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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 05.03.2010

Ein bunter Ballon

John Green: "Margos Spuren". Hanser Verlag, München 2010. 336 Seiten

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Quentins Suche nach Margo führt ihn durch Amerika. (AP)
Quentins Suche nach Margo führt ihn durch Amerika. (AP)

Der schüchterne Quentin war von klein auf von der rätselhaften Margo fasziniert. Als sie eines Tages verschwindet, wird Quentins Suche nach ihr zum großen Abenteuer der Selbstfindung. Nebenher erzählt John Green vom hässlichen Alltag an amerikanischen Highschools.

Schon als kleiner Junge war der schüchterne Quentin von der rätselhaften Margo verzaubert. Und noch heute, am Ende ihrer gemeinsamen Zeit auf der High School, bewundert er sie aus der Ferne. Doch dann steht sie eines Abends vor seinem Fenster und bittet ihn um Hilfe. Für eine Nacht wirft Quentin alle Ängste über Bord, und erlebt die "beste Nacht seines Lebens". Als Margo am nächsten Morgen verschwunden ist, macht er sich auf die Suche nach ihr. Auf eine Suche, die ihn und sein Leben verändern wird.

Ob Bildungs- oder Entwicklungsroman, Liebesgeschichte oder Roadmovie – John Greens "Margos Spuren" ist ein verrücktes, rasantes und zugleich melancholisches Buch über das Erwachsenwerden. Margo hat eine Spur hinterlassen, bestehend aus Büchern und Songtexten, Zetteln und Graffiti. Indem Quentin dieser Spur folgt, entfernt er sich von der Margo, die er kannte, und nähert sich dem Quentin, der er sein kann. Einem, der mutig genug ist, sich aus Sorge um Margo vom überbehüteten Therapeutensohn zum freiheitsliebenden Ausreißer zu wandeln. Als er sie endlich gefunden hat, tausende Kilometer entfernt, muss er sich entscheiden...

Einen besseren Erzähler als den mal altklugen, dann wieder schnoddrigen Quentin kann man sich für diesen schmerzhaft schönen Roman nicht vorstellen. Mal quasselt er witzig und charmant, dann redet er ernsthaft und erwachsen, mal ist er locker flockig im Schlagabtausch mit seinen Freunden, dann wieder wehmütig. Viele Gefühle bleiben unausgesprochen, aber spürbar, und manches Bild erzählt mehr als viele Erklärungen. Wie zum Beispiel das von Margo, die sich Quentin als einen frei schwebenden, bunten Ballon vorstellt.

John Greens Roman erzählt aber nicht nur von der Verwandlung eines sensiblen Jugendlichen, der sich seinen uneingestandenen Ängsten und Sehnsüchten stellt, der Toleranz lernt und Lebenslust und das Staunen darüber, wie wenig wir sogar von den besten Freunden wissen.

Unter der Oberfläche wabert unheimlich eine zweite Handlungsebene: der Alltag an einer amerikanischen Highschool mit seinen Cliquen und Ritualen, latenten Aggressionen und Unterdrückungsmechanismen. Wer die Jugendromane von Robert Cormier oder Morton Rhues "Ich knall Euch ab" kennt, findet hier – subkutan – eine ähnliche Atmosphäre wieder. John Greens Florida und Quentins Erfahrungen auf der Highschool sind nicht nur unbeschwert und positiv, sondern auch hässlich und gefährlich. Gerade dieser kritische Blick verleiht dem Roman neben seiner entspannten Fröhlichkeit und seiner Poesie auch Doppelbödigkeit und Tiefe.

"Margos Spuren" entwickelt sich entlang an Walt Whitmans großem Poem "Lied auf mich selbst" aus der Sammlung "Grashalme". Quentin liest das Gedicht fast wie einen Wegweiser zu Margo. Doch irgendwann begreift er, dass Literatur nicht wörtlich zu nehmen ist. Dass ihre wahre Stärke in einer Sprache liegt, die trifft, in den Bildern, die sie entwirft, in den neuen Räumen, die sie öffnet und in den Geheimnissen, die sie gerade nicht auflöst. Mit John Greens Roman können junge Leser eine ähnliche Erfahrung machen.

Rezensiert von Sylvia Schwab

John Green: Margos Spuren
Aus dem Englischen von Sophie Zeitz
Carl Hanser Verlag, München 2010
336 Seiten. 16,90 Euro

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