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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 23.12.2005

Ein Buch über Menschen und Bücher

Roman "Die Geschichte der Liebe"

Rezensiert von Gertrud Lehnert

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Die Botschaft ist so einfach wie alt: Texte schaffen Bande zwischen Menschen. (Deutschlandradio / Bettina Straub)
Die Botschaft ist so einfach wie alt: Texte schaffen Bande zwischen Menschen. (Deutschlandradio / Bettina Straub)

Leo Gursky, über 80, polnischer Jude, lebt seit Jahrzehnten in New York. Als junger Mann hat er für seine Geliebte ein Buch geschrieben: Die Geschichte der Liebe. Das Manuskript ging verloren. Über das Motiv des Buchs im Buch gelingt der 31-jährigen Autorin Nicole Krauss, eine reiche Geschichte zu entfalten.

Nicht schon wieder eine der zurzeit so typischen New Yorker Geschichten über einen verschrobenen alten Mann – das war mein Stoßseufzer nach den ersten Seiten. Am Ende des zweiten Romans der 31-jährigen Nicole Krauss angelangt, bin ich froh, dass ich "Die Geschichte der Liebe" gelesen habe: ein schönes Buch über Menschen und Bücher, über Leben und Sterben, Liebe und Verrat, Einsamkeit und Verlust. Ist es nicht vermessen, in einem einzigen Roman so viele essentielle Themen auf einmal abzuhandeln?

Das kann leicht kitschig werden. Die unterschiedlichen Perspektiven, in denen der Roman erzählt wird, bannen aber diese Gefahren ebenso wie seine sanfte Ironie und gelegentliche verhaltene Komik. Nicole Krauss gelingt immer wieder die schwierige Balance zwischen unvermitteltem Pathos und ästhetischer Distanz.

Leo Gursky, über 80, polnischer Jude, lebt seit Jahrzehnten in New York und macht sich sichtbar: Extra lässt er beim Einkaufen Geld fallen. Er nötigt Schuhverkäufer, ihm Turnschuhe anzuprobieren, die er nicht kauft, oder verdingt sich als Aktmodell — ein täglicher Kampf gegen die Unsichtbarkeit. Im faschistischen Europa hat die Unsichtbarkeit ihm das Leben gerettet. Heute bedroht sie ihn mit dem Tod, mit einem Verschwinden, das keine Spuren hinterlässt. Und Spuren möchte er hinterlassen.

Leo hat sein Leben lang nur eine Frau geliebt, Alma, die ihm durch Krieg und Holocaust verloren ging. Als er sie Jahre später in New York wieder findet, ist sie mit einem anderen Mann verheiratet und hat einen Sohn — Leos Sohn, der von seinem wirklichen Vater nichts erfährt. Leo sehnt sich danach, seinen Sohn kennen zu lernen —aber er tut nichts dafür. Und dann ist es zu spät, denn Isaac, der ein bedeutender Schriftsteller geworden ist, stirbt im Alter von 60 Jahren.

Leo hat als junger Mann für seine Geliebte ein Buch geschrieben: Die Geschichte der Liebe. Das Manuskript — aus dem wir nur Bruchstücke mitgeteilt bekommen — geht verloren, gelangt auf Umwegen nach Lateinamerika, wird dort aus dem Jiddischen ins Spanische übersetzt und unter falschem Namen veröffentlicht. Dieses Buch schenkt ein junger Israeli seiner Frau; beide nennen ihre Tochter nach der Alma des Romans. Viel später erhält die Ehefrau den Auftrag, den spanischen Roman ins Englische zu übertragen. So ist im Roman schließlich von drei Versionen der Geschichte der Liebe die Rede, die das Leben der Menschen, die damit in Berührung kommen, verändern — und die vierte Version ist das Buch gleichen Titels, das wir in Händen halten.

Dessen weibliche Protagonistin und Erzählerin ist die zweite Alma, mittlerweile 14 Jahre alt. Ihr Vater ist gestorben, ihre Mutter vergräbt sich in ihrem Kummer, ihr kleiner Bruder wird manisch religiös und hält sich für einen Messias. Alma selbst befasst sich vorwiegend mit Survival-Techniken für die Wildnis, obgleich sie mitten in New York lebt. Und sie beginnt die Suche nach der Alma aus jener "Geschichte der Liebe", den ihre Mutter gerade übersetzt — und nach einem Mann, der ihre Mutter wieder glücklich machen kann.

Nicole Krauss gelingt es, aus dem in der Postmoderne wieder besonders beliebten Motiv des Buchs im Buch eine neue Geschichte zu entfalten. Die Botschaft ist so einfach wie alt: Texte schaffen Bande zwischen Menschen, beeinflussen Schicksale, Schreiben ist ein Kampf gegen Einsamkeit und Tod. Das Scheitern lauert überall, aber nicht minder der Überlebensoptimismus.

Nicole Krauss erzählt die komplexe, an Schicksalen, Menschen, Zeiten, Schauplätzen und Themen reiche Geschichte mit leichter Hand. Die anfangs scheinbar losen Fäden werden immer fester verwoben. Die Figuren — viel mehr, als hier erwähnt werden können — erhalten immer mehr Konturen und werden immer lebendiger. Sie sind allesamt auf ihre je eigene Art höchst skurril. Am Ende steht ein Happy End, das keines ist. Der Roman entlässt seine Leserinnen und Leser mit einer Lakonie, die paradoxerweise etwas Tröstliches hat.

Nicole Krauss:
Die Geschichte der Liebe.

Aus dem Englischen von Grete Osterwald.
Reinbek (Rowohlt) 2005, 352 S., € 19,90

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