürst Esterházy, als er "seinen" Komponisten kopflos vorfand. Entrüstet über die Tat, informierte er umgehend den Polizeiminister. "Alle Naderer (östereichisch Spitzel) wurden in Bewegung gesetzt", doch ohne Erfolg. Es sollte noch bis 1954 dauern, bis die unschätzbare Reliquie wieder auftauchte und noch länger, bis die Gebeine wieder zusammenfanden.

Der Dieb: der fürstliche Privatsekretär

Der Täterkreis befand sich im Dunstkreis des deutschen Arztes und Anatom Franz Joseph Gall. Er hatte die Theorie aufgestellt, dass Begabungen und Neigungen wie Charakter an der Schädelform zu erkennen seien. Er versuchte, diesbezüglich Gesetzmäßigkeiten aufzustellen. Dafür legte er sich eine enorme Sammlung an. 

Auch der Privatsekretär des Fürsten Esterházy, Josef Carl Rosenbaum, war ein glühender Verehrer der Lehren Galls. Und er war es, der sich des Schädels kurz nach dem Begräbnis des Komponisten (1809) bemächtigte, um den genialen Kopf zu vermessen. Tatsächlich fand er in dem der Tonkunst zugeeignetem Bereich eine besondere Ausformung im Knochen.

Späte Rückkehr

Auf einem roten Kissen ruhend, wurde dieses Unikat in seinem Wohnzimmer aufbewahrt und gelangte über verschiedene Erben schließlich zum Wiener Musikverein. Lange wurde der Kopf des Komponisten dort als besonderes Stück präsentiert. Erst 1954 fand der Komponist endlich seine vollständige Ruhe in Eisenstadt. 

Ein reich verzierter Mamorsarkophag in einem schlichten, runden Raum. (imago images / imagebroker / iblman)Hier findet Haydn nun ganz und gar seine Ruhe: in einem Mausoleum in der Bergkirche Eisenstadt. (imago images / imagebroker / iblman)

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